Linke-Chef van Aken: „Es hat sich etwas gedreht in der Partei“
VonChristine Dankbar
schließen
Linken-Co-Chef Jan van Aken über den großen Zulauf junger Leute, die neue Einigkeit nach innen und warum er fest an den Einzug in den Bundestag glaubt. Ein Interview.
Das Interview mit Jan van Aken findet in seinem Büro in der Parteizentrale in Berlin statt. Im Hintergrund hängen Drucke von Rosa Luxemburg. Der Parteichef sitzt am Rechner und regt sich gerade über die Preiserhöhungen für Schokolade auf.
Sie recherchieren tatsächlich gerade die Preise für Schokolade?
Ja, ich bin bekennender Schokoholik. Deswegen ist seit 20 Jahren Kakao quasi ein politisches Lebensthema. Auch wegen der Arbeitsbedingungen in der Côte d’Ivoire. Da ist ein Krieg ausgebrochen wegen der Kakaopreise. Und jetzt lese ich heute Morgen, Milka erhöht die Preise und zwar von 1,49 auf 1,99 pro Tafel.
Das ist viel.
Allein die 1,49 sind schon heftig. Die haben ja vor einem Jahr schon erhöht. Und da heißt es immer, wegen Missernten. Ich glaube das nicht. Deswegen habe ich mir die Weltmarktpreise für Kakao besorgt. Die sind wirklich gestiegen. Aber umgerechnet auf eine Tafel dürften das nur 18,2 Cent ausmachen. Der Rest wird mal eben so draufgeschlagen. Die nutzen die Einkaufspreise als Vorwand für Extragewinne.
Kennen Sie alle? Diese 41 Parteien wurden formal zur Bundestagswahl 2025 zugelassen
Sie wirken recht entspannt nach dem Parteitag neulich oder täuscht der Eindruck?
Für mich war das wirklich das Schönste seit langem. Aber es ist noch mehr als das. Ich habe auf der Rückfahrt im Zug zwei Delegierte aus Marburg getroffen. Die haben mir erzählt, dass sie die Arbeit in ihrem Kreisverband vor anderthalb Jahren noch mit ganz wenigen gemacht haben. Jetzt sind sie 50 aktive Mitglieder. Und solche Geschichten habe ich zigfach gehört in letzter Zeit. Da hat sich seit einem Jahr wirklich etwas gedreht in unserer Partei. Es ist der Wahnsinn!
Die Linken generell sind ja immer gut in der Selbstzerfleischung. Meinen Sie, dass das wirklich zu Ende ist?
Ich bin selbst total gespannt. Im Moment läuft es wirklich großartig. Ines und ich haben ja im Oktober gesagt: Leute, wenn ihr ein Problem habt, sagt es uns und dann diskutieren wir das aus. Und das passiert tatsächlich. Also ich habe jetzt mehrfach Briefe, E-Mails, Anrufe bekommen von Leuten, die gesagt haben, Jan, das, was du da gesagt hast, geht überhaupt nicht. Dann wird das besprochen. Ich habe auch schon mehrfach gesagt, okay, das war so in der Formulierung ein Fehler, machen wir ab jetzt anders. Oder wir ändern den Text auf der Website. Bei anderen Sachen sage ich: Nee, ich höre was du sagst, ich finde aber, da hast du nicht recht. Es findet also wirklich ein Austausch statt.
Die Linke vor der Bundestagswahl: Van Aken über Veränderung in seiner Partei
Also hat sich der Stil wirklich geändert?
Das ist mein Eindruck, ja. Es gibt einige, die sagen, warten wir die Wahl ab. Aber ich denke wirklich, dass sich etwas geändert hat. Auch bei Leuten, die früher sogar in der Öffentlichkeit gestritten haben, merkt man, die gehen aufeinander zu. Wir arbeiten auch in großer Einigkeit mit der Fraktion, das macht richtig Spaß.
Zur Person
Jan van Aken, 63, teilt sich mit Ines Schwerdtner den Vorsitz der Links-Partei. Neben Heidi Reichinnek tritt er als Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl an.
