„Entpolitisierung der Gesellschaft“

„Schlechtes Zeichen für Demokratie“: Olympia-Verbandsvorstand verliert Job wegen Bürgermeister-Wahl

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Weil er sich politisch engagieren will, ist ein Olympia-Verbandvorstand aus NRW seinen Job los. Harsche Kritik von der Landes-SPD – und ein Verdacht.

Köln – In Köln gibt es die Sage von den Heinzelmännchen, die sich nachts um alles kümmern und die Stadt am Laufen halten. Aktuell könnten die Kölner diese Fabelwesen gut gebrauchen. Die Stadt ist extrem verschuldet, wichtige Großprojekte kommen nicht voran. Und jetzt gibt es offenbar Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der die Metropole an der Stadtspitze wieder nach vorn bringen könnte.

Denn im Vorfeld der Oberbürgermeisterwahl in Köln nächstes Jahr kommt es zu immer neuen Querelen. Klar ist: Die langjährige Oberbürgermeisterin Henriette Reker hört auf, für sie sucht die Stadt eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger. Die CDU etwa hat aber immer noch keinen offiziellen Kandidaten. Antreten will eigentlich Karl Alexander Mandl, doch die Partei kann sich nicht auf ihn einigen. Beobachter reden von „chaotischen Zuständen“ in der Findungskommission.

„Schlechtes Zeichen“: Chef vom Deutschen Olympischen Sportbund verliert aus diesem Grund den Job

Bei der SPD wiederum gibt es mit Torsten Burmester einen Kandidaten. Nur: der ist wegen seiner Kandidatur nun seinen Job los. Burmester war bis zuletzt Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Vor einigen Wochen war bekannt geworden, dass Burmester bei den Wahlen im Herbst 2025 für die SPD als Oberbürgermeister kandidieren will. Umgehend verkündete der DOSB, dass sein Posten damit frei wird.

Dem Vernehmen nach soll man beim DOSB der Ansicht gewesen sein, dass sich Burmesters Posten und eine OB-Kandidatur sozusagen als Nebentätigkeit nicht in Einklang bringen ließen. Burmester wurde offenbar davon überrascht, dass er damit seinen Job los ist. Bei der NRW-SPD-Spitze horcht man auf – und kritisiert den DOSB scharf. „Dass jemand seinen Job verliert, weil er sich politisch engagiert, ist ein schlechtes Zeichen für die Demokratie“, sagt Jochen Ott, Chef der SPD-Landtagsfraktion, im Gespräch mit IPPEN.MEDIA. „Der Fall um Torsten Burmester zeigt, dass es gerade für Hochkaräter wie ihn offenbar riskant ist, sich auf ein politisches Amt zu bewerben.“

Altschulden und Beleidigungen in den sozialen Medien: Städte haben Schwierigkeiten, Bürgermeister zu finden

Er habe Sorge, dass sich immer weniger Menschen politisch einbringen wollten. „Das spielt nur denen in die Karten, die nichts Gutes vorhaben“, so Ott. Tatsächlich haben manche Städte schon jetzt erhebliche Probleme, Bürgermeisterkandidaten zu finden. „Auf kommunaler Ebene hat man es als politisch Verantwortlicher mit derart vielen Altschulden zu tun, dass durch die Last die Handlungsspielräume sehr stark eingeschränkt sind. Dazu kommt, dass zum Beispiel Bürgermeister immer öfter beleidigt und bedroht werden. Wer soll sich das freiwillig antun?“, so Ott.

Für die DOSB-Entscheidung hat er kein Verständnis. „Jedes Unternehmen und jede Institution sollte doch stolz sein, wenn ein Mitarbeiter oder eine Führungskraft sich entscheidet, als Oberbürgermeister zu kandidieren“, findet der SPD-Politiker und warnt vor einer „Entpolitisierung der Gesellschaft“: „Heute ist es so, dass man sich mit einem parteipolitischen Mandat in einem Arbeitsverhältnis ja eher verdächtig macht, als dass man gelobt wird. Und das darf so nicht sein.“ Man hätte mit Burmester zum Beispiel über Sonderurlaub verhandeln und ihn später freistellen können, findet Ott. „Laut DOSB sei sein Job nicht mit dem Wahlkampf vereinbar. Dabei machen auf kommunaler Ebene Tausende genau das: Sie gehen arbeiten und engagieren sich politisch. Anders geht es doch gar nicht.“

SPD-Kandidat und DOSB einigen sich

Der DOSB und Burmester haben sich inzwischen auf einen Aufhebungsvertrag in gegenseitigem Einvernehmen geeinigt, teilt der DOSB mit. „Ich danke dem Präsidium und besonders allen Mitgliedsorganisationen für die stets vertrauensvolle Zusammenarbeit in den vergangenen drei Jahren zum Wohle des Sports und der Vereine in Deutschland und werde mich nun neuen Herausforderungen als Oberbürgermeister-Kandidat in Köln zuwenden“, sagte Burmester selbst.

Olympia soll nach Köln

Derweil bleibt ein Geschmäckle. Aus Insiderkreisen ist zu hören, dass dem SPD-Kandidaten womöglich bewusst Steine in den Weg gelegt worden seien – von Mitgliedern des DOSB-Präsidiums, die das Job-Aus angeblich vorangetrieben haben, und die der SPD nicht unbedingt nahestehen sollen. Derweil merken Kritiker an, dass Burmester allein mit seiner Kandidatur einen gewissen Interessenkonflikt gehabt haben könnte: Denn die Stadt Köln, deren Oberbürgermeister er werden will, gehört zu den Städten, die womöglich Teil einer deutschen Bewerbung um die Olympischen Spiele 2040 sein will.

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa

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