Mächtig Dampf auch ohne Trump: Die „Bohdana“-Haubitze ist eine eigene Entwicklung der Ukraine – hätte Europa früher stärker auf seine Stärken gesetzt, hätte der US-Präsident heute weniger Macht gegenüber seinen noch bestehenden Verbündeten.
Für dieses Jahr sind Unterstützungen noch gesichert, vom kommenden Jahr muss die Ukraine eigene Wege finden; es sei denn, die Europäer legen enorm nach.
Washington D. C. – „Die Ukraine ist noch lange nicht besiegt“, schreibt Michael Peck – und widerspricht damit dem US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der seinem ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selensky ins Gesicht gesagt hat, dass die Ukraine gegen Wladimir Putins Invasionstruppen „ohne die Unterstützung der Vereinigten Staaten nur eine geringe Überlebenschance hätte“. Allerdings behauptet auch James Stavridis, die Ukraine könne noch „auf unbestimmte Zeit“ durchhalten.
Damit zitiert Newsweek den ehemaligen Admiral der US Navy, der von 2009 an vier Jahre gedient hat als Supreme Allied Commander Europe (zu Deutsch: „Alliierter Oberkommandierender in Europa“), also als militärstrategisch verantwortlicher Oberbefehlshaber für alle Operationen der Nato-Verbände. Der Berufssoldat geht einerseits davon aus, dass die Nato-Verbündeten die möglichen Verluste aus den USA kompensieren würden; er sei sicher, dass weiterhin „viele Kapazitäten in Richtung Ukraine fließen werden“, wie er sagte.
Trump macht ernst: US-Mittel für die Militärhilfe an die Ukraine werden ziemlich sicher nun erschöpft sein
Die US-Mittel für die Militärhilfe an die Ukraine werden ziemlich sicher nun erschöpft sein, mutmaßen Mark F. Cancian und Chris H. Park. Die gute Nachricht daran sehen die beiden Analysten des Thinktanks Center for Strategic and International Studies (CSIS) darin, „dass ein stetiger Strom amerikanischer Ausrüstung aus zuvor angekündigten Zusagen – wenn Trump dies zulässt – weiterhin in die Ukraine fließen wird“, wie sie schreiben. Weiteres Material lieferten die Europäer, die im Wort stünden mit rund 40 Milliarden Dollar an Militärhilfe, die noch nicht ausgezahlt worden sei. Dies werde Zeit für eine Verhandlungslösung gewinnen, äußern die Analysten.
„Positiv ist, dass die USA im Jahr 2025 voraussichtlich wesentlich mehr Ausrüstung liefern werden als im Jahr 2024, sofern die Trump-Regierung sie nicht unterbricht. Die monatlichen Lieferungen werden von 500 Millionen auf 920 Millionen Dollar steigen“
Allerdings: „Dies mag zwar ausreichen, um die Stellung zu halten, aber es reicht nicht aus, um Russland zurückzuschlagen und den Sieg zu erringen, den die Ukraine sich wünscht“, so Cancian und Park. Ihnen zufolge seien weniger die Systeme wichtig als die Masse. Darüberhinaus bestünde noch kein Grund zur Besorgnis, weil zwischen der Zusage aus den USA und der Lieferung in die Ukraine Jahre vergehen würde. Allerdings könnte Präsident Donald Trump der Ukraine noch in die Parade fahren.
Die Trump-Regierung könnte anordnen, dass die Lieferungen trotz der Ankündigungen der vorherigen Regierung eingestellt werden, sagt Cancian. Schwierigkeiten sieht er darin, die Lieferungen zu stoppen von neu produzierten Waffen aufgrund von Verträgen zwischen der Ukraine und Herstellern, wenn die USA lediglich Geldgeber seien. Rechtlich gehörten diese Waffen der Ukraine, sagt er. „Die Trump-Regierung könnte jedoch unter Berufung auf nationale Anforderungen Lieferungen an die US-Streitkräfte umleiten, indem sie sich auf Titel des Defense Production Act oder andere Notfallvollmachten beruft. Obwohl diese Behauptung weit hergeholt wäre, hat die Trump-Regierung nicht gezögert, Notfallvollmachten für ihre politischen Ziele zu nutzen.“
Überraschung: Europäer finanziell ähnlich stark im Ukraine-Krieg engagiert wie die USA
Cancian stellt klar, dass die Europäer finanziell ähnlich stark im Ukraine-Krieg engagiert seien wie die USA; auch als der Kongress über die Mittel stritt, hätten sich die Europäer als verlässlicher Partner bewiesen. Allerdings räumt er ein, dass die einzelnen Länder aufgrund ihrer zurückgefahrenen Rüstungsindustrie ihre Möglichkeiten möglicherweise bereits ausgereizt hätten. Und obwohl die Ukraine bereits teilautonom klassische Rüstungsgüter wie die Bohdana-Haubitze oder Artilleriemunition produziere, sei das ein Tropfen auf den heißen Stein; selbst die autonome Produktion von Drohnen sei allein kaum kriegsentscheidend.
