Trump: Ukraine erhält wohl Tomahawk-Raketen für Gegenoffensive
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Der nächste „Gamechanger“ oder wieder heiße Luft? Die Ukraine soll jetzt Tomahawk-Raketen bekommen, um Wladimir Putin zum Frieden zu zwingen.
Kiew – „Der größte Vorteil des Tomahawk gegenüber allen Waffen, die den ukrainischen Streitkräften derzeit zur Verfügung stehen, ist seine große Reichweite“, schreibt Illia Kabachynskyi. Gegen Wladimir Putins aggressiven Expansionsdrang werden die Verteidiger im Ukraine-Krieg jetzt wohl doch mit weit reichenden Waffen ausgestattet. Nach Angaben von Reuters prüften die Vereinigten Staaten die Anfrage der Ukraine nach Tomahawk-Langstreckenraketen; „für ihre Bemühungen, die russischen Invasoren zurückzudrängen“, sagte Vizepräsident JD Vance laut der Nachrichtenagentur. Offenbar ist der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit seinen lang anhaltenden Bitten zu US-Präsident Donald Trump durchgedrungen. Russland reagiert aufgeschreckt.
Erfolgreich: Der Lenkwaffenzerstörer USS Porter feuerte eine Tomahawk Land Attack Missile (TLAM) in Richtung Irak ab, um die Operation Iraqi Freedom zu unterstützen; jetzt greift der tief fliegende Marschflugkörper möglicherweise auch in den Ukraine-Krieg ein, weil US-Präsident Donald Trump den russischen Präsidenten zu Verhandlungen motivieren will (Archivfoto).
Tomahawks sind lediglich ein möglicher Raketentyp für das Abschuss-System Typhon. Das Waffensystem wird auch als „Strategic Mid-range Fires System“ (SMRF) bezeichnet – mindestens 2.000 bis 2.500 Kilometer soll die Waffe tragen, jedenfalls die Tomahawk-Raketen, beziehungsweise genauer: Tomahawk-Marschflugkörper. Die werden permanent angetrieben und fliegen knapp über dem Boden auf ihr Ziel zu; der alternativ zu verschießenden SM-6-Rakete wird eine Entfernung bis zu 500 Kilometer zugeschrieben; anders als eine Tomahawk zündet sie einmalig und fliegt dann in einer Kurve vom Boden aus wieder auf die Erdoberfläche zu. Beide Waffenarten kann die Typhon abfeuern.
Putin ein Blender? „Offenbar gelang es Selenskyj und den Europäern, Trump davon zu überzeugen“
Sowohl der Republikaner Donald Trump als auch sein Amtsvorgänger Joe Biden von den Demokraten hatten Waffen für Langstreckenschläge auf Russland abgelehnt, beziehungsweise die Nutzung von gelieferten Waffen höherer Reichweite unter Vorbehalt gestellt. Frieden in der Ukraine war eines der wichtigsten außenpolitischen Wahlkampfversprechen, mit dem Donald Trump um seine zweite Amtszeit gerungen hatte. Während der Verhandlungen wechselte der US-Präsident seine Sympathien munter durch, derzeit steht Wladimir Putin auf Trumps Abschussliste. Im März hatte Trump schon gedroht, dass er Putins Hartleibigkeit gegenüber der Ukraine mit Zöllen bestrafen oder Sanktionen gegen seine Geschäfte mit Öl anstrengen wolle.
„Aus militärischer Sicht müsste man massive Angriffe mit unterschiedlichen Waffensystemen kurz hintereinander ausführen. Dies würde zur notwendigen Übersättigung der russischen Abwehrmaßnahmen führen. Dazu benötigte es viele und hochwertige Wirkmittel. Wenn diese nicht verfügbar sind, müssten sie geliefert werden.“
Moritz Gathmann erinnert daran, dass Donald Trump inzwischen auch realisiert haben könnte, dass das mit viel Tamtam inszenierte Gipfeltreffen in Alaska nur heiße Luft produziert hat. „Was Putin Trump offenbar weismachen wollte: Früher oder später werde die russische Armee diese Gebiete ohnehin erobern, da könne die Ukraine sie für einen sofortigen Frieden doch gleich preisgeben.
Doch dem ist nicht so. Und offenbar gelang es Selenskyj und den Europäern, Trump davon zu überzeugen, schreibt der Journalist aktuell für den deutschen Thinktank „Friedrich-Ebert-Stiftung“. Nach den Drohnen-Attacken auf NATO-Länder an der östlichen Peripherie der Verteidigungsallianz hatten die USA auch wieder demonstrativ den engen Schulterschluss zu ihren europäischen Alliierten kundgetan.
Die Nato wächst und kämpft: Alle Mitgliedstaaten und Einsätze des Bündnisses
„Wenn es mit Russland nicht gelingt, eine Einigung über die Beendigung des Blutvergießens in der Ukraine zu erzielen, und falls ich glaube, dass es Russlands Schuld war – was nicht sein muss –, aber falls ich glaube, dass es Russlands Schuld war, werde ich Sekundärzölle auf Öl erheben, auf alles Öl, das aus Russland kommt“, sagte Trump in einem Telefonat mit NBC News, wie der Sender im März berichtete. Jetzt also überlegt Donald Trump, zu einem größeren Kaliber zu greifen. Auch der britische Independent vermutet, dass die angekündigte Abkehr von der eingefahrenen Strategie aus Trumps Frust geboren zu sein scheint. Jetzt sollen Tomahawks Putins Motivation zu einem Friedensabkommen fördern.
