Vom Schlimmsten ausgehen – ohne Patriots wäre der nächste Krieg von vornherein verloren
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Die Deckung über dem Himmel der Nato ist löchrig. Das Patriot-System hat in der Ukraine sein Können bewiesen, ist aber für einen Krieg viel zu teuer.
Kiew – Fabian Hoffmann sieht die Sache glasklar: Er rechnet mit einem Angriff Russlands auf die Nato binnen zwei bis drei Jahren nach Beendigung des Ukraine-Krieges. Da Wladimir Putins Armee dem Westen konventionell unterlegen sei, bliebe ihm nur ein raketengestützter Überfall von der Enklave Kaliningrad aus gegen Teile des Baltikums. Darauf müsse sich die Nato einstellen. Andere Wissenschaftler halten diesen Pessimismus für überzogen – allerdings, so beispielsweise der deutsche Politikwissenschaftler Carlo Masala in einem Beitrag auf X (vormals Twitter): Man solle sich lieber auf das Worst-Case-Szenario vorbereiten, als zu hoffen, „das werden die schon nicht machen“, wie er schreibt.
Das heißt: mit einer schlagkräftigen Luftabwehr hätte die nordatlantische Verteidigungsallianz viel Sicherheit zurückgewonnen – das Patriot-System soll dabei eine tragende Säule werden. Sie habe sich jetzt auch bereits in der Ukraine bewährt, wie der Businessinsider aktuell berichtet. Ihm zufolge sei aus dem us-amerikanischen System mit vielen Kritikern ein wahrer Kriegsheld geworden.
Patriot: Der Kriegsheld war lange ein Wackelkandidat
Ältere Patriot-Raketen für die Luftverteidigung wurden 1990 im Zweiten Golfkrieg, beziehungsweise in der Offensive unter dem Namen „Operation Desert Storm“ als strategische Maßnahme in den Kampf geschickt, obwohl die Wirksamkeit gegenüber den irakischen Scud-Raketen damals kontrovers diskutiert worden war und das System noch lange als wackelig beschrieben wurde – der Businessinsider nennt als Beispiel der Abschuss eines US-amerikanischen F/A-18C Hornet-Jets durch einen Patriot im Jahr 2003. Eine Untersuchung kam zu dem Schluss, dass die Patriot den Jet fälschlicherweise als ankommende irakische Rakete identifiziert hatte und dass Soldaten gegen eigene Raketenabschussverfahren verstoßen hatten.
Der Patriot hat in der Ukraine ziemlich spektakuläre Leistungen erbracht.“
Die Folgebemühungen in den 1990er-Jahren führten zur Patriot Advanced Capability (PAC) – einem Anpassungsprogramm in mehreren Stufen zur Steigerung des Kampfwertes, vor allem softwareseitig. Im Gegensatz zur Erfahrung beim Wüstensturm besiegten Patriot-Raketen während der „Operation Iraqi Freedom“ im Jahr 2003 jede ballistische Rakete von irakischer Seite. Trotz des „friendly fire“ auf den eigenen Jet hatte sich das System damit durchgesetzt. Seit 2015 hat Patriot zahlreiche Raketen und Drohnen erfolgreich im Jemen-Raketenkrieg ausgeschaltet. Israel hat es ebenfalls mehrfach eingesetzt, um Drohnen, Flugzeuge und andere Bedrohungen abzuwehren.
Der Thinktank Center for Strategic und International Studies (CSIS) hatte anfangs des Ukraine-Krieges dennoch verhaltenen Optimismus bezüglich des Patriot-Einsatzes geäußert: Patriot werde kein Gamechanger werden, da sein Nutzen durch die Reichweite, die einsetzende Einheit und die hohen Kosten seiner Geschosse begrenzt sei. Das Engagement der USA beurteilten die CSIS-Autoren Mark Cancian und Tom Karako denn auch nüchtern: „Die Vereinigten Staaten schicken Patriot aus drei Gründen in die Ukraine: um beizutragen zur Abwehr russischer Raketenangriffe, die ukrainische Städte treffen und die Versorgungseinrichtungen zerstören; um deutlich die politische Unterstützung zum Ausdruck bringen; und weil die Vereinigten Staaten kaum andere Luftabwehrraketen zu entsenden haben.“
Patriot: Die einzige Rakete, die Putin Paroli bieten kann
Inzwischen wird die ganze Welt von Russlands Raketen bedroht – und das in den Augen weitsichtiger Militärs bereits seit der russischen Annexion der Krim 2014. Schon 2013 hatte der ehemalige deutsche Nato-General Egon Ramms in der Bild gewarnt, Putins Raketen-Strategie bedeute einen Rückfall in Denkmuster des Kalten Krieges und sie als klare machtpolitische Kampfansage an die Nato gewertet. Hintergrund dieser Äußerung war die Stationierung der ersten 48 Iskander-Raketen in der russischen Enklave Kaliningrad entlang der Grenze zum Baltikum, also Estland, Lettland, Litauen. Fünf Jahre später folgten weitere Raketen. Warschau, Berlin, Kopenhagen und das südliche Schweden lagen plötzlich in Reichweite von russischer Feuerkraft.
