Gegenoffensive der Ukraine

Trotz hoher Verluste: Experten sehen Putins Truppen um Bachmut am Drücker

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Verluste ohne Ende: Ein zerstörter russischer T-72-Panzer in der Ukraine. Der Turm wurde offenbar durch eine Explosion weggesprengt. Die russischen Truppen kämpfen trotzdem verbissen.
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Der Clip erinnert an ein Video-Game: Umspielt von harten Techno-Beats fliegt auf Telegram ein Russen-Panzer in die Luft. Das soll der Ukraine Mut machen.

Bachmut – Carlo Masala äußert sich inzwischen vorsichtiger zum Verlauf des Ukraine-Krieges. Er sieht einen Wendepunkt heraufziehen oder zumindest das „Momentum“ des ukrainischen Angriffsschwunges gegen die Truppen von Wladimir Putin verblassen: „Russland hat auf Kriegswirtschaft umgestellt und fertig im großen Stil Panzer und Munition. Es ist in der Lage, jede Menge Material an die Front zu werfen. Das lässt zwar qualitativ zu wünschen übrig. Aber die alte russische Strategie besteht darin, dass Quantität mit der Zeit eine Qualität an sich wird“, schreibt der Politikwissenschaftler im Hamburger Abendblatt.

Vor dem Hintergrund des inzwischen lauter werdenden Zweifels am Ausgang der Materialschlacht zwischen Russland und der Ukraine berichtet Newsweek über einen Clip auf dem Social Media-Kanal Telegram, der aussieht, als stammte er aus dem Panzer-Shooter „World of Tanks“: Eine ukrainische Drohne killt einen russischen T-72B2-Panzer. Geschehen sein soll das rund um die umkämpfte Stadt Bachmut. Allerdings berichtet auch Newsweek vorsichtig: „In einem Clip, den Yuriy Fedorenko, der Kommandeur der ukrainischen Drohnenkompanie Achilles innerhalb der 92. Angriffsbrigade des Landes, geteilt hat, schießt eine First-Person-View-Drohne (FPV) direkt auf etwas zu, das wie ein russischer T-72B2-Panzer aussieht. Der Feed wird dann unterbrochen, wenn die Drohne auf den Panzer trifft, bevor das Video zu einem Moment schneidet, der scheinbar die schwelenden Überreste des Fahrzeugs zeigt.“

Immerhin ist das Szenario realistisch – selbst die immer wieder als Gamechanger apostrophierten westlichen Panzer sehen gegen die Bedrohungen aus dem Baumarkt alt aus, wie Ralf Ketzel, der Geschäftsführer des Leopard-Produzenten Krauss-Maffai Wegmann, gegenüber dem Magazin cpmDefenseNetwork klarstellt: „Wir müssen uns intensiv mit dem Thema Drohnen beschäftigen. So müssen wir uns zum Beispiel fragen, wie Drohnen tatsächlich bekämpft werden sollen. Schließlich reden wir bei der Bedrohung von billigen Massenprodukten. Es wird also zusätzliche Lösungen geben müssen, die ich allerdings nur bedingt auf dem Leopard sehe, eher auf anderen geschützten Kettenfahrzeugen. Wir müssen uns meiner Ansicht nach von der Vorstellung lösen, dass man alle Aufgaben in einem System realisieren könnte. Der Leopard bringt die Durchschlagskraft mit, der Puma – oder ein anderes Fahrzeug – den Schutz vor Drohnen.“

Video: Futter für Durchhaltewillen und Kampfgeist der Ukraine

Wenn das für High-Tech-Waffen wie den Leopard oder eine kettenrasselnde Festung wie den amerikanischen Abrams M1 gelten sollte, dann wohl ähnlich für einen russischen Panzer gleich welchen Typs. Allerdings ist das ein möglicher Fehlschluss, der Zweifel am Ausgang des Ukraine-Krieges förmlich aufdrängt: Der russischen Führung ist der einzelne Panzer völlig egal, ebenso steht sie der Zahl verlorener Panzerfahrzeuge gleichgültig gegenüber – Carlo Masalas Aussage, nach der Quantität die russische Qualität bedeutet, wird gestützt beispielsweise auch vom Militärhistoriker Ralf Raths, dem Direktor des Deutschen Panzermuseums in Munster: Ihm zufolge zählt die russische Führung in der Landkriegsführung immer auf die Leistung des Verbands, nie auf den Wert des einzelnen Fahrzeugs.

Insofern relativiert sich die Aussage von Mychajlo Fedorow, dem ukrainischen Minister für digitale Transformation, gegenüber Newsweek: „Die Russen verlieren an einem Abend Ausrüstung im Wert von mehr als sieben Millionen US-Dollar“, sagte er in einer Erklärung. Beobachter, Wissenschaftler, Journalisten bringt die Veröffentlichung einer solchen Behauptung in die Zwickmühle „zwischen Patriotismus und objektiver Berichterstattung“, wie die Tagesschau meint. „Solche Legenden entstehen in Kriegen, um Durchhaltewillen und Kampfgeist aufrecht zu erhalten.“ Dem diene auch das Übertreiben von Erfolgen und Verschweigen von Informationen zum Beispiel über eigene Verluste. 