Der promovierte Biologe arbeitete unter anderem für Greenpeace und die Vereinten Nationen. 2009 und bis 2017 saß er für die Linke im Bundestag. FR
Ein Schwachpunkt war immer, dass es ein Machtzentrum in der Fraktion gab und eines in der Parteispitze und eher wenig Gemeinsamkeit. Wird das in der neuen Legislatur anders – vorausgesetzt, Sie kommen ins Parlament?
Wir haben uns das angeschaut und festgestellt, dass zwei Drittel der Fraktion neu wären. Das sind größtenteils jüngere Leute, also aus meiner Perspektive gedacht, ich bin ja über 60. Da sind sehr viele in den 30ern dabei, die aber schon lange auch in der Partei aktiv sind. Das sind alles erfahrene Leute, die oft auch schon Funktionen hatten, also die Landesvorsitzende waren oder im Parteivorstand waren. Für mich ist das die perfekte Voraussetzung dafür, mit so einem einigen Team und zusammen mit Heidi Reichinnek und Sören Pellmann eine Fraktion aufzubauen, die eng mit der Partei zusammenarbeitet. Ich glaube, das wird nochmal richtig Schwung geben.
Mitglieds-Zuwachs bei den Linken: „Sehr viele junge Leute, zum ersten Mal mehrheitlich Frauen“
Die Partei hat jetzt zum ersten Mal seit langer Zeit mehr als 60 000 Mitglieder. Was sind das für Leute, die Die Linke anzieht?
Das sind fast alles junge Leute. Ich habe das wirklich aus sehr vielen unterschiedlichen Kreisverbänden gehört. Sehr viele junge Leute, zum ersten Mal mehrheitlich Frauen, das ist auch interessant. Ich habe auch mit einigen von ihnen geredet und sie gefragt: Seid ihr jetzt als politische Gruppe zusammen gekommen, etwa aus der Antifa oder von Fridays for Future? Das ist aber selten. Manchmal kommen solche kleinen Gruppen, aber oft sind es Einzelpersonen, die vorher an anderer Stelle politisch aktiv waren. Oder in Neuruppin zum Beispiel, da kamen zehn junge Leute, die zusammen im Jugendzentrum waren und sich gemeinsam entschlossen haben, dass sie jetzt eintreten und dann auch Wahlkampf für uns machen. Das sind politisch Interessierte, die jetzt das Gefühl haben, hier rutscht was weg und wir müssen was tun.
Mission „Silberlocke“ bei Bundestagswahl: Linke setzen bei Direktmandaten auf zwei weitere Kandidaten
Im Kontrast zu den vielen jungen Leuten, die eintreten, steht die Mission „Silberlocke“, bei der Gregor Gysi, Boris Ramelow und Dietmar Bartsch mit ihren Direktmandaten den Wiedereinzug in den Bundestag sichern sollen. Wie sicher sind Sie da?
Also erst mal bin ich überzeugt, dass wir die Fünf-Prozent-Hürde überspringen werden. Und bei den Direktmandaten haben wir noch zwei weitere, die sehr aussichtsreich sind. Sören Pellmann hat es in Leipzig ja schon beim letzten Mal geholt. Und Ines Schwerdtner tritt im Wahlkreis Berlin-Lichtenberg als Nachfolgerin von Gesine Lötzsch an, die sie dabei sehr unterstützt.
In Leipzig hat Sören Pellmann Konkurrenz vom BSW. Wie groß ist die Gefahr?
Die Strategie des BSW ist offenbar schon, dass sie explizit gegen uns antreten wollen. Wir haben das in Leipzig aber mal ausgerechnet mit den Zahlen aus der Europawahl. Da sieht es trotzdem gut für uns aus. Ich habe aus dem BSW aber auch schon gehört, dass da vielen der Personenkult um Sahra Wagenknecht zu weit geht. Und die Umfragen gehen auch nach unten. Das BSW nimmt vielleicht den gleichen Weg wie die Piratenpartei; erst der große Hype und dann der Absturz in die Bedeutungslosigkeit.
