Unklarheit beim Bürgergeld

Bürgergeld-Empfänger: 1,2 Millionen haben noch nie gearbeitet – doch die Zahl täuscht

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Etliche Bürgergeld-Empfänger haben noch nie gearbeitet. Doch es lohnt ein zweiter Blick: Welche Menschen aus welchen Gründen dazu zählen.

Berlin/Nürnberg – Die Zahl sorgte für viel Aufregung: 1,187 Millionen Bürgergeld-Empfänger haben seit 1997 noch nie gearbeitet, wie aus Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) hervorgeht. So zumindest der erste Eindruck, der bei vielen Menschen für Verärgerung sorgte, die Bild-Zeitung berichtete groß über den „Bürgergeld-Irrsinn“.

Bürgergeld-Statistik: Was die Zahlen wirklich bedeuten

Ganz so einfach ist die Geschichte aber nicht, wie sich beim genauen Blick auf die Statistiken und im Gespräch mit der BA herausstellt. Tatsächlich geht aus dem aktuellen Bericht der BA zu erwerbsfähigen Leistungsberechtigten (auch ELB genannt) hervor, dass knapp 1,2 Millionen Menschen im Bürgergeld im Erfassungszeitraum noch nie gearbeitet haben (Stand Dezember 2023). „Die stark besetzte Kategorie ‚keine Angabe‘ enthält ELB, die (seit Januar 1997) noch nie beschäftigt waren“, heißt es dazu im Bericht.

1,2 Millionen Menschen im Bürgergeld haben seit 1997 nie gearbeitet. Die Zahl schockiert – doch es steckt mehr dahinter, als der erste Blick verrät.

Haben also über eine Million Menschen seit bald 30 Jahren nicht gearbeitet? Nein. Denn der Großteil der unter der Zahl zusammengefassten Menschen stand dem Arbeitsmarkt noch gar nicht so lange zur Verfügung. Auf Nachfrage dieser Redaktion erklärt die Bundesagentur für Arbeit: „Der Wert lässt sich insbesondere durch Personen erklären, die noch nicht auf dem Arbeitsmarkt angekommen sind“, sagte eine Sprecherin der BA. „So sind 315.000 jünger als 20 Jahre und 104.000 sind im Alter von 20 bis unter 25 Jahren, von diesen befinden sich viele noch in Schule, Ausbildung oder Studium. Knapp 519.000 dieser ELB haben einen Fluchthintergrund und sind 25 Jahre oder älter (darunter 306.000 Ukrainerinnen und Ukrainer).“

Junge Bürgergeld-Empfänger und Geflüchtete dominieren Statistik

Heißt: Viele Menschen im Bürgergeld, die laut Statistik im Erfassungszeitraum seit 1997 nicht gearbeitet haben, liegen eben nicht seit 28 Jahren auf der faulen Haut, sondern gelten in etlichen Fällen erst seit kurzer Zeit als erwerbsfähige Leistungsberechtigte. Was die BA auf Nachfrage aber auch klarstellt: Es gibt sehr wohl Menschen, die in der gesamten Zeit nicht gearbeitet haben, jedoch ist ihr Anteil mit drei Prozent der 1,2 Millionen Menschen insgesamt gering. Etwa 36.000 Menschen sind demnach seit 2005 Leistungsbezieher und seit 1997 keiner Arbeit nachgegangen. Grund dafür können laut BA unter anderem gesundheitliche Einschränkungen sein.

Laut aktuellen Zahlen der BA hatten im August 5,3 Millionen Menschen Anspruch auf das Bürgergeld. Darunter sind 1,4 Millionen nicht erwerbsfähige Leistungsberechtigte, also größtenteils Kinder. Von den knapp vier Millionen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten gilt etwa die Hälfte als klassisch arbeitslos. Die übrigen befinden sich etwa in „arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen“, also Bewerbungsprozessen, in der Kindererziehung, Pflege oder sind Aufstocker, also arbeiten in Jobs, die nicht genug Geld abwerfen. Im vergangenen Jahr kostete das Bürgergeld insgesamt 47 Milliarden Euro.

Langzeitarbeitslosigkeit als zentrales Problem

Besonders bei Langzeitarbeitslosen gestaltet sich die Jobsuche oft schwierig, wie die BA weiß. „Neben einem höheren Alter ist insbesondere das eher niedrige Qualifikationsniveau von Langzeitarbeitslosen ein bedeutendes Vermittlungshemmnis“, so die BA-Sprecherin. „Kombiniert man nun die beiden starken vermittlungshemmenden Merkmale, also höheres Alter und geringe Qualifikation, bzw. untersucht man auf wie viele Langzeitarbeitslose mindestens eines dieser beiden Merkmale zutrifft, so wird sehr deutlich, dass für die Arbeitsmarktintegration große Anstrengungen notwendig sind.“ Die Zahl der Arbeitslosen stieg – die ähnlich wie die Bürgergeld-Quote regional sehr unterschiedlich ist – wieder auf über drei Millionen Menschen – erstmals seit 2015.

Rubriklistenbild: © IMAGO/ Rene Traut/ Steinach

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