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Eine Gruppe ist laut einer Studie besonders häufig von Essstörungen betroffen. Jonathan erzählt BuzzFeed News Deutschland von seiner Erkrankung und entscheidender Hilfe.
Achtung: Der Artikel thematisiert das Thema Essstörung und Mobbing.
Die Lebensrealität für junge queere Menschen ist spätestens seit der Corona-Pandemie noch einmal problematischer geworden – inzwischen leiden LGBTQIA+-Menschen fast dreimal häufiger an Depressionen als die restliche Bevölkerung. Junge Queers fühlen sich dabei doppelt so oft einsam wie ihre heterosexuellen Altersgenossen und rund 40 Prozent der trans* Menschen leiden unter Angststörungen (DIW Berlin).
Eine neue US-Studie mit rund 10.000 jungen Teilnehmer:innen zeigt auf, dass queere Jugendliche doppelt so häufig auch von Essstörungen betroffen sind, genauer im Fokus steht dabei das sogenannte „Binge-Eating“ (BED). Dabei nehmen junge queere Menschen ungewöhnlich große Mengen an Lebensmitteln zu sich, ohne die Fähigkeit zu zeigen, damit aufzuhören.
Mobbing und Diskriminierung könnten Ursache für Essstörungen bei queeren Jugendlichen sein
Der Hauptautor der Studie, Jason Nagata, macht erhöhte Stressfaktoren wie Mobbing, Diskriminierung und Stigmatisierung aufgrund der sexuellen Orientierung sowie der Geschlechtsidentität dafür verantwortlich. Ähnlich sieht das auch der Lesben- und Schwulenverband Deutschland und hält fest: „Die wenig vorhandenen Studien deuten darauf hin, dass LGBTQIA+ weniger Chancen auf ein gesundes Leben haben und häufiger von psychischen Erkrankungen wie Depression, Angst-, Schlaf und Essstörungen oder Burn-out betroffen sind. Zudem ist das Verhältnis zwischen LGBTQIA+- und Medizin beziehungsweise Gesundheitswesen geprägt von einer anhaltenden Stigmatisierung und Pathologisierung.“ So können Diskriminierungserwartungen bis heute dazu führen, dass viele queere Jugendliche auch dann keine Hilfe in Anspruch nehmen, wenn sie selbst erkennen, wie schlecht es ihnen tatsächlich geht.
Eine Anlaufstelle kann da der Verein ANAD (Anorexia Nervosa and Associated Disorders) sein, der sich seit 1984 um Menschen mit Essstörungen kümmert und ihnen mit Beratung und multidisziplinärer Therapie zur Seite steht. Ganz neu bietet der Verein auch in Kooperation mit fünf weiteren Suchteinrichtungen „digitales Streetwork“ speziell für junge Menschen an, denn zwischen Social-Media und Influencer:innen erleben diese oftmals verzerrte Annahmen über sich selbst, queeres Leben und über die Frage nach dem eigenen Körperbild.
Grundsätzlich kann es aus diversen Faktoren bei Jugendlichen zu Essstörungen kommen, dazu gehören biologische Faktoren (Hormone, Genetik), individuelle Aspekte (Traumata, negative Selbstbewertung), soziokulturelle Punkte (Erwartungen der Peer-Group, Schönheitsideal) und familiär prägende Erlebnisse (falsche Kommunikation, Erwartungen, Vorbilder).
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Sozialpädagogin: „Besonders bei Binge-Eating ist die Dunkelziffer hoch“
„Nach der Erfahrung in unserer Einrichtung kann eine queere Identität oder Orientierung ein Faktor von vielen Faktoren einer Essstörung sein, da die Beschäftigung mit dem eigenen Körper ein sehr zentrales Thema ist“, sagt Nicola Hümpfner, Diplom-Sozialpädagogin und Bereichsleiterin für Jugendliche BuzzFeed News Deutschland. Das Binge-Eating unter queeren Jugendlichen ist dabei besonders tückisch, weil es im Gegensatz zur Anorexie und Bulimie auch viel schwerer zu erkennen ist – sowohl von den Betroffenen als auch von ihrem Freundeskreis oder der Familie.
