Deutschland tüftelt, Polen marschiert: Polnische Soldaten präsentieren K2 Black Panther-Panzer auf der Wislostrada im Zentrum von Warschau, der Hauptstadt Polens, während einer Militärparade am Tag der polnischen Armee
Leo, Panther, Main Ground Combat System? Polen widersetzt sich Europas Panzerbeschaffungs-Theater und kauft weiter in Südkorea ein – Masse mit Klasse.
Warschau – „Mindestens 1.400 Panzer, 2.000 Schützenpanzer und 700 Artilleriegeschütze (155-Millimeter-Haubitzen und Mehrfachraketenwerfer)“, diese Menge betrachten Alexandr Burilkov und Guntram B. Wolff als Minimum einer „glaubwürdigen europäische Abschreckung – etwa um einen schnellen russischen Durchbruch im Baltikum zu verhindern“, wie die Autoren des Brüsseler Thinktanks Bruegel schreiben. Panzer sind ein heikles Thema, seit beispielsweise die Bundeswehr von ihren einstigen 3.000 Stück auf ein Zehntel des Bestands abgespeckt hatte – Wladimir Putins Offensive im Ukraine-Krieg hat die Nato ihre Fehler vor Augen geführt. Polen versucht jetzt mit Macht, das Ruder herumzureißen.
Der Staat an der Nato-Ostgrenze wolle jetzt 6,5 Milliarden US-Dollar vorrangig in Kettenfahrzeuge investieren, schreiben die Defense News. Laut dem Magazin fließe die Summe in 180 Exemplare des K2-Black Panther von Hyundai Rotem inklusive 81 Begleitfahrzeuge; ein Unterfangen, durch das Polen bald eine größere Panzerarmee haben werde, als Großbritannien, Deutschland und Frankreich zusammen, wie Peter Althaus schreibt: „Polen würde demnach im Jahr 2031 insgesamt 1100 Panzer betreiben“, so der Autor von Focus Online. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) sieht Polen gar auf dem Weg zur stärksten Armee Europas. Bis 2035 will Polen das geschafft haben.
Rüstung gegen Russland: Polen gibt inzwischen viel mehr Geld aus als ältere Bündnismitglieder
Dem Land hat jetzt schon nur etwas weniger Panzer als andere bedeutende Nato-Nationen zusammen: Für Deutschland rollen rund 300 und für Großbritannien und Frankreich jeweils etwas mehr als 200 Stück. Das Land verfügt bereits jetzt über die viertgrößte Panzerarmee der Nato: Den Spitzenplatz halten die USA mit mehr als 4.000 Kampfpanzern, gefolgt von der Türkei mit mehr als 2.000 und Griechenland mit mehr als 1.000 Kampfpanzern.
„Aus ökonomischer Sicht ist die geplante Militarisierung der deutschen Wirtschaft eine risikoreiche Wette mit niedriger gesamtwirtschaftlicher Rendite.“
Polen gibt inzwischen viel mehr Geld aus als ältere Bündnismitglieder. Anders auch als beispielsweise Deutschland sind die polnischen Militärs ständig wachsam gegenüber der globalen Entwicklung: Die heute gültige polnisch-russische Grenze verläuft fast geradlinig etwa 232 Kilometer lang zwischen der Republik Polen und der Verwaltungseinhalt (Oblast) Kaliningrad in der Russischen Föderation. Das Kaliningrader Gebiet ist eine Exklave, also getrennt vom übrigen russischen Territorium. Zudem trennt eine 418 Kilometer lange Grenze das EU- und Nato-Mitglied von Russlands engstem Verbündetem Belarus. Mit 3,9 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts (BIP) war der polnische Verteidigungshaushalt 2023 fast doppelt so hoch wie das einstige Nato-Ziel von zwei Prozent des BIP für jedes Land – ein Ziel, mit dem sich beispielsweise Bündnispartner wie Deutschland und Frankreich immer schwer getan haben.
Der bis 2023 amtierende Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak hatte erklärt, Polen wolle „die größte Landstreitkraft in Europa“ aufbauen. Polen verfügt derzeit über gleichermaßen westliche wie sowjetische Ausrüstung, darunter 569 Panzer, geschätzte 800 Artilleriegeschütze, rund 100 Kampfjets und rund 30 Kampfhubschrauber. Für die Jahre 2023 bis 2026 wurden Rüstungskäufe für umgerechnet 37 Milliarden Euro eingeplant.
Laut Venkatesh Kandlikar mausere sich Südkorea als Rüstungsproduzent damit zum verlässlichen Nato-Versorger: „Polens ursprüngliche Vereinbarung für 2022 umfasste 180 K2-Panzer, die Auslieferungen dieser Bestellung sind noch im Gange. Die jüngste Ankündigung für die zusätzlichen 180 K2-Panzer vertieft diese Beziehung und wird Polens Panzerfahrzeugbestand deutlich erhöhen“, zitiert Army-Technology den Analysten des in London ansässigen Beratungsunternehmen GlobalData. Laut dem Magazin umfasse der jüngste Vertragsschluss die lokale Produktion von etwa 63 Panzern in Polen durch Technologietransfer von Hyundai Rotem und die Zusammenarbeit mit polnischen Rüstungsunternehmen.