Hoffnung der Ukraine: Tomahawks als Träger für „kombinierte Angriffe tief in russisches Gebiet“
Allerdings scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Russland droht mit Eskalation des Konflikts in Richtung der NATO – wenn auch bisher indirekt. Laut der Nachrichtenagentur Reuters habe Russland erklärt, wichtig sei, ob die USA auch die Zieldaten für den Abschuss der Tomahawks zur Verfügung stellen wollten. „Die Frage ist nach wie vor: Wer kann diese Raketen abfeuern? Können nur die Ukrainer sie abfeuern oder müssen das amerikanische Soldaten tun?“, habe Kremlsprecher Dmitri Peskow gefragt. „Wer bestimmt die Zielrichtung dieser Raketen? Die amerikanische Seite oder die Ukrainer selbst?“ Laut der Nachrichtenagentur wolle Russland das genau prüfen; Peskow habe aber klargemacht, dass nach russischer Ansicht auch diese Waffe außerstande sei, eine Wende zu bringen.
Was die Ukraine anders sieht. Zwischenzeitlich hatte sie Hoffnung geschöpft aus der fortgeschrittenen Entwicklung ihrer eigenen Langstreckenwaffen; beispielsweise des Marschflugkörpers Flamingo. Allerdings fehlen belegbare Beweise für durchschlagende Erfolge, weshalb die ukrainische Medienplattform United24 die Tomahawks als Silberstreif am Horizont sieht – was übrigens die F-16-Kampfjets auch schon sein sollten – und bis heute nicht geworden sind. United24-Autor Illia Kabachynskyi betont den deutlichen Reichweiten-Vorteil der US-Waffe gegenüber den ukrainischen Entwicklungen. Die Differenz beträgt mindestens mehrere hundert Kilometer. Daneben führt Kabachynskyi die höhere Geschwindigkeit von fast 900 Kilometern pro Stunde auf und den Tomahawk-Sprengkopf von rund einer halben Tonne. Kabachynskyi hofft, dass die US-Waffe das Arsenal der ukrainischen Marschflugkörper ergänzen und „kombinierte Angriffe tief in russisches Gebiet“ ermöglichen könne.
Lösung des Ukraine-Krieges: „Massive Angriffe mit unterschiedlichen Waffensystemen kurz hintereinander“
„Die Ukraine hat mehrere vorrangige Angriffsziele“, schreibt der Autor und zielt ab auf Militärflughäfen, Waffenlager, militärische Einrichtungen und Infrastruktur, Radargeräte, Luftabwehrsysteme oder Abschussrampen – genauso größere wie kleinere Ziele von taktischem oder strategischem Wert. Gemessen an einem Radius von bis zu 2.500 Kilometern rücken viele Ziele in den Fokus ukrainischer Rachegelüste – und sie zwingen die russische militärische Führung dazu, ihre Taktik zu ändern. Bisher konnten sie die Reichweitenvorteile ihrer Waffen dazu nutzen, ihre Depots außerhalb der Reichweite ihres Gegners zu platzieren. Das wird jetzt schwerer werden. Grundsätzlich gilt die Waffe als sehr präzise; 1983 war sie in Dienst gestellt worden und habe ihre Startschwierigkeiten gehabt, urteilt der US-Thinktank „Center for Strategic & International Studies“ (CSIS).
Allerdings habe sie maßgeblich zu den Erfolgen der USA in den Kriegen am Golf beigetragen, so die CSIS-Analysten. „So wurden beispielsweise bei der Invasion des Irak im Jahr 2003 über 800 Tomahawk-Raketen abgefeuert, und auch in Afghanistan, Somalia, Libyen und Syrien wurden damit Kampferfolge erzielt.“ Diese Einsätze hätten auch dazu geführt, die Waffe zu optimieren, weil die Genauigkeit anfangs die Achillesferse der von verschiedenen Plattformen aus abzufeuernden Waffe dargestellt habe: „Trotz dieser anfänglichen Mängel wurden spätere Varianten der Rakete mit TERCOM (Terrain Contour Matching), GPS (Global Positioning System), und DMAC (Direct Memory Access Controller) ausgestattet, um die Genauigkeit der Rakete zu verbessern und das Risiko von Abstürzen zu verringern.“
Demzufolge wurde die Rakete darauf ausgerichtet, präziser ihren Kurs zu bestimmen und die gesammelten Daten schneller zu verarbeiten. Für Russland stellt sie insofern einen ernst zu nehmenden Gegner dar, wo die Invasionsarmee doch bisher gewohnt war, relativ ungestört weit hinter der Front operieren zu können. Allerdings besteht die Frage nach der Menge der möglicherweise zu liefernden Geschosse. Wie im Laufe des Krieges immer wieder betont wurde, müsse die Ukraine so massiert wie möglich angreifen können. Beispielsweise hatte der österreichische Oberst Markus Reisner in verschiedenen Medien wiederholt dafür geworben, dass nur ein „ATACMS-Effekt“ der Ukraine zum Umschwung des Krieges verhelfen könne – in Anspielung an die Diskussion um das vormals gelieferte „Army Tactical Missile System“ und die Diskussionen um dessen Einsatz.
Reisner äußerte sich beispielsweise auf der Website des Österreichischen Bundesheeres dezidiert, was von den westlichen Partnern von den Praktikern an der Front zu verlangen sei: „Aus militärischer Sicht müsste man massive Angriffe mit unterschiedlichen Waffensystemen kurz hintereinander ausführen. Dies würde zur notwendigen Übersättigung der russischen Abwehrmaßnahmen führen. Dazu benötigte es viele und hochwertige Wirkmittel. Wenn diese nicht verfügbar sind, müssten sie geliefert werden.“ (Quellen: Friedrich-Ebert-Stiftung, Center for Strategic & International Studies, Reuters, NBC, United24, Independent, Website des Österreichischen Bundesheeres) (hz)