Im Zweifelsfall hat jemand eben „einfach einen guten Hunger“. Gerne wird nachgeschoben: „Das verwächst sich mit der Pubertät“. Hümpfner dazu: „Besonders bei Binge-Eating ist die Dunkelziffer hoch, weil viele Betroffene und Angehörige gar nicht wissen, dass es sich dabei um eine Essstörung handelt. Immer wieder passiert es, dass Menschen, die unter Binge-Eating leiden und um Hilfe bitten, den Rat bekommen, sich mehr zusammenzureißen. Aus diesem Grund dauert es auch bei Binge-Eating sehr lange, bis sich Betroffene in Therapie begeben. Da muss noch viel Aufklärungsarbeit passieren.“
Binge-Eating als Reaktion auf negative und positive Erlebnisse – ein Betroffener erzählt
Das kann auch Jonathan (20) bestätigen, der schwule junge Mann aus einer Kleinstadt in Bayern hat sich jahrelang einen „Schutzpanzer“ angefuttert, wie er im Gespräch mit BuzzFeed News Deutschland erzählt:
Die anderen in meiner Schulklasse wussten irgendwie schon vor mir, dass ich schwul war, jedenfalls vermuteten sie das und so gingen dann schon früh die ersten Hänseleien los. Zuhause konnte ich nicht darüber reden, eine vertrauensvolle Lehrkraft gab es auch nicht an meiner Schule, also begann ich, meinen Frust in mich hineinzufressen und wurde immer dicker.
Das besonders Problematische dabei, irgendwann, so Jonathan, wurde übermäßiges Essen seine übliche Reaktion sowohl auf negative Gefühle als auch auf positive Erlebnisse. „Wenn es mir schlecht ging, hat es mich beruhigt. Wenn es mir mal gut ging, belohnte ich mich sozusagen mit Essen. Ich habe einige Jahre gebraucht, um mir überhaupt einzugestehen, dass ich schwul bin. Und kaum war ich für mich selbst diesen Weg gegangen, dachte ich mir, ich bin viel zu dick, um von anderen Schwulen gemocht oder gar geliebt zu werden. Also griff ich wieder zu Schokoriegeln.“
Die einzige Antwort seiner Eltern auf sein Übergewicht – sie schickten Jonathan in ein Jugend-Diät-Camp nach Österreich, wo er über die Sommerferien abnehmen sollte. Das klappte zwar leidlich, doch verfehlte es langfristig seine Wirkung, denn über seine Homosexualität konnte er auch dort mit niemandem reden. Der Wendepunkt kam erst, als er online einen anderen jungen Schwulen entdeckte, der keine Berührungsängste mit einem übergewichtigen Jungen hatte.
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Therapie und Freund:innen: So bekam Jonathan seine Essstörung in den Griff
Dann passierte vieles sehr schnell: Jonathan besuchte mithilfe seines schwulen Freundes das erste Mal eine queere Jugendgruppe und erkannte, dass er auch mit Übergewicht respektiert und gemocht werden konnte. Kurze Zeit später zog er von Zuhause aus, begann eine Ausbildung in München und lebt inzwischen auch dort in einer WG. Mithilfe einer Therapie schafft er es inzwischen, dass er auch schrittweise die Essstörung in den Griff bekommt und die ersten Kilos bereits wieder weg sind.
Jonathan ist dabei ein klassischer Fall, in dem sich Homosexualität und Essstörung gegenseitig in die Hände spielen. „Bei unseren Bewohner:innen können wir vor allem bemerken, dass die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper eine sehr zentrale Rolle spielt bei der Auseinandersetzung mit einer queeren Identität und das Aussehen vor allem durch Essen / Nicht-Essen oder Sport beeinflusst wird“, so Hümpfner weiter.
Seit Beginn der Pandemie entwickeln immer mehr Menschen eine Essstörung
So positiv entwickelt sich die Situation allerdings nicht für alle queeren Jugendlichen, die unter Essstörungen leiden. Die Lage dramatisiert sich für LGBTQIA+-Personen immer weiter, wie die Erfahrungen von queeren Jugendberatungsstellen ebenso belegen wie die Praxiserfahrung von ANAD: „Auch wir konnten beobachten, dass vor der Corona-Pandemie das Vorkommen an Essstörungen stagnierte.