Für dieses Jahr sehen die Analysten einen Silberstreif am Horizont – eben aufgrund dem Zeitverzug zwischen Zusage der Finanzierung, der Produktion und der Lieferung. Cancian: „Positiv ist, dass die USA im Jahr 2025 voraussichtlich wesentlich mehr Ausrüstung liefern werden als im Jahr 2024, sofern die Trump-Regierung sie nicht unterbricht. Die monatlichen Lieferungen werden von 500 Millionen auf 920 Millionen Dollar steigen“, sagt er. Diese Lieferungen würden zusammen mit der gleichen Entwicklung der europäischen Länder sowie der gesteigerten Produktion im Inland zu einer Vervielfachung der ukrainischen Feuerkraft führen.
Gleichermaßen unerschütterlich optimistisch hatte bereits im vergangenen November Michael Bohnert geklungen, als er im britischen Telegraph kommentierte, die Europäer hätten ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten noch lange nicht ausgereizt: Ihm zufolge würde ein halbes Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) des jeweiligen europäischen Landes ausreichen, um den jährlichen Munitionsbedarf der Ukraine zu decken – mit dem Ergebnis, dass das aktuelle Patt beider Kriegsparteien fortgesetzt würde. Mindestens das Doppelte wäre nötig, „um die militärische Wiederherstellung des ukrainischen Territoriums zu unterstützen“, wie er schreibt. Also um den Krieg so lange zu verlängern, bis die Ukraine vielleicht doch gewonnen hätte.
Eklat macht klar: Möglicherweise scheitert eine Unterstützung der Ukraine an nationalen Befindlichkeiten
Der Maschinenbau-Ingenieur und Autor des US-Thinktanks RAND Bohnert hat für die US Navy, die US Air Force sowie für verschiedene Verteidigungsministerien Lebenszyklus-Studien erstellt sowie Kriegsspiele begleitet. Bohnert hadert weiter mit der Unterdeckung der Ukraine an Raketenartillerie. Unter den europäischen Kurzstreckenraketen für Luftabwehrsysteme sieht Bohnert die französisch-italienische SAMP/T (Surface-to-Air Missile Platform/Terrain) vorn. Die übrigen Europäer würden eher die deutsche IRIS-T SLM (Infra Red Imaging System Tail Surface Launched Medium Range) entwickeln. Damit soll auch der europäische Raketenabwehr-Schirm ESSI (European Sky Shield Initiative) bestückt werden.
Möglicherweise scheitert eine schlagkräftige Unterstützung der Ukraine allein an nationalen Befindlichkeiten. Was der Ukraine allerdings die Zukunft verdüstert, ist die Tatsache, dass die Europäer in der Vergangenheit eher Rüstung gekauft haben, als ihren Bedarf mit eigenen Entwicklungen zu decken – mit Ausnahme lediglich der Schweden, die im Zuge ihrer Neutralität einen hohen Grad an Autonomie an Rüstungsgütern erreicht haben.
Wie der Reservistenverband der Bundeswehr Ende 2023 in seinem Magazin berichtet hat, seien die USA und Südkorea die beiden großen Waffenlieferant Europas von außerhalb des Kontinents. Wegen seines latenten Konflikts mit Nordkorea habe sich der Staat in Nordost-Asien auch nach dem Kalten Krieg eine verteidigungsindustrielle Basis erhalten – insbesondere für schweres Gerät, wie das Magazin schreibt. Eine Chance, die Europa vielleicht für sich hätte sehen können. Polen hat sich statt mit europäischen Panzern und Haubitzen mit südkoreanischen K2-Panzern und K9-Panzerhaubitzen nachgerüstet.
Nato ist abhängig: Inwieweit Trump als Handelspartner zur Verfügung steht, bleibt abzuwarten
Der Anteil der EU-Produzenten an der europäischen Rüstung seit Kriegsbeginn liege bei überschaubaren 22 Prozent, schreibt das Magazin mit Rückgriff auf eine Studie des französischen Thinktanks Institut de Relations Internationales et Strategiques in Paris (IRIS). Die Studie datiert auf das Jahr 2023, in dem lediglich in Ansätzen absehbar war, dass sich die USA künftig auf sich selbst konzentrieren würden. Laut dem Reservistenverbands-Autor Björn Müller würde die Studie davon ausgehen, dass neben Deutschland auch weitere europäische Länder von der Stange kaufen würden anstatt sich auf eigene Ingenieure und eigene Technik zu verlassen.
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Inwieweit Donald Trump als Handelspartner zur Verfügung stehen werde, bleibt ebenfalls abzuwarten. Michael Bohnert sieht darin eine Herkulesaufgabe – seine Analysten hätten ergeben, dass die Kosten, Wladimir Putin in der Ukraine zu stoppen, jedes europäische Partnerland ein Prozent ihres BIP an Ausrüstungslieferungen und Finanzinvestitionen kosten werden. Das sei eben der Preis dafür, dass Europa seit dem Ende des Kalten Krieges einen Großteil seiner Sicherheits- und Industriebasis an die USA abgetreten habe, wie er schreibt. Jetzt sei Europa in der Verantwortung sich zu entscheiden.