Bald keine US-Unterstützung?

Ukraine taumelt: Von Putin vorgeführt, von Trump abgewatscht – Präsident in Ohnmacht

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Wie lange halten die Ukrainer ohne weitere US-Waffen gegen Russland durch? „Noch lange“, orakeln einige Experten; aber dazu müssten sie sich beeilen.

Kiew – Die Nation stehe vor „einem der schwierigsten Momente unserer Geschichte“, hat Wolodymyr Selenskyj am Freitag gesagt. Die Washington Post (WP) zitiert den Präsidenten der Ukraine aus seiner aktuellen Ansprache an sein Volk. US-Präsident Donald Trump hat den Verteidigern gegen Wladimir Putins völkerrechtswidrigen Überfall erneut angedroht, die Unterstützung zu entziehen. Laut der WP habe Selenskyj eingeräumt, seinem Volk stehe das Wasser bis zum Hals: „Die Ukraine steht möglicherweise vor einer sehr schwierigen Entscheidung – entweder dem Verlust der Würde oder dem Risiko, einen wichtigen Partner zu verlieren.“

Wolodymyr Selenskyj – Vom Komödianten zum Symbol des Widerstands

Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion. Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland.
Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj
Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland. © Imago
Selenskyj kandidiert in der Ukraine
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig.  © dpa
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig. Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland.
Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland. © Alexander Gusev/Imago
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während ihres Studiums des Bauingenieurwesens an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen. Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann.
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während des Studiums an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen.  © Vadim Ghirda/dpa
Stichwahl um Präsidentenamt in der Ukraine
Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann. © dpa
Arte - Diener des Volkes
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. © Arte/dpa
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.
Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.  © Arte/dpa
Vereidigung von Selenskyj als neuer Präsident der Ukraine
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein.  © Evgeniy Maloletka/dpa
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein. Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau.
Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau. © Wolfgang Kumm/dpa
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab. Steueroasen sind in der Ukraine nicht illegal.
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Diese sind in der Ukraine allerdings nicht illegal. © Sergei Chuzavkov/afp
Bitter End Yacht Club auf Virgin Gorda auf den Britischen Jungferninseln
Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab.  © Imago
Selenskyj
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann. © Evgen Kotenko/Imago
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann – und dies zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk tat. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben.
Er setzte das Mittel zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk ein. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben. © Instagram Account of Volodymyr Zelensky/afp
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten. Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden, der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus.
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten.  © Saul Loeb/afp
Joe Biden Hunter
Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden (hinten), der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus. © Imago
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin.
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. © Ukraine Presidential Press Service/afp
Nach der Präsidentenwahl in der Ukraine
Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin. © dpa
Trump, Macron, Selenskyj - Paris
Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, dass Selenskyj mit Putin zusammentraf.  © Lafargue Raphael/Imago
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren. Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, das Selenskyj mit Putin zusammentraf.
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren.  © Charles Platiau/afp
Selenskyj
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation weiter. Immer häufiger besuchte Selenskyj (Mitte) Militärübungen der ukrainischen Armee, so auch am 16. Februar 2022 in der Stadt Riwne. © Imago
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation immer weiter. Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.
Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion eskalierte der Ukraine-Krieg.
In der Nacht zum 24. Februar 2022 begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion im März 2014 eskalierte der Ukraine-Krieg.  © Imago
London, United Kingdom
Im Westen war die Solidarität mit der überfallenen Ukraine groß. Der Regierungssitz im Vereinigten Königreich leuchtete in den ukrainischen Farben.  © Hesther Ng/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. Danach sollen die USA Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden.
Die USA sollen Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden. © Ukraine Presidency/afp

„Die Ukraine ist noch lange nicht besiegt“, schreibt Michael Peck – und widerspricht damit dem US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der seinem ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj vor Monaten ins Gesicht gesagt hatte, dass die Ukraine gegen Wladimir Putins Invasionstruppen „ohne die Unterstützung der Vereinigten Staaten nur eine geringe Überlebenschance hätte“. Pecks Analyse für den Thinktank „Center for European Policy Analalysis“ (CEPA) datiert von Januar 2025. Die Ukraine erlebt also ein Déjà-vu. Laut dem „Friedensplan“ des US-Präsidenten soll die Ukraine letztendlich Gebiete abtreten, um die militärischen Auseinandersetzungen zu beenden. Was hat die Ukraine also zu gewinnen?

