VonKarsten-Dirk Hinzmannschließen
Die Fregatte gilt wieder als ernstzunehmender Gegner – ihre Raketen-Startrampe ist repariert. Nach fünf Jahren. Ein später Sieg im „Inneren Gefecht“.
Wilhelmshaven – Daniel Lackner hatte ein Gefecht gewonnen – und dieser Tag hängt ihm immer noch nach: inzwischen golden funkelnd über der linken Brusttasche seiner Uniform. Der Hauptbootsmann ist ausgezeichnet worden dafür, dass er zusammen mit zwei Kameraden auf seiner Fregatte „Sachsen“ Schlimmeres verhindert hatte, als am 21. Juni 2018 die Senkrechtstartanlage VLS Mk41 („Vertical Launch System“) für Flugabwehrraketen „Standard Missile 2“ während eines Manövers Feuer fing – laut der Bild soll dadurch ein Schaden von 40 Millionen Euro entstanden sein. Dafür, dass das Schiff ansonsten intakt blieb, erhielten Hauptbootsmann Lackner und seine Kameraden das Ehrenkreuz der Bundeswehr in seiner Sonderform für besonders herausragende Leistungen.
Jetzt ist das VLS wieder eingebaut und die „Sachsen“ wieder bereit zum Schuss – nach fünf Jahren des Wartens auf Ersatzteile und nach einer Do-It-Yourself-Reparatur in Wilhelmshaven, wie verschiedene Medien berichten. Im Juni 2018 war die Luftverteidigungs-Fregatte zum jährlichen Flugkörperschießen der Marine, der Missile Firing Exercise 2018, eingeteilt gewesen. Beim scharfen Schuss mehrere Dutzend Kilometer vor Nordnorwegens Küste kam es dabei zu einem Unfall mit ihrem Vertical Launch System (VLS). Hierbei wurde das ursprüngliche VLS irreparabel beschädigt, was den vollständigen Austausch der Startanlage erforderlich machte. Das VLS-System musste zudem durch den amerikanischen Hersteller für diese Maßnahme komplett neu produziert werden, mit der Folge, dass eine aktuellere Version der Startanlage beschafft werden konnte.
VLS-Anlagen werden in der Regel einmalig beim Bau eines Kriegsschiffes integriert. Der Einbau einer neuen Startvorrichtung auf einem bestehenden Schiff und damit verbundene Anpassungen waren daher eine besondere Herausforderung, konnten aber insbesondere durch das Personal des Marinearsenals in Wilhelmshaven in großen Teilen selbst erbracht werden. „Gleichzeitig wurde so ein erheblicher Betrag an Steuergeldern eingespart“, schreibt das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr.
Admiral fordert: Nato benötigt eine einsatzfähige deutsche Marine
Mit der Reparatur in Eigenregie kommt das „Beschaffungsamt“ aus Koblenz einem Herzenswunsch von Experten nach. Genau dafür nämlich sprach sich zuletzt 2020 der ehemalige Ministerrialrat Jörg Alter auf einem Treffen des Deutschen Marinebundes aus. Gegenüber diesem größten deutschen maritimen Interessenverband betonte er die Notwendigkeit, die Kompetenz im deutschen Schiffbau wieder zu fördern. Ein weiterer Referent der Veranstaltung sah dagegen Sturmwolken am Horizont aufziehen.
Die Deutsche Marine bewältigt gegenwärtig das umfangreichste Aufgabenspektrum mit der gleichzeitig kleinsten Flotte ihrer Geschichte. Neben den Aufgaben der Landes und Bündnisverteidigung sind die maritimen Einsätze im Rahmen des internationalen Krisen- und Konfliktmanagements und die Beteiligung an den ständigen Einsatzverbänden der Nato bruchfrei sicherzustellen. „Dieser überaus fordernde Beitrag muss im Wesentlichen mit der Kernflotte der Deutschen Marine – derzeit 46 Marineeinheiten – geleistet werden. Dies bedeutet, dass es in dieser historisch kleinen Flotte faktisch keine Redundanzen mehr gibt“, sagte Frank Martin Lenski, Vizeadmiral der Marine und Stellvertreter des Inspekteurs der Marine und Befehlshaber der Flotte und Unterstützungskräfte.
Mit der jetzt einsatzbereiten Raketentechnik der „Sachsen“ ist ein Loch über dem Gebiet des Nato-Bündnisses wieder gestopft. „Unter dem Schutzschirm der Sachsen-Klasse ist jedes Schiff sicher“, schreibt die Bundeswehr über ihre drei Schiffe der „Sachsen“-Klasse. Sie sind die stärksten Schiffe der deutschen Marine – zu dieser Schiffsklasse gehören die
- F219 „Sachsen“, im Dienst seit 2004,
- F220 „Hamburg“, im Dienst seit 2004,
- F221 „Hessen“, im Dienst seit 2006.