Damit ist bei der AfD nicht zu rechnen. In Lichtenberg tritt Beatrix von Storch gegen Ines Schwerdtner an. Wie kommentieren Sie das?
Ich sag mal so: Ein Ost-Berliner Wahlkreis mit der westdeutschen Adligen, ich weiß nicht, ob das eine gute Strategie ist. Ich wurde wegen meines Nachnamens auch schon von Genossen im Osten augenzwinkernd mit den Worten begrüßt, da kommt unser Adliger. Das ist im Osten kein Kompliment. Ich bin kann mir nicht vorstellen, dass von Storch gut ankommt.
Was Krieg und Frieden angeht, konkurrieren Sie mit dem BSW, wobei sich das Bündnis von Sahra Wagenknecht klarer positioniert. Bei der Linken hat man oft das Gefühl, dass sie laviert.
Das finde ich überhaupt nicht.
Abgrenzung von BSW-Position zum Ukraine-Krieg: „Perspektive von AfD und BSW ist Kreml-Perspektive“
Sie haben auf dem Parteitag gesagt, wir wollen auch mehr Diplomatie im Krieg zwischen Putin und der Ukraine, aber wir sind nicht die Putin-Jünger wie das BSW und sagen, wer am Krieg schuld ist. Das schon so ein bisschen ‚wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass‘, oder?
Ich bin da völlig klar. Ich bin gegen Waffenlieferungen und die Mehrheit der Partei ist gegen Waffenlieferungen. Das haben wir auch beschlossen. Da gibt es überhaupt kein Vertun. Der zentrale Unterschied ist, ich mache das aus der Perspektive der Menschen in der Ukraine heraus. Ich frage, wie können wir den Menschen besser helfen als mit Waffen. Die Perspektive von AfD und BSW dagegen ist eine Kreml-Perspektive. Die sagen einfach, legt doch die Waffen nieder. So wie Baerbock das zu den Kurden sagt, sagen die das zu den Ukrainern. Beides ist falsch. Die sind angegriffen, sie haben natürlich ein Recht auf Selbstverteidigung.
Ohne Waffenlieferungen wird das mit der Selbstverteidigung aber etwas schwer für die angegriffene Ukraine.
Ich bin gar kein radikaler Pazifist. Ich glaube, es gibt historische Situationen, wie in Nazideutschland, wo man ohne Waffengewalt nicht weiterkommt. Aber meine Position ist immer das Primat des Zivilen. Zwischen dem Militärischen und gar nichts tun, da gibt es immer ganz schön viel, was man auch mal ausprobieren kann, bevor man überhaupt an das Militärische rangeht.
Das klappt doch schon aus Zeitgründen nicht, oder?
Also am 25. Februar 2022 wären wir da ganz schnell sehr weit gekommen. Ein Beispiel wäre gewesen, dass Europa über Nacht gar kein Öl mehr von Russland kauft. Ein hundertprozentiges Öl-Embargo gegen Russland hätte die ganze Rechnung des Kreml durchkreuzt. Damit hätten sie nicht gerechnet. Da die Öleinnahmen direkt in die Staatskasse gehen, wäre die Kriegskasse ausgetrocknet worden. Ich glaube, dass dann die Verhandlungen in Istanbul im März/April des Jahres deutlich anders verlaufen werden, weil der Kreml unter Druck gestanden hätte.
Wie meinen Sie das?
Ich sage die ganze Zeit, man muss diese zivilen Dinge ausprobieren. Erst mit Waffen zu kommen, bei den Sanktionen zu schlampen und dann zu sagen, oh, die Sanktionen bringen ja gar nichts, das ist zynisch. Ich habe beruflich dazu gearbeitet, wie Sanktionen funktionieren und wie nicht und wann sie überhaupt erfolgreich sind. Und da ist beim Ukraine-Krieg jeder Fehler gemacht worden, den man in der Sanktionsforschung kennt.