„Da gibt es definitiv ein Problem“

Angst vor Therapeut:innen? Fast jeder zweite queere Mensch macht schlechte Erfahrungen

  • schließen

Vorabergebnisse einer Studie werfen die Frage auf, ob es einen „blinden Fleck in der Psychologie und Psychotherapie“ gibt. BuzzFeed News spricht mit Betroffenen.

Die Tage werden wieder kälter und grauer – für viele queere Jugendliche und junge Menschen beginnt eine besonders schwierige Zeit, denn zu den Angstzuständen und Depressionen kommt der umgangssprachliche Winterblues dazu. Bereits vor der Covid-Pandemie stiegen die Fallzahlen im Bereich Depressionen unter queeren jungen Menschen jährlich an. Corona hat diese Entwicklung massiv negativ beschleunigt, wie Beratungszentren für LGBTQIA+-Jugendliche wie das anyway in Köln oder der Coming Out Verein bestätigen. Auch das Statistische Bundesamt belegt, dass sich die psychische Gesundheit von jungen Menschen in den letzten Jahren in Deutschland verschlechtert hat.

Vorabergebnisse einer Längsschnittstudie der Universität Witten/Herdecke zeigt auf, dass mehr als 40 Prozent der queeren Teilnehmer:innen bereits schlechte Erfahrungen mit Ärzt:innen und Therapeut:innen gemacht haben. Der Grund dabei war stets die sexuelle Orientierung beziehungsweise die Geschlechtsidentität der rund 1800 queeren Befragten. Die Universität sowie Studienleiter Jan Schürmann-Vengels sprechen bereits vorab von einem „blinden Fleck in der Psychologie und Psychotherapie“, der so nicht hinnehmbar sei.

Psychotherapeut:innen in Deutschland: „Ja, da gibt es definitiv ein Problem!“

Weitere Statements sind erst mit Abschluss der „Queer Mental Health“-Studie zu erwarten, die noch bis Mitte 2025 läuft. Im Spannungsfeld Fachpersonal und Patient:innen gibt es noch weitere Fakten. Eine neue Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigt, dass 14 Prozent der Psychotherapeut:innen in Deutschland auch im Jahr 2023 der Auffassung sind, dass eine Veränderung oder Umlenkung von homosexuellen Gefühlen bei Menschen gerechtfertigt sei – Stichwort Konversionstherapie. Diese ist eigentlich seit Juni 2020 in der Bundesrepublik verboten, für Jugendliche ganz, für Erwachsene in weiten Teilen.

Fast jeder zweite queere Mensch macht schlechte Erfahrungen beim Arzt oder in der Therapie

Haben wir ein Problem in Deutschland mit psychotherapeutischem Fachpersonal, wenn beinahe die Hälfte der queeren Menschen schlechte Erfahrungen macht, nur weil sie nicht heterosexuell sind? Und gleichzeitig es mehr als jede:r zehnte Psychotherapeut:in offensichtlich noch immer richtig findet, Homosexualität „heilen“ zu wollen.

„Ja, da gibt es definitiv ein Problem! Ich habe vor vier Jahren die Diagnose Depression von meiner Hausärztin bekommen und wie die meisten musste auch ich dann monatelang suchen, bis ich eine für mich passende Therapeutin gefunden habe. Die Tatsache, dass ich schwul bin, hat es dabei zusätzlich schwierig gemacht“, sagt Manuel (36) aus München BuzzFeed News Deutschland. Erst im sechsten Anlauf fand er eine Therapeutin, die zwar bisher keine Erfahrungen mit queeren Menschen gemacht hatte, aber dem Thema offen gegenüberstand.

Mehr zum Thema: „Ist ja eine Frechheit“ – So begann Kurt Krömer seine Therapie

Mehr als 40 Prozent haben schlechte Erfahrungen mit Ärzt:innen und Therapeut:innen gemacht

Der Ursprung meiner Depressionen hatte sehr wenig mit meiner Sexualität zu tun, aber natürlich spielt diese trotzdem immer mit rein, beispielsweise, wenn man über Familienprobleme spricht. Bei den Kennenlerngesprächen mit anderen Therapeut:innen zuvor hatte ich immer den Eindruck, sobald ich meine Homosexualität erwähnte, rückten sie gedanklich ein Stück weit von mir weg“

Manuel, 36

Manuel ist einer von jenen 40 Prozent von queeren Menschen mit schlechten Erfahrungen im Umgang mit psychotherapeutischem Fachpersonal. „Obwohl 40 Prozent schon sehr hoch erscheint, wundert mich die Zahl nicht. Es ist ein Bereich, in dem Menschen mit Problemen mit verschiedensten Menschen aus ‚Heilberufen‘ zu tun haben. Da ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man dabei auch mindestens einmal eine schlechte Erfahrung macht“, sagt Christian Sojer, Psychologe und Doktorand an der Universität Konstanz am Lehrstuhl klinische Psychologie und Psychologietherapie sowie Psychotherapeut in Ausbildung BuzzFeed News.