Drohnen: Tödliches und günstiges Mittel selbst gegen Panzer

Letztendlich ist die Wahl der Waffen vor allem eine Kostenfrage – die Drohne ist so tödlich wie günstig. In diesem Winter werden beide Gegner ihre Drohnen allerdings auf Widerstandsfähigkeit testen müssen. Gleichzeitig ist der Bedarf an FPV-Drohnen für die Streitkräfte der Ukraine enorm hoch. Die Mindestanzahl der für eine Brigade – ungefähr 1.500 Soldaten – erforderlichen Drohnen beträgt 1.000 Einheiten, während die Einsatztrupps zehn bis 15 FPV-Drohnen pro Einsatztag nutzen können, rechnet das Magazin Defense Express vor. Ohnehin schickt sich die Ukraine an, weltweit führender Hersteller von Drohnen zu werden, sogar eine „Drohnenarmee“ aufzustellen, wie der stellvertretende ukrainische Ministerpräsident Mychajlo Fedorow angekündigt hat.

Gerade der jetzt einbrechende Winter bringt Hightech beziehungsweise FPV-Drohnen an ihre Grenzen – „First-Person-View“-Drohnen übermitteln dem Piloten via Bordkamera ein Bild auf sein Handy oder Tablet, der Bediener am Boden sitzt sozusagen virtuell im Cockpit. Defense Express zitiert als Drohnen-Experten, Mykola Wolochow, den Kommandeur der Terra-Luftaufklärungseinheit der 3. Angriffsbrigade der Ukraine: „FPV-Drohnen sind ein äußerst effektives, aber situatives Werkzeug. Wenn die Verteidigung beispielsweise ausschließlich auf dem Einsatz von FPV-Drohnen basiert, müssen die Besatzer nur auf einen ausreichend dichten Nebel warten, um die Verteidigungslinie mit gepanzerten Fahrzeugen zu zerstören.“ 

Bachmut: Die Stadt bleibt im Würgegriff von Wladimir Putins Truppen

Die zerstörte Stadt Bachmut steht seit Mai 2023 unter russischer Kontrolle, doch die Ukraine setzt ihre Bemühungen fort, die Kontrolle Moskaus über die Siedlung aufzubrechen. Russland behauptet, laut Newsweek, dass russische Truppen mit ihren T-72B3-Panzern rund um die nordostukrainische Stadt Kupjansk, „getarnte Stellungen zerstört“ und eine nicht näher bezeichnete Anzahl ukrainischer Soldaten getötet hätten – möglicherweise gehört einer der Panzer im ukrainischen Clip zu den beschriebenen russischen Einheiten.

„Die Ukraine ist in den letzten Jahren und insbesondere seit Beginn des Krieges zu einer Drohnenmacht geworden“, sagte Ulrike Franke, vom European Council on Foreign Relations gegenüber dem ZDF. Und sie ist sich ziemlich sicher: „Es ist wahrscheinlich, dass die Ukraine aus diesem Krieg als wichtiges Drohnenherstellerland hervorgehen wird.“ Allerdings sagt das wenig über den Ausgang des Krieges.

Immerhin ist Bachmut noch umkämpft, wobei verschiedene Medien bereits im März 2023, also ein Jahr nach Ausbruch des Krieges, berichtet hatten, dass die Stadt von russischen Truppen eingekesselt sei und insofern kurz vor dem Fall stünde. Laut aktuellen Informationen des Institute for the Study of War (ISW) hätten beide Parteien rund um Bachmut keine gewinnbringenden Bewegungen machen können: Ukrainische Streitkräfte führten Offensivoperationen in der Nähe von Bachmut durch, machten jedoch keine größeren Vorstöße, sondern lieferten sich mehr oder weniger heftige Scharmützel mit ukrainischen Truppen. Der ukrainische Generalstab berichtete aktuell, dass die ukrainischen Streitkräfte ihre Angriffsoperationen südlich von Bachmut fortsetzten. Das russische Verteidigungsministerium behauptete, dass ukrainische Streitkräfte in der Nähe von Klischtschijiwka – sieben Kilometer südwestlich von Bachmut – erfolglos in Richtung Bachmut angegriffen hätten.

Kriegswirtschaft: Experten raten der Nato zu mehr Anstrengungen

Immerhin behandeln viele Meldungen beider Kriegsparteien über die Lage rund um Bachmut russische Offensiven – ohne nennenswerte Erfolge der Ukraine dagegen erkennen zu können: Russische Milblogger behaupteten, dass russische Streitkräfte bis zum östlichen Stadtrand von Bohdanivka – sechs Kilometer nordwestlich von Bachmut –vorgedrungen seien; südlich des Stausees Berchiwka – ungefähr zwei Kilometer nordwestlich von Bachmut – und Khromowe – unmittelbar westlich von Bachmut – in den Höhen nördlich von Klishchiivka und in Richtung Ivanivske – sechs Kilometer westlich von Bachmut. Der ukrainische Generalstab berichtete gleichlautend, dass russische Streitkräfte in der Nähe von Bohdaniwka, Iwaniwske, Klischtschiwka und Andrijiwka – zehn Kilometer südwestlich von Bachmut – erfolglos angegriffen hätten.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Deutlich wird deshalb Oberst Markus Reisner, Offizier des österreichischen Bundesheeres, Historiker und Vorstandsmitglied des Clausewitz Netzwerks für Strategische Studien gegenüber der Tagesschau: „Ich glaube, die Lage ist sogar noch prekärer als im vergangen Jahr. Da war Russland lange in der Defensive. Die russische Seite hatte Angst, die besetzten Gebiete zu verlieren. Darum hat sie begonnen, sich einzugraben. Die Ukraine ist dann mit dem zur Verfügung stehenden Gerät in die Offensive gegangen und gescheitert. Nach diesem Abwehrerfolg hat sich die russische Stimmung ins Positive verändert. Und jetzt glauben die Russen sogar, dass sie die Ukrainer über die Zeit in die Knie zwingen können.“

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