„Hör zu, du Schwachkopf“ – Putin-Propagandist verliert die Fassung und beschimpft das Publikum
VonLukas Rogalla
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Russlands bekanntester Propagandist legt sich mit seinem Publikum an: Wer der Kreml-Linie widerspricht, wird von Wladimir Solowjow wüst beschimpft.
Moskau – Wladimir Solowjow ist für seine Provokationen gegenüber dem Westen bekannt. Mehrere Male hatte die in Russland berühmte Persönlichkeit aus TV und Radio beispielsweise zum Atomkrieg aufgerufen. Vergangene Woche zog Solowjow, der als treuer Anhänger von Präsident Wladimir Putin mehrere Propaganda-Sendungen moderiert, über Nato-Chef Jens Stoltenberg her und bezeichnete diesen als „hysterischen Hering“.
Zuletzt legte er sich allerdings häufiger mit seinem eigenen Publikum an – so auch am Donnerstag in seiner Radiosendung „Voller Kontakt“. Wer Solowjow und damit der russischen Militärführung widersprach, wurde wüst beschimpft.
Solowjow spricht über entlassenen russischen General
In seiner live im Internet übertragenen Sendung sprach Solowjow die Entlassung des Befehlshabers der 58. Armee, Iwan Popow, an. Popow soll auf Missstände an der Front hingewiesen und anschließend die Militärführung um Verteidigungsminister Sergei Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow öffentlich kritisiert haben. Das zeigte eine Audiobotschaft, die der Duma-Abgeordnete Andrej Guruljow veröffentlichte. Demnach beklagte Popow hohe Verluste, fehlende Artillerie und militärische Aufklärung.
Die Missstände in der Armee öffentlich anzusprechen, ist für Solowjow offenbar ein Skandal. Er kritisierte Guruljow, der häufig in seinen Sendungen zu Gast ist, die Botschaft veröffentlicht zu haben. „Ich denke, dass es ein mutiger und phänomenal falscher Schritt ist, dieses Statement zu veröffentlichen“, sagte Solowjow. „Popow ist ein angesehener General, der jede Möglichkeit hatte, seinen Standpunkt zu vertreten, weil er viele Leute in der Präsidialverwaltung sehr gut kennt. Er hätte das Telefon in die Hand nehmen und seine Botschaft an den Oberbefehlshaber, den er sehr gut kennt, weitergeben können, so wie ich es verstehe.“
Für einen General habe Popow zu emotional und nicht im russischen Interesse gehandelt. Weil er an die Öffentlichkeit ging, könnten ukrainische Medien die Geschichte ausschlachten, sagte Solowjow. Laut russischen Militärbloggern soll Popow seine Kritik an der Militärführung erst nach seiner Entlassung öffentlich gemacht haben, und zwar durch Andrej Guruljow.
Putin-Propagandist verteidigt Entlassung von General Iwan Popow
Die Reaktionen auf seine Ausführungen hatte sich Solowjow jedoch anders vorgestellt. Sofort sollen sich viele Zuschauerinnen und Zuschauer in der Live-Kommentarspalte geäußert und auf die Seite des Generals gestellt haben. Solowjow zitiert aus einigen Kommentaren: „Vielleicht hätte es die Führung niemals so weit kommen lassen dürfen, um ihn dann zu entlassen“, schrieb einer.
Solowjow antwortete gereizt: „Nach so etwas kann man es nicht vermeiden, ihn zu entlassen“, sagte er. Wer sofort ein Ultimatum stelle, begehe einen „kolossalen Fehler“. Es gehe nicht darum, ob der General oder die Militärführung recht habe. In Kriegszeiten sei es inakzeptabel, diese Missstände an die breite Öffentlichkeit zu bringen – „sonst ist ein Vergleich mit Prigoschin unvermeidbar“, fügte er hinzu. Söldner-Chef Jewgeni Prigoschin hatte im Juni einen Aufstand gegen die militärische Führung Russlands gestartet und mit seinen Truppen eine Militärzentrale in Russland besetzt.
