Expertinnengespräch

Obdachlosigkeit unter queeren Jugendlichen – „nur wegwollen, weg müssen“

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„Unter jugendlichen Obdachlosen ist der Anteil queerer Menschen deutlich höher.“ Sichere und adäquate Unterbringungsmöglichkeiten gibt es kaum. Ein Blick hinter die Statistik.

Es ist bis heute ein gesellschaftliches Tabuthema, auch in der LGBTQIA+-Community selbst: obdachlose und wohnungslose queere Jugendliche. Doch gerade jetzt in den kalten Wintermonaten ist die Lage besonders dramatisch und hoffnungslos für viele Minderjährige ohne festen Wohnsitz. Die queere Organisation ILGA Europe hat zuletzt aufgezeigt, dass realistisch geschätzt in Europa rund 40 Prozent der aktuell obdachlosen Menschen zur LGBTQIA+-Community gehören, besonders betroffen dabei sind queere Jugendliche.

Eine Person liegt in der Innenstadt unter einem Schlafsack.

Wie brisant die Lage aktuell ist, zeigt auch ein Blick in die Statistik. Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG-W) gab es 2022 rund 600.000 Menschen, die zeitweise keine Wohnung hatten, etwa 50.000 davon waren obdachlos und lebten auf der Straße. Das ist ein Anstieg binnen eines Jahres um mehr als die Hälfte (58 Prozent).

So dramatisch die Daten sind, zeigen sie trotzdem nur einen Teil der Wahrheit, denn viele fallen auch hier durchs Raster und werden gar nicht erst offiziell registriert. Constance Ohms von der queeren Beratungsstelle Broken Rainbow in Frankfurt am Main sagt BuzzFeed News Deutschland:

„Für jugendliche Wohnungslose gibt es noch keine Zahlen, weil es das eigentlich nicht geben darf. Jugendliche sollten nämlich in Einrichtungen der Jugendhilfe aufgefangen werden. Obdachlose Jugendliche würden das System der Jugendhilfe infrage stellen, beziehungsweise auf deren Mängel hinweisen. Einige queere Jugendliche nächtigen zudem bei Freund:innen oder kommen anderweitig unter, zum Beispiel auch bei Freiern. Diese bleiben auch unsichtbar und tauchen in keiner Statistik auf.“

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„Gerade unter jugendlichen Obdachlosen ist der Anteil queerer Menschen deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung.“

Ohms beschäftigt sich seit Jahren mit den Risikofaktoren der sexuellen Orientierung und der Geschlechtsidentität, die verstärkt zu Wohnungs- und Obdachlosigkeit führen können. Immer wieder hat sie in den letzten Jahren auch Fachvorträge zu dem Thema gehalten. Für sie ist klar: „Gerade unter jugendlichen Obdachlosen ist der Anteil queerer Menschen deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung.“

Das bestätigt auf Rückfrage auch Sven Norenkemper aus dem Vorstand des Jugendberatungsvereins Coming Out: „Es gibt für Deutschland keine Studienlage. Die begründete Annahme jedoch ist, dass es sich hierzulande ähnlich verhält wie in Großbritannien oder den USA – hier ist der Anteil queerer Jugendlicher, welche obdachlos sind, signifikant höher.“ Ohms setzt nun Hoffnung auf eine neue Studie, die aktuell in Berlin zur Wohnungslosigkeit von queeren Menschen durchgeführt wird – vielleicht kann diese dazu beitragen, das Thema endlich ein Stück weit aus der Tabuzone rauszuholen.

Doch warum sind queere Jugendliche so signifikant stärker von Obdachlosigkeit betroffen? Die ILGA Europe erklärt dazu: „Ablehnung durch die Familie, höhere Armutsraten, Mangel an institutionelle und gemeinschaftliche Unterstützung sowie Diskriminierung durch Vermieter und Arbeitgeber tragen alle zu dieser erhöhten Gefährdung bei.“

Queere Jugendliche erleben Ablehnung und besondere Form von Stigmatisierung

Bei jungen queeren Menschen kommt dabei noch ein großes Gefühl der Scham dazu, sie erleben eine besondere Form von Stigmatisierung und fühlen sich minderwertig, sodass auch der Coming-Out-Prozess sich überdies noch einmal verschlimmern kann. Viele queere Jugendliche erleben dabei auch Ausgrenzung in der LGBTQIA+-Community.