Experte: „Russland wird seine Offensivaktivitäten gegen die ukrainische Frontlinie wahrscheinlich verstärken“

„Wenn der Sieg darin besteht, dass die Ukraine aus dem Krieg als wirtschaftlich und politisch unabhängige Nation hervorgeht, dann ist ein Sieg mehr als erreichbar. Die Ukraine hat zwar noch nicht gewonnen, ist aber noch lange nicht besiegt“, schrieb Peck Anfang Januar. Würde er diese Behauptung im Januar 2026 wiederholen? Darauf fehlt auch den Analysten des US-Thinktanks „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) eine schlüssige Antwort. „Russland wird seine Offensivaktivitäten gegen die ukrainische Frontlinie wahrscheinlich verstärken, sollte das russische Militär die ukrainischen Vorräte nach den US-Kürzungen als gering einschätzen“, schreiben Daniel Byman und seine Co-Autoren. Und sie lassen offen, wann dieser Zeitpunkt erreicht sein könnte.

„Ich werde Argumente anbringen, ich werde versuchen zu überzeugen und werde Alternativen vorschlagen, aber keinesfalls werden wir dem Feind Anlass geben zu sagen, dass es die Ukraine sei, die keinen Frieden wolle.“

Wolodymyr Selensky

James Stavridis hatte sich Anfang Januar in einen Allgemeinplatz geflüchtet. Gegenüber Newsweek äußerte der ehemalige Admiral der US Navy, der von 2009 an vier Jahre als Supreme Allied Commander Europe („Alliierter Oberkommandierender in Europa“) gedient hat, dass weiterhin „viele Kapazitäten in Richtung Ukraine fließen werden“, wie er sagte. Er ginge davon aus, die NATO-Verbündeten würden die möglichen Verluste aus den USA kompensieren. „Was den Friedensplan betrifft, der Präsident Selenskyj unseres Wissens vorgelegt wurde, so haben wir immer gesagt, dass jeder Plan nur dann funktionieren kann, wenn die Ukraine und die Europäer mit an Bord sind“, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters die hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, Kaja Kallas, in Brüssel.

Die Lage ist düster für die Ukraine und für ihren Präsidenten Wolodymyr Selenskyj –hier während einer Videoansprache an die Nation zum „Friedensplan“ von US-Präsident Donald Trump.

Europa sei in der Lage, die benötigten Rüstungsgüter aus den USA zu kompensieren, behauptete Anfang des Jahres auch eine Studie des „Kieler Instituts für Weltwirtschaft“ – die allerdings mündete in ein „Ja, aber …“: „Dazu müsste die europäische Industrie ihre Produktion rasch und deutlich steigern“, schlussfolgerte Analyst Christoph Trebesch. Anfang des Krieges hatten alle Nationen auf Lagerbestände zurückgegriffen, und diese sind jetzt geplündert. Produktionssteigerungen schließen sich mindestens aus Mangel an Geld aus, wenn nicht allein schon aufgrund des Fachkräftemangels – zumindest was die deutsche Wirtschaft angeht. Ob die Steigerung der Rüstungsproduktion in den einzelnen Mitgliedsländern politisch durchsetzbar sein würde, stünde noch auf einem anderen Blatt.

Europa liegt am Boden vorn

Die größte Abhängigkeit von US-Waffen liegt bei Raketenartillerie (beispielsweise HIMARS – 86 Prozent davon stammen aus US-amerikanischer Produktion), Munition für Haubitzen (mehr 80 Prozent US-Produktion) und Langstrecken-Flugabwehrsystemen (beispielsweise Patriot – 70 Prozent US-Produktion). In anderen Bereichen, darunter Haubitzen und Kampfpanzer, stammen die meisten gelieferten Waffensysteme bereits aus europäischer Produktion. 

Quelle: Christoph Trebesch, Kiel Institut

Die Patriots, die Granaten, die HIMARS und ATACMS könnten nun Geschichte sein, wie Donald Trump, laut der Washington Post hat verlauten lassen – in einer Ansprache im Oval Office habe er gesagt, dass Selenskyj quasi keine Wahl habe. „Es muss ihm gefallen. Und wenn es ihm nicht gefällt, dann sollten sie wohl einfach weiter streiten“, zitiert ihn WP-Autor Siobhán O‘Grady. Das Ausmaß des „Weiterstreitens“ bestimmen neben den Rüstungsgütern allerdings auch die Geheimdienstinformationen. Nach Einschätzung der CSIS-Analysten um Daniel Byman hätte die Ukraine bereits bewiesen, dass sie aus eigener Kraft werthaltige Informationen generieren könne. Lediglich die Möglichkeiten, diese Informationen in Sprengkraft umzusetzen, würden geringer, so das CSIS.