Allerdings empfinde Sojer gerade mit Blick auf seine eigenen Kolleg:innen und Supervisor:innen die aktuelle Lage als positiv: „Was Patient:innen mit unterschiedlichen Merkmalen betrifft, auch Herkunft, körperliche und geistige Fähigkeiten und so weiter, hat sich vieles in den vergangenen Jahren aus meiner Sicht verbessert.“

Sexuelle Identität ist ein wichtiger Teil im Leben der meisten queeren Menschen

Luft nach oben gibt es aber wohl trotzdem noch, allerdings ebenso die Erkenntnis, dass die Situation noch vor einigen Jahren eine deutlich schlechtere war – daher würde Sojer auch nur ungern von einem „blinden Fleck“ sprechen. „Es mag uns lange vorkommen, aber beispielsweise hat die WHO erst 1990 Homosexualität von der Liste der psychischen Störungen gestrichen, was sich bei manch älteren Therapeut:innen vielleicht noch bemerkbar macht, wenn sie keine anderen Erfahrungen gemacht haben. Bei meinen Kolleg:innen erlebe ich das nicht – sie sind nicht nur selbst deutlich diverser als das Klischee vermutet, sondern engagieren sich auch bei verschiedenen wichtigen gesellschaftlichen Themen wie zum Beispiel bei der Selbstbestimmung.“

Es komme natürlich immer auch ein Stück weit darauf an, mit welchen konkreten Beschwerden Patient:innen zu Psychotherapeut:innen kommen, doch es werde zumeist auch die sexuelle oder geschlechtliche Identität inzwischen mit einbezogen, weil sie ein wichtiger Teil im Leben der meisten queeren Menschen sei.

„In meiner Tätigkeit ist es üblich, zumindest zu Beginn der Behandlung nach verschiedenen Bereichen des Lebens und dessen Verlauf zu fragen. Nur nach der sexuellen Orientierung oder der Geschlechtsidentität zu fragen, würde meiner Arbeit auch nicht weiterhelfen, da für mich, zum Beispiel, das Erleben von Sexualität, Partnerschaft und sich selbst und das damit verbundene Verhalten von Bedeutung sind“, sagt Sojer.

Mehr zum Thema: Asexualität und 10 weitere LGBTQIA+-Themen, die in Filmen und Serien zu kurz kommen

„Er machte immer wieder Andeutungen, hier ‚Korrekturen‘ anzudenken“

Claudia (24) aus Berlin hat erlebt, wie schlecht es sich anfühlen kann, wenn psychotherapeutische Anprechpartner:innen mit dem Thema LGBTQIA+ nichts zu tun haben wollen. „Ich bin zuerst zu einem Psychotherapeuten in Brandenburg gegangen, weil dort auch meine Eltern leben – und ich damals zumeist auch noch. Er wollte gar nicht erst über meine sexuelle Orientierung sprechen und machte immer wieder Andeutungen, hier ‚Korrekturen‘ anzudenken. Ja, das war ein älterer Herr, aber trotzdem hatte ich erwartet, dass er up to date ist, was dieses Thema betrifft.“

Grundsätzlich sollten Fachkräfte immer auf dem aktuellen Stand sein, auch beim Thema LGBTQIA+, so Sojer: „Es bedarf immer Aufklärung, egal welche gesellschaftlichen Bereiche man sich anschaut. Psychotherapeut:innen sind tatsächlich sogar verpflichtet, die professionelle Qualität ihrer Behandlungen zu sichern und weiterzuentwickeln und das wird auch sehr ernst genommen. Es gibt auch viele Seminare, Fort- und Weiterbildungen zu diversen Themen, die damit im Zusammenhang stehen.“

Mehr zum Thema: 5 Coaches, die es an deutschen Schulen geben müsste

Tipps für queere Menschen

Und wie können queere Menschen nun am besten vorab oder spätestens beim ersten Gespräch abklären, ob sie in Bezug auf LGBTQIA+ wirklich in guten Händen sind, damit ihnen sowas wie bei Claudia oder Manuel erst gar nicht passiert? Sojer dazu: „Ich würde vorab zwei Punkte empfehlen. Erstens haben manche Psychotherapeut:innen Zusatzqualifikationen wie zum Beispiel für gendersensible Therapie gemacht und haben dies auf ihrer Homepage oder in einem Register veröffentlicht. Zweitens würde ich Freunde nach Empfehlungen fragen und mich nicht auf Blogeinträge im Netz verlassen.“

Zudem gibt es mindestens zwei sogenannte probatorische Sitzungen, in denen beide Seiten schauen können, ob sie sich den therapeutischen Prozess zusammen vorstellen können. „Wenn jemand bestimmte Themen besonders wichtig sind, sollte man diese in dieser Zeit auch ansprechen. Dadurch kann ein Dialog entstehen, aus dem man den Behandelnden besser einschätzen kann. Vielleicht noch eine persönliche Anmerkung zum Schluss: Mit Offenheit kommt man meiner Erfahrung nach sehr weit – auch wenn man sich zum Beispiel für etwas schämt oder man nicht zur Last fallen will. Es hilft nicht nur dabei herauszufinden, ob Patient:in und Therapeut:in gut zusammenpassen, sondern wirkt sich in den meisten Fällen auch positiv auf die Behandlung der Symptomatik aus“, sgt Sojer.

Mehr zum Thema: Zahlen, die den härtesten BWL-Justus überzeugen, in mentale Gesundheit zu investieren

Rubriklistenbild: © Design Pics/Imago/Collage/BuzzFeed

Kommentare