Sozialstaat im Stresstest

Experten warnen: Warum die Bürgergeld-Reform von Merz nicht funktionieren wird

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Härtere Strafen, weniger Karenz, mehr Druck: Die schwarz-rote Koalition will das Bürgergeld abschaffen. Fachleute und Gewerkschaften zweifeln.

Berlin – Union und SPD haben sich nach wochenlangen Verhandlungen auf eine grundlegende Reform des Bürgergelds geeinigt. Künftig soll die Leistung „Grundsicherung für Arbeitssuchende“ heißen. Die Regierung spricht von einem Neustart der Sozialpolitik und einem gerechteren System. Doch Fachleute bezweifeln, dass der Plan wirklich funktioniert. Viele warnen vor einem Rückfall in alte Muster – und vor einem verfassungsrechtlich riskanten Kurs.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) bei der Pressekonferenz nach dem Koalitionsausschuss im Bundeskanzleramt in Berlin: Die Regierung will das Bürgergeld abschaffen und durch eine „Grundsicherung für Arbeitssuchende“ ersetzen. Kritiker warnen vor sozialen Härten und verfassungsrechtlichen Risiken.

Die Reform sieht weitreichende Änderungen vor: härtere Sanktionen, weniger Schonvermögen, schnellere Vermittlungen. Die Regierung verspricht sich dadurch Milliardenersparnisse und mehr Druck auf Arbeitssuchende. Doch Expertinnen und Experten, Gewerkschaften und Teile der SPD sehen darin vor allem Symbolpolitik – mit ungewissem Nutzen und hohem Risiko für die Betroffenen.

Warum die Bürgergeld-Reform von Merz nicht funktionieren wird

„Wer nicht mitmacht, wird es schwer haben“, sagte Arbeitsministerin Bärbel Bas laut der WirtschaftsWoche. „Wir verschärfen die Sanktionen bis an die Grenze dessen, was verfassungsrechtlich zulässig ist.“ Die geplante Reform erlaubt künftig drastische Kürzungen bis hin zur Totalsanktion, wenn Termine im Jobcenter versäumt oder zumutbare Jobs abgelehnt werden.

Nach Informationen der BILD droht bei drei verpassten Terminen vollständig der Leistungsstopp. Außerdem: Sollte sich der Arbeitslose nach der 100-Prozent-Streichung auch im darauffolgenden Monat nicht beim Jobcenter melden, soll auch seine Miete nicht länger überwiesen werden. Die Bundesregierung will damit sogenannten „Totalverweigerern“ schneller die Leistungen kürzen. Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft lobt gegenüber der BILD zwar den Ansatz, sieht aber Grenzen: „Die Reform ist ein Schritt nach vorn. Der große Wurf ist das aber nicht.“

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Reform des Bürgergelds: Experten zweifeln an den Einsparzielen

Auch Arbeitsministerin Bas selbst bremst die Erwartungen: „Der Betrag wird sehr klein sein.“ Zwar hatte Kanzler Friedrich Merz das Ziel ausgegeben, die Bürgergeldkosten um zehn Prozent – rund fünf Milliarden Euro – zu senken, doch selbst das Arbeitsministerium rechnet nur mit minimalen Einsparungen.

Ökonomin Regina Riphahn vom Wissenschaftlichen Beirat im Bundeswirtschaftsministerium hält Sanktionen grundsätzlich für sinnvoll, verweist aber gegenüber n-tv.de auf praktische Hürden: „Sanktionen fördern die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt“, sagt sie, das ihre Androhung schon im Vorfeld zur Mitarbeit motivieren würde. Zugleich mahnt sie, dass es zügige Sanktionen nur geben würde, wenn Sachbearbeiter und Jobcenter zukünftig entsprechend gesetzlich ausreichend ermächtigt werden würden.

Das plant die Regierung bei der Bürgergeld-Reform

Neuer Name: Das Bürgergeld soll künftig „Grundsicherung für Arbeitssuchende“ heißen.

Sanktionen: Bei Pflichtverstößen drohen sofortige Kürzungen von 30 Prozent. Nach drei verpassten Terminen kann die Leistung komplett gestrichen werden. Auch Mietzahlungen können entfallen

Karenzzeiten: Schonvermögen und Wohnkosten sollen früher geprüft werden – die bisherige Karenzzeit fällt weg.

Vermittlungsvorrang: Jobcenter sollen Arbeitslose wieder schneller in Jobs vermitteln, statt sie länger zu qualifizieren. Für Jüngere unter 30 Jahren kann Weiterbildung Vorrang haben.

Einsparziele: Die Regierung will rund 5 Milliarden Euro pro Jahr sparen. Fachleute erwarten allerdings deutlich geringere Effekte.

Kritik: Wissenschaftler, Gewerkschaften und Sozialverbände halten Teile der Reform für verfassungsrechtlich riskant und empfinden sie als eine Rückkehr in die Hartz-Ära.