Folge „Friedensplans“: Signal, „dass die US-Bündnisse, selbst die NATO, alles andere als unerschütterlich sind“

Der Ukraine liefe die Zeit davon. Der seit dem zweiten Jahr in einem Abnutzungskrieg mäandernde Konflikt würde sich beschleunigt dem Ende entgegen entwickeln, wenn der Versorgung der Verteidiger der Stecker gezogen würde. Immerhin, so prophezeit das CSIS: „Sollten die Vereinigten Staaten ihre Hilfe für die Ukraine vollständig oder weitgehend einstellen, werden die russischen Streitkräfte das Schlachtfeld wohl nicht sofort im Sturm erobern.“ Die Engpässe würden jedoch mit jeder verschossenen Patrone der Verteidiger dramatischer werden und dementsprechend die Moral in den Schützengräben sinken. Byman und seine Co-Autoren identifizieren drei Faktoren, die den Zusammenbruch der Fronten nicht vielleicht verhindern, jedoch zumindest verlangsamen könnten: „Europas Fähigkeit, neue Rüstungsproduktionskapazitäten aufzubauen, die Fähigkeit der Ukraine, ihre Kampfkraft durch Innovationen zu steigern, und die Geschwindigkeit, mit der beides gelingt.“

Mit jeder Sekunde allerdings wächst Russlands Gewalt über die schwindende ukrainische Kampfkraft, und die Chance, das in drei Kriegsjahren erreichte Patt zu unterminieren. Wie die Analysten festhalten, wären damit auch die unter dem Ex-Präsidenten Joe Biden gegen den Kongress durchgekämpften militärischen Hilfen sinnlos verpulvert worden. Als Kollateralschaden müsste sich Donald Trump auch das Signal an Russlands Verbündete als sein Verschulden ankreiden lassen: China, Nordkorea, Belarus, der Iran – all diese Länder könnten sich bemüßigt fühlen, nach einem Ausstieg Trumps ihren Rücken außenpolitisch stärker durchzudrücken. „Der Stopp sendet zudem das Signal, dass die USA Verbündete, die einer Invasion ausgesetzt sind, nicht unterstützen werden und dass die US-Bündnisse, selbst die NATO, alles andere als unerschütterlich sind“, so das CSIS.

Selenskyjs Dilemma: Die Wahl, die Würde zu verlieren oder die Vereinigten Staaten als Schlüsselpartner

Christian Esch hat in Kiew dem ukrainischen Präsidenten offenbar gut zugehört. Sein Volk stünde vor der Wahl, die Würde zu verlieren oder die Vereinigten Staaten als Schlüsselpartner, so seine Schlussfolgerung. Der Spiegel-Autor sieht die Entscheidung allerdings beinahe schon als alternativlos an. Esch zufolge könne sich kein ukrainischer Politiker leisten, Trumps 28-Punkte-Plan in seinem Kern anzunehmen – ebenfalls könne sich Selenskyj kaum leisten, diese Punkte zu ignorieren. Pokrowsk mit seiner eingekesselten ukrainischen Armee könne wohl kaum damit rechnen, dass der Kessel von außen gesprengt würde. Im Donbas scheinen die Verteidiger ebenfalls auf verlorenem Posten zu stehen und das Unausweichliche lediglich hinauszuschieben – Esch urteilt allerdings, dass auch die Zivilbevölkerung dort nie klein beigeben würde.

Darüber hinaus habe die Korruptionsaffäre in der Energiewirtschaft einen weiteren Sargnagel in das Vertrauen in die politische Führung geschlagen – speziell auch in das Vertrauen gegenüber Selenskyj selbst, so das Nachrichtenmagazin. Er sei von seinem eigenen ehemaligen Geschäftspartner hintergangen worden. Von Wladimir Putin wird er diplomatisch vorgeführt, von Donald Trump regelmäßig abgewatscht – sein Fall steht symptomatisch für sein Volk sowie seine Armee: Der Präsident gleitet in die Ohnmacht. Wie ihn der Spiegel jetzt zitiert, hat Selenskyj früher bestimmter geklungen, jetzt scheint er sein Volk überzeugen zu wollen, dass er antrete, um zu retten, was längst verloren scheint:

„Ich werde Argumente anbringen, ich werde versuchen zu überzeugen und werde Alternativen vorschlagen, aber keinesfalls werden wir dem Feind Anlass geben zu sagen, dass es die Ukraine sei, die keinen Frieden wolle.“ (Quellen: Center for European Policy Analalysis, Center for Strategic and International Studies, Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Reuters, Washington Post, Newsweek, Spiegel) (hz)

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/Press Service Of The President Of Ukraine/AP

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