Unmut in Russland: Bericht spricht von Riesen-Frust über Putins Politik
VonPatrick Mayer
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Russland beklagt im Ukraine-Krieg sehr viele Tote. Die Steuern steigen, die Energieinfrastruktur kollabiert. So soll der Unmut über Wladimir Putin vielerorts wachsen.
Moskau – Kreml-Chef Wladimir Putin vermittelt seinen Landsleuten gerne, er habe in Russland alles im Griff. Doch: Einem Bericht nach sehen das offenbar viele seiner Landsleute gänzlich anders und sind regelrecht frustriert über die Politik des Moskau-Regimes im Umfeld von Ukraine-Krieg und internationalen Spannungen des russischen Regimes mit der NATO. In Teilen der Bevölkerung soll geradezu Frust herrschen, schreibt Meduza.
Von Wladimir Putins Öl-Milliarden kommt wenig in der Bevölkerung an. Hier ist ein nicht untypisches heruntergekommenes Hochhaus in Russland zu sehen. (Symbolfoto)
Riesen-Verluste an Menschenleben in der Ukraine, Energiekrise in der Russischen Föderation, Steuererhöhungen und steigende Lebenshaltungskosten: Dabei sollen unter vielen Russen offenbar vor allem lebensnahe Probleme für Unmut sorgen, die sie und ihr Leben und ihre Familien direkt sowie vor Ort betreffen. Meduza verweist auf angebliche, nicht namentlich genannte Beamte aus dem Kreml, wonach „die Russen des Krieges müde sind und auf Verhandlungen warten“.
Ukraine-Krieg, Öl-Krise, hohe Steuern: In Russland soll der Frust über Putins Politik wachsen
Das oppositionelle und unabhängige russische Investigativ-Portal schreibt in seiner Analyse zur aktuellen gesellschaftlichen Situation von „öffentlichem Unmut über eine Reihe unpopulärer Entscheidungen“. Als Beispiel wird die geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer in Russland von 20 auf 22 Prozent genannt, um auch darüber Putins Ukraine-Krieg zu finanzieren. Die Steuererhöhungen sollen laut Meduza vorerst bis 2028 gelten.
Umgekehrt fließen Hunderte Milliarden ins Militär, anstelle in Sozialleistungen und Wohlfahrtsfürsorge. Wie das ukrainische Portal Defense Express (DE) im Herbst 2024 schrieb, hatte das Moskauer Regime seinerzeit für die Jahre 2025 bis 2027 etwa 394,6 Milliarden US-Dollar für die Aufrüstung und das Militärbudget kalkuliert. Laut Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) machen die Verteidigungsausgaben in 2025 zwischen sieben und acht Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP) aus.
Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern
Demnach flossen und fließen in diesem Jahr 130 Milliarden Euro in den Verteidigungshaushalt. Infrastruktur, Renten, Gesundheitssystem – das Geld fehlt freilich in allen lebensnahen Bereichen, die die russische Bevölkerung tagtäglich betreffen. Nur ein Beispiel: Ukrainische Blogger teilen seit Langem Fotos und Videos, die eingestürzte Brücken und völlig marode Straßen in Russland zeigen sollen.
Wladimir Putins Russland: Arme Rentner, wenig Sozialleistungen, alles ins Militär
Wie verschiedene Nachrichtenseiten wie der Deutschlandfunk berichteten, lag die durchschnittliche Altersrente in Russland in den vergangenen Jahren bei gerade mal 150 bis 240 Euro monatlich. Manche Rentner sollen nicht mal genügend Geld für Medikamente haben. Laut Deutscher Welle (DW) waren im Staatshaushalt für 2024 (36,6 Billionen Rubel) 30 Prozent für Verteidigung und nochmal rund neun Prozent für nationale Sicherheit und Strafverfolgung eingeplant – Überschneidungen nicht ausgeschlossen.
So entfielen rund 40 Prozent der Staatsausgabe für Verteidigung und Sicherheit, und zwar Sicherheit aus der Perspektive von Putins Regime. Für Sozialleistungen wie Wohnungsbau und Subventionen ins allgemeine Gesundheitswesen waren demnach nur 21 Prozent der Staatsausgaben eingeplant. Derweil wankt die russische Öl-Industrie in Folge ukrainischer Drohnen-Luftangriffe gewaltig. Immer wieder brennen Öl-Raffinerien und Pipelines, und zwar auf große Teile des Landes verteilt.
Der US-amerikanische General a. D. David Petraeus schätzte kürzlich im Interview mit Welt, dass „20 Prozent der Raffinerien beschädigt oder zerstört“ wurden und im kommenden Jahr dem sogenannten russischen Wohlfahrtsfonds das Geld ausgehe. In diesem lagern, vereinfacht, staatliche Reserven. Wie die Nachrichtenagentur Reuters kürzlich berichtete, haben mehrere russische Regionen wegen des akuten Treibstoffmangels eine Kraftstoffrationierung und einen vorübergehenden Preisstopp verhängt.
Nach Verlusten im Ukraine-Krieg: Tausende Soldaten der russischen Armee desertieren
Das betrifft wiederum neben der verarbeitenden Industrie und der Rüstungsindustrie massiv die Bauwirtschaft sowie das Handwerk. Im Ukraine-Krieg soll die russische Armee laut des Investigativprojekts „Ich will leben“ indes mit vielen Desertationen ringen. Bis Ende des Jahres könnten geschätzt bis zu 70.000 russische Soldaten desertieren - nach verheerenden Verlusten.
Die unabhängigen russischen Medien Meduza und Mediazona haben Gerichtssprüche zu Erbschaften, Todesanzeigen und örtliche Nachrufe zusammengetragen. Demnach wurden 2023 rund 50.000, 2024 etwa 93.000 und bis Ende August diesen Jahres dokumentiert insgesamt mehr als 220.000 russische Soldaten im Ukraine-Krieg getötet. Wie Meduza weiterschreibt, soll Putin erwägen, unpopuläre Regionalgouverneure auszutauschen, um von den Missständen in Russland abzulenken. (Quellen: Meduza, Mediazona, Projekt „Ich will leben“, SWP, DW) (pm)