Solowjow deutete ein hartes Vorgehen gegen diejenigen an, die sich weigern, Probleme zu beschönigen: „Wollen Sie 1937, das vor 1945 kam? Ist das die Richtung, in die alles geht?“ Damit bezog er sich wohl auf die als „Große Säuberung“ bekannte Verfolgungskampagne Josef Stalins in der Sowjetunion, der Hunderttausende zum Opfer fielen. „Dieses Land ist im Krieg. Man muss seine Emotionen im Griff behalten können“, sagte Solowjow.
Ein anderer Zuschauer reagierte auf Solowjows Monolog, ebenfalls auf der Seite Popows. Solowjow, der nicht auf seinen eigenen Ratschlag hörte, explodierte förmlich: „Irgendein Schwachkopf sagt, wir hätten niemals den Krieg erklärt. So ein Schwachkopf versucht mich zu belehren. Hör zu, du Schwachkopf. Verschwinde. Ich antworte einem Idioten namens Andrej. Es ist mir völlig egal, ob wir offiziell den Krieg erklärt haben“, sagte er.
Solowjow gegen sein eigenes Publikum: „Ukrainisches Schwein“
Eine Zuschauerin, die sich als Julia vorstellte, beklagte, dass Kommandeure im Militär nicht mehr die Wahrheit sagen dürften. „Wer darf das nicht tun?“, entgegnete Solowjow. „Wie kann man einem Kampfgeneral nicht erlauben, die Wahrheit zu sagen? Warum schütten Sie diesen Unsinn aus? Man muss die Leute an der Front erschießen, wenn sie lügen! Das ist doch klar!“ Er beschwerte sich über die Berichterstattung der Medien zum Fall Popow. „Jetzt ist es überall. In den feindlichen Medien und überall sonst, jeder schreibt darüber!“
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten
Eine Hörerin namens Irina schrieb, dass Popow keine Regeln verbrochen hätte, als er die Audiobotschaft aufnahm. „Doch, das hat er“, antwortete Solowjow gereizt. „Wenn Sie nicht verstehen, wovon Sie reden, ist das Ihr Problem!“ Dann schrie er einen anderen Kommentator an, ohne zu erwähnen, was dieser gesagt oder gefragt hatte: „Andrej, du bist ein erbärmlicher Niemand, ein Schwachkopf! Verschwinde von hier, ukrainisches Schwein! Du bist ein wertloses Stück Scheiße!“ Wenig später sagte er: „Ich rufe alle auf, innezuhalten und nachzudenken, bevor sie emotionale Aussagen machen. Alles andere führt zu Anarchie und Tod.“
Solowjow hat Emotionen nicht im Griff
Solowjow las eine weitere Nachricht vor. Ein Nutzer namens „Stalin“ schrieb demnach, dass Verteidigungsminister Sergei Schoigu für die Bedingungen an der Front verantwortlich sei. Der Moderator nahm den Minister sofort in Schutz: „Schoigu ist nicht dafür verantwortlich. Das ist eine Sache des Generalstabs. Du solltest kein Pseudonym nutzen, das in keinster Weise mit dir zu tun hat. Du bist kein Stalin. Du bist ein Stück Scheiße. Stalin würde nicht solchen Müll schreiben. Verunreinige nicht Stalins Namen. Du bist ein erbärmlicher Niemand.“
Solowjow beschwerte sich zudem, dass die Söldner der Wagner-Gruppe momentan nicht neben der russischen Armee in der Ukraine kämpfen. Erst vor wenigen Tagen hatte er noch behauptet, dass Prigoschins Söldnergruppe aus „Putins Soldaten“ bestehe, die seinen Befehlen folgen würden.
Ein weiterer Nutzer fragte, wo sich der ehemalige Befehlshaber der russischen Streitkräfte im Ukraine-Krieg, Sergei Surowikin, aufhalte. Surowikin soll nach Prigoschins Aufstand vom Kreml kaltgestellt worden sein und ist in der Öffentlichkeit nicht mehr zu sehen. „Ich würde auch gerne die Antwort auf diese Frage wissen“, antwortete Solowjow. „Wenn die Zeit reif ist, werden wir es herausfinden“. (lrg)