Ohms dazu: „Die Community kann, nein muss, mal aus ihrer Komfortzone raus und sich genauer anschauen, für wen sie eigentlich Räume zur Verfügung stellt, und für wen nicht. Das betrifft Menschen mit Behinderung und Beeinträchtigung ebenso wie Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht oder betroffen sind.“

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Unterbringung für queere Wohnungslose und die Suche nach Lösungen

Noch immer gibt es kaum adäquate und sichere Unterbringungsmöglichkeiten für queere Wohnungslose, zumeist müssen sie in Sammelunterkünften untergebracht werden, wo ihnen erneut Diskriminierung bis hin zu Gewalt droht, sowohl von anderen Bewohner:innen als auch von einigen Mitarbeiter:innen: „So abgrenzend es sich auch anhören mag, aber queere Menschen brauchen eigene Räume. Nur dort können sie sicher sein und aus dieser Sicherheit heraus ihre Identität entfalten. Es ergibt auch wenig Sinn, einen queeren Menschen der Not halber im Hotel unterzubringen, es bedarf einer Anbindung an die Community“, so Ohms.

Dabei sei es auch nicht sinnvoll, zu versuchen, allgemeine Einrichtungen sozusagen für queere Menschen „nachzurüsten“, denn oftmals führt genau das zu neuen Problemen:

Ich bin sehr vorsichtig, was Umstrukturierungen vorhandener Einrichtungen angeht. So hatte mich beispielsweise eine Tageseinrichtung angefragt, weil es einen Konflikt um das Duschen gab: Es war für jede Person ein bestimmtes zeitliches Kontingent vorgesehen. Trans* Frauen benötigen aber mehr Zeit, was zu Konflikten unter den Nutzer:innen der Einrichtung führte. Auch war als Notunterkunft nicht klar, wie eine räumliche Trennung jenseits von Mann/Frau ermöglicht werden könnte, da alle eigentlich in einem Raum nächtigen konnten, gerade jetzt im Winter als Notlösung. Für die trans* Nutzer:innen war das kein sicherer Raum.

Constance Ohms von der queeren Beratungsstelle Broken Rainbow

Diskriminierung im Job und auf dem Wohnungsmarkt

Das Problem ist größer als gedacht, wie die Datenlage der ILGA belegt: Jeder fünfte queere Mensch in Europa (18 Prozent) bekam bereits Probleme mit dem/der Vermieter:in aufgrund seiner gleichgeschlechtlichen Sexualität oder Geschlechtsidentität. Bei queeren Menschen kommen die massiv gestiegenen Energie- und Wohnungskosten sowie die allgemein schlechtere Bezahlung in der Berufswelt dazu. „Für ein Viertel der Befragten war Arbeitslosigkeit die Hauptursache, was zeigt, dass unsichere Arbeitsplätze, niedrig bezahlte Arbeit und Diskriminierung am Arbeitsplatz wichtige Auslöser für Obdachlosigkeit in der queeren Community sind“, hält die ILGA fest.

