Leitartikel

Die „Wahre-Preis-Aktion“ von Penny ändert erstmal gar nichts

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Es muss sich bei Lebensmitteln mehr ändern, als die Wahre-Preis-Aktion vermuten lässt. Es müssen sich aber auch nicht alle gleich vegan ernähren - wie es eine Peta-Aktivistin in Nürnberg fordert.
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Der Wert der Wahre-Preis-Aktion liegt in der praxisnahen Aufklärung. Doch das reicht nicht. Die Rahmenbedingungen müssen geändert werden.

Frankfurt – Der Discounter Penny langt richtig zu: Die Packung Wiener Würstchen kostet plötzlich 6,01 statt 3,19 Euro, der Maasdamer Käse 4,84 statt vorher 2,49 Euro und der Fruchtjoghurt 1,56 statt 1,19 Euro. Und die Tochter des Rewe-Konzerns macht auch noch Werbung damit. Eine Woche „wahre Preise“, kündigt sie auf der Homepage an und erklärt auch, warum sie das tut: In den Preis fließt nun ein, was der Kunde bei Berücksichtigung der in der Produktion verursachten Umweltschäden eigentlich zahlen müsste.

Vielen dürfte es wie Schuppen von den Augen fallen. Natürlich wissen alle, dass die Preise heute nicht die „ökologische Wahrheit“ sagen. Aber wenn man konkret vorgerechnet bekommt, dass ein Würstchen oder ein Stück Käse tatsächlich fast doppelt so teuer sein müsste, um mit dem Geld die Klima-, Wasser-, Boden- und Gesundheitsschäden wieder beheben zu können, die zwischen Acker und Kühltheke entstehen, ist es etwas anders.

Penny-Preise fürs Klima – ungedeckte Kosten werden von Steuerzahlern übernommen

Heute werden die ungedeckten Kosten entweder von den Steuerzahlerinnen und -zahlern übernommen oder in die Zukunft verschoben, zulasten künftiger Generationen. Am deutlichsten ist das beim Klimaproblem, an dem Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie neben Kraftwerken, Industrie und Gebäudesektor einen nicht unerheblichen Anteil haben.

In der praxisnahen Aufklärung liegt der Wert der Penny-Aktion. Zu Recht erfährt sie daher viel Aufmerksamkeit. Zudem ist sie mutig - gerade in Zeiten, in denen die allgemeine Inflation die Käuferinnen und Käufer an der Kasse ohnehin schockiert und weitere Aufschläge gerade von der Kundschaft eines Discounters kaum toleriert werden dürften, so gut sie auch begründet sein mögen.

Landwirtschaft unter enormen Kostendruck

Trotzdem hat die Sache einen gewaltigen Haken. Den „wahren“ Preis hat Penny nur für neun seiner 3.000 Produkte im Sortiment kalkuliert. Die von 2.991 sind weiter falsch - und bald wieder alle. Kritikerinnen und Kritiker der Aktion nennen das Greenwashing. Das ist zwar unfair gegenüber einem Anbieter, der das Problem der ungedeckten Umweltkosten der eigenen Produkte wenigstens einmal mit viel öffentlichem Hallo benennt, während die anderen das lieber nicht so genau darstellen.

Doch es trifft einen wunden Punkt: Tatsächlich sind die großen Lebensmittel-Ketten hierzulande zu einem großen Teil mit dafür verantwortlich, dass die Landwirtschaft unter einem enormen Kostendruck steht. Der Zwang, möglichst billig zu produzieren, hat nicht nur dazu geführt, dass in den letzten Jahrzehnten immer mehr Landwirte aufgeben mussten und die restlichen Betriebe eine immer industrieähnlichere Landwirtschaft betreiben. Auch mehr Rücksicht auf die Umwelt ist unter diesen Bedingungen nur schwer zu erreichen, zumal die EU-Landwirtschaftspolitik trotz mehrerer Ansätze für ein „Greening“ der Agrarsubventionen das „Wachse oder Weiche“ weiter fördert.

Politik muss für ökologisch angemessene Preise sorgen

Es ist der Job der Politik, für einen naturverträglichen Lebensmittelsektor unter anderem durch ökologisch angemessene Preise zu sorgen - und zwar auf allen Ebenen von der EU über den Bund bis zu den Bundesländern. Abgaben zum Beispiel auf Stickstoff und Pestizide, gegen die die Bauernlobby kämpft, dürfen da kein Tabu mehr sein.

Praktisch alle Lebensmittel-Ketten geben sich ein grünes Image, weil viele Kundinnen und Kunden für die Umwelt- und Klimathematik sensibilisiert sind. Sie arbeiten unter anderen mit Umweltverbänden wie dem WWF oder dem Nabu zusammen oder wie bei der „Wahre Preise“-Aktion mit Umweltforscher:innen. Viele Projekte sind dabei durchaus sinnvoll. Doch gerade die aktuelle Penny-Kampagne macht doch deutlich, wie begrenzt sie wirken. Das zeigt: Die Rahmenbedingungen müssen geändert werden, sonst ändert sich nichts.

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