Gut und günstig gegen Putin: Das südkoreanische Produkt kostet die Hälfte der deutschen Neukonstruktion
2009 ist der Panzer erstmals öffentlich vorgestellt worden und von daher deutlich moderner als beispielsweise ein 1979 in Dienst gestellter Leopard 2. Im Durchschnitt wird ein Exemplar mit Kosten von 8,5 Millionen Dollar beziffert. Der von Rheinmetall jetzt neu vorgestellte KF 15 Panther wird auf Stückkosten von 15 Millionen Euro geschätzt. Den Umrechnungskurs einbezogen, kostet das südkoreanische Produkt also genau die Hälfte der deutschen Neukonstruktion – ob der deutsche Panzer auch doppelt soviel Kampfkraft bietet, muss sich zeigen. Gemeinsam haben die beiden jüngsten Entwicklungen in der Nato-Flotte, dass sie bis jetzt Exoten sind. Am Rheinmetall-Panzer haben bisher nur Ungarn und Italien Interesse gezeigt. Den Black Panther nutzt allein Polen.
Gemeinsam haben die beiden Fahrzeuge den unbemannten Turm mit Autolader – der allerdings bei russischen Panzern im Ukraine-Krieg durchaus auch zu Problemen geführt hat. Der K2 verfügt serienmäßig über eine 120 Millimeter-Glattrohrkanone und verschießt damit das Nato-Standardkaliber, wodurch die Interoperabilität mit den anderen Nato-Streitkräften gesichert zu sein scheint – der KF 51 soll eine 130 Millimeter-Kanone tragen, aber optional mit einem 120 Millimeter-Geschütz gebaut werden können. Darüber hinaus gilt Der K2-Kampfpanzer laut Army Recognition als konventionell konstruiert: Fahrerkabine vorne, Kampfraum in der Mitte sowie Motor und Getriebe hinten, so das Magazin. „Die Panzerung des Black Panther besteht aus einer unbekannten Verbundpanzerung und einem aktiven Verteidigungssystem (ADS) mit reaktiven Panzerungsblöcken. Die Besatzung des K2 ist dreiköpfig: Der Fahrer sitzt vorne in der Mitte der Wanne, Kommandant und Richtschütze im Turm.“
Bundeswehr bedingt abwehrbereit: „Deutschland hatte immer nach einer Goldrandlösung gesucht.“
Um die heimische Wirtschaft zu beteiligen wird Polen jetzt nur noch um die 60 Exemplare in Lizenz bauen – eigentlich hatte der Nato-Grenzstaat mehr in heimischer Produktion herstellen wollen, aber das Magazin Soldat & Technik spricht von „offenbar fehlenden inländischen Produktionskapazitäten und Meinungsverschiedenheiten über den Technologietransfer“, so Autor Stefan Axel Boes. Ihm zufolge sei die Beschaffung „Teil eines umfangreichen Rahmenvertrags, der auch die Lieferung beziehungsweise Lizenzproduktion von Panzerhaubitzen des Typs K9 Thunder, Raketenartilleriesystemen K239 Chunmoo und leichten Kampfflugzeugen FA-50 Fighting Eagle umfasst“.
Für die deutsche Rüstungsproduktion oder überhaupt europäische Produktionskapazitäten ein derber Schlag ins Gesicht – die Folge über Jahre fehlender rüstungspolitischer Weitsicht: Wie der deutsche Politikwissenschaftler Carlo Masala in seinem neuen Buch „Bedingt abwehrbereit“ schreibt, war der Politik gerade in Deutschland schlichtweg egal, wie lange die Auslieferung eines bestellten Großgerätes dauerte. Masala: „Deutschland hatte immer nach einer Goldrandlösung gesucht.“ Auch der Schützenpanzer Puma hatte von den ersten Ideen bis zur Auslieferung zur Truppe 20 Jahre gebraucht; und ist immer noch extrem fehlerbehaftet und fast schon „kriegsuntüchtig“.
Wie die Deutsche Presseagentur (dpa) am Anfang dieses Jahres berichtet hat, könnten höhere Rüstungsausgaben 200.000 neue Jobs bringen und der deutschen Wirtschaft helfen. Die dpa beruft sich auf das Ergebnis einer neuen Simulation des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) und der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS). Das Ergebnis ist zweifelhaft.
Kein Profit mit Panzern: Militarisierung der deutschen Wirtschaft eine risikoreiche Wette
Der Spiegel hat im Juni aus einer Studie mit gegenteiligem Ergebnis veröffentlicht: Rüstung brächte volkswirtschaftlich wenig. Insofern wäre die Bundeswehr vielleicht gut beraten, ebenfalls statt eines neuen teuren Zukunftspanzers zusammen mit Frankreich – dem Main Ground Combat System – auf eine fertige Lösung zu setzen. Auch ein neuer, neu entwickelter Panzer würde zumindest ökonomisch keinen Nutzen für Deutschland bieten: Die Erhöhung des Verteidigungsbudgets „dürfte Deutschlands Wirtschaft höchstens mäßig ankurbeln“, übersetzt Spiegel-Autor David Böcking das Ergebnis der Universität Mannheim.
Von Taurus bis Leopard – die Waffensysteme der Bundeswehr im Überblick
Die Studien-Autoren Tom Krebs und Patrick Kaczmarczyk schätzen, jeder zusätzliche Euro für die Rüstungsindustrie erwirtschafte „höchstens 50 Cent an zusätzlicher gesamtwirtschaftlicher Produktion“. Das hieße, mindestens 50 Cent an zusätzlichen Investitionen würden verpuffen; im besten Fall. Möglicherweise hätte der für Rüstung zusätzlich investierte Euro auch gar keinen Effekt. Den Autoren zufolge könnten Investitionen in die öffentliche Infrastruktur jeden investierten Euro möglicherweise verdoppeln; die Investition in Ausbau der Infrastruktur und des Personals in Kitas und Schulen könnten den investierten Euro womöglich verdreifachen.
Laut dem Nachrichtenmagazin sind sich Krebs und Kaczmarczyk sicher: „Aus ökonomischer Sicht ist die geplante Militarisierung der deutschen Wirtschaft eine risikoreiche Wette mit niedriger gesamtwirtschaftlicher Rendite.“