Für viele queere Obdachlose beginnt der Fall so mit Mobbing und Diskriminierung in der Arbeit oder sie werden gleich direkt gekündigt, weil sie für Kund:innen „nicht tragbar“ seien, bestätigt Ohms. Mit genau solchen Statements kommt es so nicht „nur“ zu einer ökonomischen, sondern auch zu einer „psychischen Vernichtung“, attestiert die Expertin weiter: „Daher ist der Verlust des Arbeitsplatzes existenziell. Kommen dann noch Konflikte in der Familie dazu, beispielsweise wegen eines trans* Coming-Outs, können Betroffene den letzten Halt verlieren.“

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Notunterkunft kommt nur für 14 Prozent infrage

Jeder dritte queere Wohnungslose (36 Prozent) hatte zuvor Probleme in der Familie: „Ein Coming-Out als lesbisch, schwul, nicht-binär oder trans* birgt nach wie vor ein hohes Risiko, Gewalt durch Mitglieder der Herkunftsfamilie zu erleben. Diese kann religiös oder kulturell begründet sein, oder einfach darin, dass das Kind nicht den Wünschen und Erwartungen der Eltern entspricht. In meiner Pilotforschung zu queeren Jugendlichen in der Jugendhilfe habe ich mit queeren Jugendlichen gesprochen, die Grauenvolles in ihren Herkunftsfamilien erlebt haben und das Glück hatten, im System der Jugendhilfe aufgefangen zu werden. Aber es gibt Jugendliche, die einfach nur wegwollen, weg müssen. Es Zuhause nicht mehr aushalten, auch um den Preis, auf der Straße zu leben.“ 

Fast neun Prozent von ihnen landen dann auch tatsächlich auf der Straße, der Großteil (82 Prozent) versucht, kurzzeitig bei Freund:innen unterzukommen, doch der Weg von dort auf die Straße sei nicht weit, so Ohms, denn eine dauerhafte Lösung sei dies zumeist nicht. Und eine Notunterkunft kommt gerade einmal für 14 Prozent überhaupt infrage. Einmal auf der Straße angekommen, organisieren sich viele queere Jugendliche und teilen Essen, Trinken sowie Kleidung miteinander und versuchen, aufeinander aufzupassen. „Aber insgesamt ist das Leben auf der Straße lebensbedrohlicher. Und sie müssen aufpassen, nicht ‚aufgegriffen‘ zu werden, da die Polizei obdachlose Jugendliche eigentlich der Jugendhilfe zuführen muss. Aber da wollen viele nicht hin, weil dann die Eltern informiert werden.“

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„Je länger ein Mensch auf der Straße lebt, desto schwerer fällt es ihm, im bürgerlichen Leben Fuß zu fassen“

Der Weg hinaus ist für queere Personen besonders schwierig, im Durchschnitt sind LGBTQIA+-Menschen neun Monate obdachlos, bevor sie eine neue dauerhafte Unterkunft finden konnten. „Je länger ein Mensch auf der Straße lebt, desto schwerer fällt es ihm, später wieder im bürgerlichen Leben Fuß zu fassen“, so Ohms.

Was viele in dieser Zeit erlebt haben, prägt sie dabei oft ein Leben lang. „Einige trans* Frauen nutzen öffentliche Toilettenräume, um sich ihrem empfundenen Geschlecht entsprechend zu kleiden und zu schminken. Einige sind auf den Schutz anderer obdachloser Männer angewiesen. Und zahlen einen ‚Preis‘ dafür.“ Mehr als jede dritte queere Person (38 Prozent), die wohnungslos war, erlebte körperliche oder sexuelle Angriffe.

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Es braucht spezielle Angebote für queere Menschen, fordert Expertin

Überhaupt wieder auf die Beine zu kommen, fällt da besonders schwer. Ohms bekräftigt, dass es nicht an den queeren Jugendlichen, sondern an der Gesellschaft liege, diese Missstände endlich zu ändern.

„Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es queeren Jugendlichen ermöglichen, von der Straße zu kommen, beziehungsweise erst gar nicht auf der Straße zu landen. Dazu gehören spezielle Angebote, wie beispielsweise das ‚QueerHome‘ in Berlin, in dem insbesondere FLINTA* Personen beraten und unterstützt werden, die von Wohnungslosigkeit bedroht oder betroffen sind. QueerHome ist meines Wissens einmalig in Deutschland und sollte in jeder Stadt etabliert werden.“

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Rubriklistenbild: © Marijan Murat/dpa

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