Vermittlungsvorrang oder Qualifizierung von Arbeitslosen – Streit um den richtigen Weg

Im Einigungspapier der Koalition heißt es: „Grundsätzlich gilt der Vermittlungsvorrang in Arbeit.“ Der wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium widerspricht jedoch ausdrücklich: Er wendet sich gemäß n-tv.de gegen die Wiedereinführung des bedingungslosen Vermittlungsvorrangs aus und setzt sich für eine stärkere Nutzung des Ermessensspielraums von Fallmanagern ein.

Innerhalb der SPD sorgt der Kurs für offenen Widerstand. Juso-Chef Philipp Türmer erklärt laut Tagesspiegel: „Dass jetzt unter der Beteiligung der SPD wieder eine Rolle rückwärts gemacht wird, tut extrem weh und ist falsch.“ Und weiter: „Mit den angekündigten massiven Ausweitungen der Leistungskürzungen steuert die Koalition sehenden Auges auf eine Klatsche vor dem Verfassungsgericht zu.“

Bürgergeld-Reform: Verfassungsrisiken und Kritik von Gewerkschaften

Auch Gewerkschaften und Sozialverbände sehen die Grenzen des Rechtsstaats erreicht. DGB-Chefin Yasmin Fahimi sagt im Gespräch mit dem RND: „Statt darüber zu diskutieren, wie wir Menschen in den Arbeitsmarkt integrieren können, sollen nun drakonische Sanktionen verhängt werden.“

Aus der Opposition kommen ähnliche Töne. Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann warnt gemäß dpa: „CDU und SPD wollen den Menschen alles streichen, was sie zum Leben brauchen.“ Linken-Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek nennt die Pläne „menschenunwürdig und rechtlich höchst fragwürdig“.

Manche Kritiker werten den schwarz-roten Kompromiss als Rückkehr zu den Prinzipien der alten Hartz-Reformen. Der nächtliche Verhandlungsmarathon habe zwar ein politisches Signal gesetzt, lasse aber viele Fragen offen – etwa, wie streng die Jobcenter künftig tatsächlich vorgehen sollen, resümiert die linke Tageszeitung taz.

Weniger Karenz, mehr Kontrolle bei der neuen Grundsicherung

Neben den Sanktionen greift die Reform auch beim Schonvermögen und den Unterkunftskosten ein. Das Schonvermögen soll hierbei an die jeweilige Lebensleistung geknüpft werden. Damit sollen Hilfsempfänger künftig früher eigenes Vermögen einsetzen müssen.

Riphahn warnt jedoch gegenüber n-tv.de, dass sich die Verwaltung dadurch eher verkompliziere. Bereits heute könnten Jobcenter Sanktionen verhängen, jedoch in der Regel lediglich auf dem Papier. Der Grund: Die dahinter stehende Bürokratie würde den Aufwand kaum rechtfertigen oder lohnend machen.

Wirtschaft lobt Merz-Reform, Forscher bleiben skeptisch

Der Präsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände, Rainer Dulger, begrüßt den Schritt: Er spricht, schreibt die WirtschaftsWoche, von einem „Startschuss für eine echte Erneuerung unseres Sozialstaates“. Arbeitgeber hoffen, dass mehr Druck auf Leistungsbeziehende zu höheren Vermittlungsquoten führt.

Fachleute mahnen hingegen, entscheidend sei nicht der Druck, sondern die Perspektive. „Ich denke, da ist einiges zu holen“, sagt Regina Riphahn – allerdings nur, wenn auch Weiterbildung und digitale Verfahren verbessert werden. Bas betonte derweil, dass der Staat allein 1 Milliarde Euro an Sozialausgaben sparen würde, wenn er 100.000 Leistungsbezieher weniger zu tragen hätte.

Vom Bürgergeld zur Grundsicherung: Symbolik statt Systemwandel

Die Reform der großen Koalition unter Merz zeigt Härte, aber kaum Lösungen. Sie verschärft Regeln, statt sie zu vereinfachen, und verschiebt Konflikte in Jobcenter und Gerichte. Viele Expertinnen und Experten sehen darin mehr Symbolpolitik als Sozialpolitik.

Was als „echte Erneuerung des Sozialstaates“ gedacht ist, könnte in der Praxis zu mehr Bürokratie, Klagen und Unsicherheit führen. Damit droht der schwarz-roten Reform ausgerechnet das, was sie verhindern wollte: ein neues Hartz IV – nur unter anderem Namen. (Quellen: n-tv.de, BILD, Der Tagesspiegel, tagesschau.de, taz, Der Spiegel, WirtschaftsWoche, dpa, AFP, RND) (chnnn)

Rubriklistenbild: © IMAGO/dts Nachrichtenagentur

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