Treffsicher, tödlich, teuer – ein Patriot-Flugabwehrsystem verschießt eine Rakete. In der Ukraine hat sie ihren Wert bewiesen, die Nato will damit ihre Deckung am eigenen Himmel schließen. (Symbolfoto)
„Die Patriot hat in der Ukraine ziemlich spektakuläre Leistungen erbracht“, sagte Justin Bronk, ein Luftwaffenexperte am britischen Royal United Services Institute (RUSI), gegenüber dem Businessinsider. Allerdings fehlen belastbare Beweise, wie alle Experten gegenüber dem Businessinsider einräumen. Immerhin: Russland hat die Ukraine trotz aller Luftschläge bisher nicht in die Knie zwingen können – allein das wird als Ausweis der Leistungsfähigkeit der Patriot gewertet. Rajan Menon, Direktor der US-amerikanischen Denkfabrik Defence Priorities, sagte: „Ohne die Patriot und andere Systeme wären die ukrainischen Städte in einer sehr schlechten Verfassung. Die von den USA und dem Westen gelieferte Luftverteidigung war absolut entscheidend.“
Patriot: Die eigenen Kosten sind sein größter Feind
Im Frühjahr 2023 lieferten die USA und Deutschland die ersten dieser modernen Flugabwehrsysteme in das Kriegsgebiet. Im Dezember 2023 folgte ein drittes System aus Deutschland. Offenbar hat die Ukraine mittlerweile damit fünf Patriot-Batterien, wie das Wall Street Journal im Dezember berichtete. Die genaue Zahl und deren Standorte bleiben aber verborgen. Russland war bislang augenscheinlich außerstande, die ukrainische Flugabwehr zu zerstören oder signifikant zu schwächen, und setzt auch deswegen seine Luftstreitkräfte eher risikoarm ein – und vor allem gegen zivile Ziele. Dennoch sind Flugkörper für Wladimir Putin das Mittel der Wahl. Allerdings ist die ökonomische Reichweite der Patriot begrenzt.
Das CSIS beziffert die Kosten für eine Batterie auf bis zu 1,1 Milliarde Euro – rund 370 Millionen Euro für das System und rund 650 Millionen Euro für die Raketen. Das mache die Patriot-Systeme zum bislang teuersten Waffensystem, das die USA der Ukraine zur Verfügung gestellt haben, weswegen ein Schulterschluss der Nato-Partner um so wichtiger wird, um sich gegenüber dem us-amerikanischen System autonom aufzustellen. Seit Mitte vergangenen Jahres ist der zweite Schritt der „Sky Shield Initiative“ erreicht, ein Zusammenschluss von 21 europäischen Staaten, die künftig auf ein paralleles System zu Patriot setzen wollen.
Patriot: Sammelbestellung der Nato – Vorbereitung auf den worst case
Eine Abwehr von Marschflugkörpern einschließlich hypersonischer Flugkörper ist aufgrund deren niedriger Flughöhe und damit einer sehr späten Erfassung nur im Sinne eines Schutzes einzelner Objekte möglich, ein umfassender Schutz in der Fläche sei also nach Angaben des deutschen Verteidigungsministeriums enorm kostspielig und nur mit einer Vielzahl an Systemen zu realisieren – das wiederum verdeutliche die Notwendigkeit eines multinationalen Ansatzes, der jetzt mit IRIS-T SLM (Infra Red Imaging System Tail Surface Launched Medium Range) verwirklicht werden soll.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Justin Bronk stellt im Businessinsider wie alle Experten fest, dass ein „massiver weltweiter Mangel“ an Patriot-Raketen bestehe, da das System zwar in vielen Ländern eingesetzt werde, aber eben ein dauerhafter Einsatz die Ressourcen schneller verbrauche als sie wieder aufgefrischt werden könnten – die Ukraine kämpfe daher nicht nur primär gegen die russischen Raketenschläge, sondern gegen den vernünftigen Einsatz mit begrenzten Mitteln. Der Politikwissenschaftler Fabian Hoffmann von der Universität Oslo will die westlichen Länder deshalb in zwei bis drei Jahren so hochgerüstet wissen, dass Putin ein Angriff auf die Nato viel zu teuer zu stehen käme. Hoffmann spricht explizit von einem anlaufenden „Wettstreit der Risikobereitschaft“ zwischen Russland und dem Westbündnis.
„Die Militärstrategie Russlands baut im Prinzip auf zwei Komponenten auf: Das eine sind die militärischen Fähigkeiten, wie sie jetzt auch in der Ukraine zum Einsatz kommen; das andere ist die Willenskraft, in einem Kampf mit der Nato durchzuhalten und auch davon auszugehen, dass die Nato nicht bereit wäre, immer größere Risiken in einer aktiven Kampfhandlung mit Russland einzugehen“, wie Hoffmann sagt. Die USA verfügen beispielsweise über 15 Patriot-Systeme, die Bundeswehr über zehn, nachdem sie zwei an die Ukraine abgegeben hat; jetzt will die Nato gemeinsam bis zu 1.000 Patriot-Raketen kaufen zu einem geschätzten Preis von mehr als fünf Milliarden Euro – ganz klar die Vorbereitungen auf ein worst-case-Szenario.