Alle Schiffe sind konzipiert als Mehrzweckschiffe für Geleitschutz und Seeraumkontrolle mit dem Schwerpunkt auf Luftverteidigung: Mit ihrem Radar kann ein einziges Schiff der „Sachsen“-Klasse zum Beispiel den Luftraum über der gesamten Nordsee überwachen. Laut Bundeswehr-Angaben ist ihr Radar fähig, mehr als 1.000 Ziele gleichzeitig zu erfassen. Im Gefecht reichen die Flugabwehrraketen vom Typ SM2 aus ihrem Senkrecht-Startsystem mehr als 160 Kilometer weit. Aufgrund diese Fähigkeiten waren diese Fregatten schon mehrmals im Nordatlantik in Flugzeugträger-Kampfgruppen der US Navy integriert.
So eindrucksvoll sich die Informationen der Bundeswehr lesen, so sehr hat die Marine im Gesamten enorme Schlagseite – die Havarie der Abschussrampe an der „Sachsen“ ist kein Einzelfall an strukturellen Unzulänglichkeiten. Das Schwesterschiff der „Sachsen“, die „Hamburg“ lag vor 2019 zweieinhalb Jahre auf dem Trockenen, weil die Rechner ausgetauscht werden mussten. Auch die Fregatte „Brandenburg“ machte immer wieder Schwierigkeiten – sie ist die Namenspatronin der Klasse 123 und wurde im Oktober 1994 in Dienst gestellt. Ihr folgten die „Schleswig-Holstein“, die „Bayern“ und die „Mecklenburg-Vorpommern“.
Experte kritisiert: „Kriegstüchtigkeit“ wird zweitrangig behandelt
Am Beispiel der „Brandenburg“ zitiert der Militär-Journalist Thomas Wiegold auf augengeradeaus.net den offiziellen Abschlussbericht nach einer Reparatur dieses Schiffes: „Die Verzögerungen wurden in erster Linie durch fehlende Ersatzteile, verzögerte Instandsetzungen, nachträglich erkannte Schäden und Mängel sowie die deutliche Überforderung der Werkstätten des Marinearsenals Wilhelmshaven und der damit einhergehenden mangelhaften Kommunikation verursacht. Es drängte sich der Verdacht auf, dass es im Kern eines Instandsetzungsvorhabens nur um den rechts- und regelkonformen Prozess- und Verfahrensablauf, nicht jedoch um die zeitgerechte Wiederherstellung der vollen Einsatzfähigkeit eines Kampfschiffes geht.“
Das Fazit liefert Wiegold gleich mit: „Bei einer technischen Havarie besteht keine Gefahr für Leib und Leben, sagen die Juristen im Verteidigungsministerium und im Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr. Die Folge: Die Arbeiten müssen ausgeschrieben werden – erwartete Dauer je nach Vertragskonstrukt zwischen vier und neun Monaten. Ehe der erste Handschlag für die Reparatur gemacht wird.“
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat inzwischen Gegenkurs gesetzt: „Der Faktor Zeit hat oberste Priorität bei der Beschaffung“ zitierte ihn das Bundesministerium für Verteidigung nach einem Gespräch mit mittelständischen Industrievertretern im Mai dieses Jahres. Es gelte, im Beschaffungswesen der Bundeswehr Fesseln abzulegen. Munition, Material und Ausrüstung müssten schnellstmöglich an die Truppe geliefert werden, sagte Pistorius vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges und seiner Auswirkungen auf Deutschland.
Wissenschaftler urteilt: Seestreitkraft ist klein, wird aber überall gebraucht
Ohnehin dürfe gerade die Marine am wenigsten darben, kritisieren Beobachter. Die Mängel an Material und an Personal träfen die Marine ausgerechnet in einer Zeit, in der die deutschen Seestreitkräfte in besonderer Weise in internationale Einsätze eingebunden seien, so Sebastian Bruns vom Kieler Institut für Sicherheitspolitik gegenüber dem Deutschlandfunk: „Die Marine ist von der Bundesregierung in den letzten zehn, 15, vielleicht sogar 20 Jahren als ein ideales Instrument entdeckt worden, wie man die Bundeswehr einsetzen kann, wie man sich militärisch international in Konflikt-Szenarien, in Krisenverhütung engagieren kann, ohne ‚boots on the ground‘, ohne Heeressoldaten irgendwo hin zu schicken, irgendwo Überflugrechte für deutsche Kampfjets zu sichern. Und die Seestreitkräfte sind aber eben die kleinste Teilstreitkraft der Bundeswehr, sie haben aber überproportional viele Einsätze.“
Nato: Die wichtigsten Kampfeinsätze des Verteidigungsbündnisses




Nach dem „Munitionsunfall“, wie die Bundeswehr so etwas nennt, haben alle Kameraden von Hauptbootsmann Daniel Lackner einen Preis bekommen – die Besatzung der „Sachsen“ lobte der Kommandeur des 2. Fregattengeschwaders, Kapitän zur See Sven Beck, mit den Worten: „In dieser Nacht haben Sie den Sieg im Inneren Gefecht eingefahren.“ „Inneres Gefecht“ bezeichnet im Militär allgemein die Schadensabwehr – was die Frage aufdrängt: Wer ist der wahre Gegner?
