Gaza-Krieg

Wie die Hamas die Geiseln zur Propaganda nutzt

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Die Hamas sieht sich als Siegerin des Kriegs und inszeniert eine Macht-Show. Mit perfiden Mitteln täuscht die Organisation über das Leid Geiseln hinweg.

Das grelle Pink leuchtet inmitten der dichten Menge Tarnfarben-Uniformen und den schwarz vermummten Gesichtern. Doron Steinbrecher hebt sich in der Kleidung, die ihre Geiselnehmer ihr für diesen Tag verordnet haben, weithin sichtbar ab. Der einzige farbliche Kontrapunkt zur pinken Kleidung der Geisel sind die grünen Stirnbänder der Hamas.

Die ganze Welt wird zur Empfängerin der Hamas-Propaganda

Erstklassige Propagandabilder wie aus dem Lehrbuch waren es, die auf der ganzen Welt gezeigt wurden, als die ersten drei Geiseln am vergangenen Sonntag aus Gaza befreit und an Israel übergeben wurden: Doron Steinbrecher, Romy Gonen und Emily Damari. Die ganze Welt wurde unwillkürlich zur Empfängerin der Eigen-PR jener Terrororganisation, die in diesem 15 Monate andauernden Krieg eigentlich hätte vernichtet werden sollen – von Israel, mit Unterstützung des Westens.

Hamas-Kämpfer nutzen die Geiselübergabe für eine martialische Machtdemonstration.

Wenn am Samstag die zweite Übergabe von Geiseln stattfinden wird, muss man auf eine ähnliche Art der Instrumentalisierung der Opfer für Propagandazwecke gefasst sein. Die Hamas schlachtet diesen Moment aus, so gut sie kann.

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Mit Vitaminen, Essen und Drogen – Hamas täuscht über Folter der Geiseln hinweg

„Wir wissen mit Sicherheit, dass die Hamas die Geiseln für diesen Tag präpariert“, sagt Neuropsychologin Einat Yehene, die Leiterin der Rehabilitation im Forum der Geisel-Angehörigen, die mehr als 50 Interviews mit freigelassenen Geiseln und Angehörigen von Verschleppten geführt hat. „Die Hamas gibt sich große Mühe, um die Geiseln möglichst gut aussehen zu lassen“: Einige Tage vor der Freilassung werden sie in Wohnungen gebracht, mit anderen Geiseln vereinigt und mit Vitaminen, Essen, oft auch leistungssteigernden Drogen versorgt, sagt Yehene. So soll über die monatelange psychische und physische Folter hinweggetäuscht werden.

Hamas behandelt israelische Geiseln bei Übergabe wie Frachtgut

Zudem nutzt die Hamas den Moment der Übergabe, um sich als einzig relevanten Faktor in Gaza zu präsentieren. Die relativ überschaubare Gruppe an Kämpfern, die sich bei der Übergabe der Geiseln ans Rote Kreuz versammelt hatte, wurde daher so fotografiert, dass sie platzfüllend aussah. Die Übergabe selbst wurde als offizieller Behördenakt inszeniert: Eine „Übergabebescheinigung“ mit den Namen der drei Geiseln wurde den Vertreter:innen des Roten Kreuzes zur Unterschrift überreicht – als handle es sich bei den drei Frauen um Frachtgut. Den Geiseln wiederum wurden Goodie-Bags aufgenötigt, die Propagandamaterial der Hamas enthalten haben sollen.

Der Übergabetag wird für die Geiseln und ihre Angehörigen somit selbst zum traumatisierenden Ereignis. Nicht zuletzt, weil die Zeit, die verstreicht, bis die Geiseln israelischen Boden betreten haben, enorm riskant ist: „Alles kann passieren“, sagt Yehene. Zumal die Geiseln von großen Mengen an bewaffneten Menschen umgeben sind und man immer damit rechnen muss, dass einer von ihnen den Moment für einen Gewaltakt nutzt.

Rückkehr der Geiseln: Intimste Momente in Dauerschleife gezeigt

Problematisch war aber auch der Umgang der israelischen Medien mit der Rückkehr der ersten drei Geiseln. Videoaufnahmen der intimsten Augenblicke, etwa von den ersten Begegnungen der Geiseln mit ihren Müttern, wurden in Dauerschleife gezeigt. Die Frage, wie privat oder öffentlich diese Szenen sind, sei aber komplex, zumal die Geiseln zu öffentlichen Bekanntheiten geworden sind. „Die Menschen in Israel fiebern mit, fühlen sich ihnen verbunden, und das wissen auch die Familien der Geiseln.“ Daher neigen sie dazu, den intimen Moment des Wiedersehens mit ihren Töchtern zu teilen.

Für ehemalige Hamas-Geiseln ist es besonders wichtig, Selbstbestimmung zurückzugewinnen

Immerhin habe man nach dem ersten Geisel-Deal im November 2023 eines gelernt, was die mediale Begleitung der Übergabe betrifft, sagt Yehene: Damals wurde die Ankunft von Kamerateams live übertragen. „Die Geiseln und ihre Familien hatten keine Möglichkeit, selbst zu bestimmen, was von ihnen gezeigt wird.“ Diesmal wurde von Armeevertreter:innen gefilmt, dann das Einverständnis der Familien eingeholt – und erst dann wurden die Videos mit der Öffentlichkeit geteilt.

Yehene räumt ein, dass die Geiseln, aber auch ihre Familien, in einer Ausnahmesituation „und nicht unbedingt fähig sind, durchdachte Entscheidungen zu treffen“ – auch was das Recht auf Privatsphäre betrifft. Für Überlebende von Geiselnahmen sei es besonders wichtig, ein Gefühl der Selbstbestimmung wiederzugewinnen.

Schätzungen der US-Regierung: Hamas rekrutierte etwa so viele Kämpfer, wie sie verloren hat

Die mediale Inszenierung vonseiten der Hamas kommt hingegen einer ultimativen Machtdemonstration gleich. Die Botschaft: Gaza liegt in Trümmern – aber die Hamas hält weiterhin die Fäden in der Hand. Wie viel von der Hamas tatsächlich noch übrig ist, ist unklar. Schätzungen der nun abgelösten Biden-Regierung in Washington gingen davon aus, dass die Brigaden der Hamas inzwischen wieder fast so viele Kämpfer rekrutiert haben, wie sie im Krieg verloren haben. Die Zahl der Kämpfer ist aber nur eine Komponente. Immerhin wurde die Kommandostruktur empfindlich gestört. Schwer einzuschätzen ist, wie viele Waffen noch in jenen Tunneln lagern, die von Israels Armee nicht zerstört wurden. Die Hamas posiert indes weiter als Siegerin dieses Kriegs – und sie benutzt die Geiseln für diese Inszenierung.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Middle East Images

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