„Putin hat einen vollen Arbeitsplan“

Held oder Verräter Russlands? Der Kampf um Prigoschins „Vermächtnis“ hat begonnen

  • schließen

Der Kreml will mit dem Tod des russischen Wagner-Bosses nichts zu tun haben – seine Leiche muss aber beerdigt werden. Die Frage ist, mit welcher Symbolik.

Moskau – Wie wird Russland mit dem Tod von Jewgeni Prigoschin umgehen? In Russland macht man sich bereits Gedanken über die Beerdigung des Wagner-Bosses, berichtet der britische Guardian. Nach dessen Informationen soll sie wohl „in den kommenden Wochen“ in St. Petersburg stattfinden. Wer werden die Gäste auf der Trauerfeier sein? Vielleicht nicht Kremlchef Wladimir Putin.

Auf die Frage, ob Putin an Prigoschins Beerdigung teilnehmen „könne“, antwortete Kremlchef Dmitri Peskow laut der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Nowosti, man wisse ersten nicht, wann die Leiche identifiziert sei, und zweitens habe der russische Präsident aktuell einen „vollen Arbeitsplan“. Inzwischen ist Prigoschins Tod mithilfe von DNA-Tests bestätigt worden.

Hat Putin es nicht geschafft, Prigoschin zu „brandmarken“?

Abgesehen davon stellt sich aber die Frage, ob Prigoschin von Putins Zirkel als Held oder Verräter behandelt werden wird. Auf der einen Seite stehen seine „Verdienste“ auf russischer Seite im Ukraine-Krieg. Auf der anderen Seite seine teils derbe Kritik an der russischen Militärführung. Alexander Baunov, Senior Fellow am Carnegie Russia Eurasia Center, schätzte es im Wall Street Journal  so ein: Prigoschin sei wegen des Vorwurfs des „Verrats“ in Russland nun ein „gezeichneter Mann“.

Demgegenüber steht die Berichterstattung in den russischen Medien. Die sei aktuell eher wohlwollend, meinte Masha Borzunova. „Dass Prigoschin nach dem Aufstand als ‚Verräter‘ bezeichnet wurde und Putin ihm eine unvermeidliche Strafe versprach, wird kaum diskutiert“, sagte sie laut dem Guardian. „Hauptsächlich diskutieren sie über seine Erfolge während des Krieges. Und dass sein Tod für die russische Regierung nicht günstig ist.“ Borzunova ist eine auf Staatspropaganda spezialisierte russische Journalistin.

Eine informelle Prigoschin-Gedenkstelle in der Nähe des Kremls in Moskau.

Wird Wagner-Boss Prigoschin nun „Volksheld“ in Russland?

Jahrelang erledigte Prigoschin die Drecksarbeit des Kremls und versuchte, den russischen Einfluss zu verbreiten und Zwietracht unter seinen Feinden auf der ganzen Welt zu säen. Putin lobte Prigoschin nach seinem Tod als „talentierten Geschäftsmann“, der einen „bedeutenden Beitrag“ in der Ukraine geleistet habe. Das Kriegsgeschehen in der Ukraine ist für Russland weiterhin verlustreich.

Prigoschin und seine Wagner-Truppe hatten zwar wegen ihrer verdeckten Auslandseinsätze und wegen ihrer Brutalität auch im Inland keinen guten Ruf. Doch seine Kritik an Fehlern der russischen Militärführung machte ihn für viele Russen auch zu einem Helden. Prigoschin bleibt besonders bei einer kleinen Gruppe von russischen Nationalisten und Kriegsbefürwortern beliebt. Sein „charismatischer Einsatz“ sozialer Medien machte ihn zu einer Art Volkshelden, der auf eine „groteske Art“ ähnlich wie Donald Trump „fesselte“, urteilte der Guardian.

Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland

Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern.
Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern. © IMAGO/Erik Romanenko
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen.
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen. © Sergey Pivovarov/IMAGO
Nahaufnahme der Ausrüstung. Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet.
Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet und schwer bewaffnet. © Erik Romanenko/IMAGO
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator)
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator) © Erik Romanenko/IMAGO
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt.
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt. © Erik Romanenko/IMAGO
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen.
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen. © IMAGO/Erik Romanenko
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen.
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen. © IMAGO/Erik Romanenko
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht.
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht. © Kirill Zykov/IMAGO
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls. Zusätzlich zu den üblichen Wachen in prunkvoller Uniform sind hier Polizisten postiert.
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls wird zusätzlich zu den üblichen Wachen von der Polizei bewacht. © Ilya Pitalev/IMAGO
Eine Polizistin in Moskau steht hinter der Absperrung des Roten Platzes neben einem Einsatzwagen. Im Hintergrund sind die farbigen Kuppeln der Basilius Kathedrale zu sehen.
Der Rote Platz in Moskau ist weiträumig abgesperrt und wird von der Polizei bewacht. © IMAGO/Ilya Pitalev
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht.
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht. © IMAGO/Alexander Galperin
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten.
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten. © IMAGO/Kirill Kallinikov
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert.
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert. © IMAGO/Vitaliy Belousov
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt.
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt. © IMAGO
In der russischen Stadt Rostow am Don stehen Soldaten in den Straßen Wache und beobachten die Lage.
Die Soldaten stehen in den Straßen Wache und beobachten die Lage. © IMAGO/Erik Romanenko

Russlands Medien sehen Symbolik in Prigoschin Tod

An Prigoschins Firmensitz in St. Petersburg und in anderen russischen Städten legten Trauernde nach seinem Tod Blumen nieder.  In sozialen Medien wurde der Vorwurf erhoben, das vermeintliche Flugzeugunglück sei in Wahrheit ein Attentat auf Prigoschin gewesen – eine Einschätzung, die auch viele westliche Politiker und Militärexperten vertreten.

Die staatlichen russischen Medien sahen teils eine gewisse Symbolik darin, dass das Flugzeug, in dem sich der Chef der Wagner-Gruppe befand, gut zwei Monate nach dem Wagner-Aufstand in Russland abstürzte. Das berichtete die Ukrainska Pravda. Während der Meuterei hatte Putin seinem langjährigen militärischen Handlanger Prigoschin (Spitzname: „Putins Koch“) Verrat vorgeworfen – ihm und seinen Gefolgsleuten dann aber die Ausreise nach Belarus ermöglicht. Berichten zufolge streben Wagner-Söldner nach Prigoschins Tod nun nach Vergeltung. Sie sollen sich in Konvois formieren und in Richtung der russischen Grenze aufbrechen. Auch der ukrainische Freiheitskämpfer „Caesar“ warnte die russische Elite.

Bei dem Flugzeugabsturz kamen zehn Menschen ums Leben. Auch US-Präsident Joe Biden machte Andeutungen. Auf die Frage von Reportern, ob seiner Ansicht nach Putin dahinterstecke, sagte Biden: „Es gibt nicht viel, was in Russland passiert, hinter dem Putin nicht steckt.“ Er wisse aber nicht genug, um dies beantworten zu können. Der Putin-Verbündete und belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko winkte ab, denn der Flugzeugabsturz sei eine „zu grobe und unprofessionelle Arbeit“ für Putin. Auch Kremlsprecher Peskow bestritt jegliche Verwicklung als „eine absolute Lüge“. (frs)

Rubriklistenbild: © Alexander Zemlianichenko/dpa

Kommentare