Doch seit Beginn der Pandemie entwickeln immer mehr Menschen eine Essstörung und auch weitere psychische Erkrankungen. Des Weiteren beobachten wir, dass Essstörungen immer häufiger mit komorbiden psychischen Erkrankungen verbunden sind, zum Beispiel Depression oder Zwänge, und weniger Fälle auftreten, bei denen ausschließlich eine Essstörung diagnostiziert wird.“
Nebst der gesamtgesellschaftlichen dringend nötigen Einsicht, dass es ein großes Problem gibt, gilt es zudem auch, mit mehr Einsatz queeren Jugendlichen hier zu helfen. Die gute Nachricht: Im Gegensatz zur Anorexie oder Bulimie kann Binge-Eating meist ohne eine stationäre Unterbringung sehr gut behandelt werden.
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„Eine unbehandelte Essstörung läuft Gefahr sich zu chronifizieren“ – System stößt an seine Grenzen
Dennoch ist klar: „Eine unbehandelte Essstörung läuft Gefahr sich zu chronifizieren. Besonders Jugendliche befinden sich in einer sehr vulnerablen Entwicklungsphase. Deshalb ist es wichtig für die Behandlung von Essstörungen, zeitnah auf Hilfsangebote zurück zu greifen.“
Doch genau hier stößt das System oftmals an seine Grenzen, denn aktuell gibt es laut ANAD schlicht zu wenig Therapieplätze. „Gesellschaftlich muss die Inanspruchnahme von Therapie entstigmatisiert werden, sodass die Hemmschwelle für Betroffene sinkt, sich Hilfe zu suchen. Außerdem sollten niederschwellige Angebote ausgebaut werden, um sich beraten zu lassen und schnell notwendige Schritte einleiten zu können. Bildungseinrichtungen sollten Schüler:innen wie Lehrer:innen Möglichkeiten zur Aufklärung bezüglich Essstörungen, Ernährung, Schönheitsidealen, Medienkompetenzen und Identität bereitstellen“, fordert Hümpfner vom Fachverein.
Wie reagiere ich, wenn ich glaube, mein:e Freund:in hat eine Essstörung?
Doch wie reagiere ich, wenn einer meiner queeren Freund:innen die ersten Anzeichen einer Essstörung zeigt? Oftmals sehen wir auch im Freundeskreis zu lange weg, sodass der erste Schritt bei einem selbst beginnt und der schlichten Einsicht, dass eine Veränderung beim Gegenüber stattgefunden hat.
„Danach ist es wichtig, wertschätzend und ohne Stigmatisierung in einem geeigneten Rahmen ein Gespräch zu suchen. Dabei ist es im Kontakt mit der betreffenden Person wichtig, darauf zu achten, ‚Ich-Botschaften‘ zu senden, das heißt eigene Bedürfnisse und Grenzen zu äußern. Das Thema Essstörung sollte weder bagatellisiert werden, noch zu einer Co-Abhängigkeit führen, beispielsweise zu einem gemeinsamen Geheimnis werden.“
„Warum hat sich keiner die Mühe gemacht?“
Jonathan hätte sich in seiner Schulzeit einen solchen Menschen an seiner Seite gewünscht: „Sicherlich wäre ich zuerst starr vor Angst gewesen, aber dann hätte es mir viel helfen können, wenn eine:r meiner Mitschüler:innen mal ehrlich und ohne Vorverurteilung nachgefragt hätte, aber es war wohl für alle einfacher, beim Mobbing mitzumachen. Wenn ich heute Bilder von mir von damals anschaue, dann sehe ich einen tieftraurigen Jugendlichen, das Gesicht zusammengezogen, ängstlich, eingepackt in Umstandsklamotten.
Und dann frage ich mich, warum das keinem aufgefallen ist? Oder anders gesagt, warum wollte keiner genauer hinsehen? Warum hat sich keiner die Mühe gemacht?“ Vielleicht ist so der allererste Schritt, um queeren Jugendlichen mit Essstörungen zu helfen, eigentlich ganz einfach: hinsehen!
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