- VonBettina Rühlschließen
Seit der Umbenennung der Wagner-Truppe in „Afrika Korps“ baut Russland seinen Einfluss beständig aus. Die Strategie von Wladimir Putin fruchtet.
Bangui – Es hat heftig geregnet. Die nicht asphaltierten Straßen in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, sind aufgeweicht und schlammig. Im quirligen Viertel PK 5 geht der Handel trotzdem wie gewohnt weiter.
Am Rand der nun aufgeweichten Straßen verkaufen die Menschen, was man zum Leben braucht, darunter Gemüse, Haushaltswaren und Elektroartikel. In einer ruhigen Seitenstraße lebt Imam Abdoulaye Ouasselegué, ein freundlicher Mann im traditionellen, bodenlangen Gewand.
Russland in Afrika: Wagner-Söldner „haben den Frieden gebracht“
Dass die Menschen in Bangui wieder ohne Lebensgefahr ihren Geschäften nachgehen könnten, hätten sie den russischen Kämpfern der berüchtigten Gruppe Wagner zu verdanken, sagt der Imam: „Sie haben Frieden gebracht.“ Dabei wird in vielen Regionen des bitterarmen, rohstoffreichen Landes weiterhin gekämpft, doch diese Zonen sind von der Hauptstadt weit entfernt.
Noch vor zehn Jahren war das Viertel PK 5 tatsächlich ein Kriegsgebiet, gezeichnet von verbrannten Häusern und Marktständen, verwaisten Straßenzügen sowie von Hass zwischen Christen und Muslimen. Im gesamten Land war es damals kaum besser. Die Regierung kämpfte gegen mehrere Rebellengruppen, die auch gegeneinander Krieg führten.
Imam Ouasselegué erzählt, dass er selbst von muslimischen Rebellen bedroht wurde: „Eines Tages standen Bewaffnete hier in diesem Hof vor meinem Haus“, sagt der Imam mit immer noch spürbarer Erschütterung darüber, dass Mitglieder seiner eigenen Glaubensgemeinschaft in ihm, einem Imam, einen Feind gesehen hatten. Und das nur, weil er sich für ein friedliches Miteinander der Religionen eingesetzt hatte – womit er im Übrigen nicht aufgehört hat.
Russische Söldner foltern in Afrika: „Militärausbilder“ vom Uno-Sicherheitsrat empfohlen
Die damals eingesetzte und bis heute aktive Uno-Friedensmission Minusca bekam die Lage nicht unter Kontrolle. Auf Empfehlung des Uno-Sicherheitsrats schickte Russland deshalb parallel zur Uno-Mission 175 „Militärausbilder“ in die Zentralafrikanische Republik. Nach Einschätzung von Beobachtern handelte es sich dabei um Kämpfer der Gruppe Wagner.
Dass die russischen Paramilitärs gegen Aufständische und des Aufstands Verdächtigte auch Mord und Folter anwenden, ist mittlerweile gut dokumentiert. Imam Ouasselegué kennt diese Vorwürfe, aber er sagt: „Bei uns gibt es eine Redewendung, die lautet: Wenn dein Haus brennt, ist dir die Farbe des Wassers egal, mit dem du das Feuer löschst.“
Inzwischen wird die Zahl russischer Kämpfer in der Zentralafrikanischen Republik auf 1000 bis 1500 geschätzt. Im Gegenzug für ihre Sicherheitsdienste beuten Unternehmen aus dem Firmengeflecht der Gruppe Wagner Gold- und Diamantenminen aus, exportieren Tropenholz, brauen Bier, verkaufen Wodka oder machen Geschäfte mit Zucker. Zumindest öffentlich ist in Bangui keine Kritik daran zu hören, dass die russischen Kämpfer so gute Geschäfte machen.
Ende von Wagner-Gruppe nach Prigoschins Tod: Umbenennung in Afrika Korps
Dabei gibt es die Kampfgruppe Wagner offiziell gar nicht mehr. Nach dem Tod ihres Gründers Jewgeni Prigoschin im Juni 2023 wurde die Söldnergruppe dem russischen Verteidigungsministerium unterstellt und umbenannt in Afrika Korps. Einige führende Wagner-Leute wurden ausgetauscht, neue Einheiten wurden eingeführt. Trotzdem ist in der Zentralafrikanischen Republik weiter von „Wagner“ die Rede.
In den Straßen Banguis tun viele Menschen die Vorwürfe, dass die russischen Kämpfer schwere Menschenrechtsverletzungen verüben, als westliche Lügen ab. Das mag zum Teil an der massiven russischen Propaganda liegen, zum Teil aber auch daran, dass viele Opfer schweigen. Viele meiden das R-Wort und reden, wenn sie nicht ganz ausweichen, nur von „unseren Alliierten“.
Der Menschenrechtsanwalt Bruno Gbiegba kennt solche Situationen nur zu gut. „Die Überlebenden trauen sich nicht, Anklage zu erheben, weil sie Angst vor den Henkern haben, die frei herumlaufen“, bedauert Gbiegba.
Wagner-Söldner in Afrika aktiv: Ex-Mitglieder befehligen Polizei und Streitkräfte
Der Grund dafür ist offensichtlich: Die ehemalige Gruppe Wagner hat die zentralafrikanische Regierung gleichsam durchsetzt. Dmitri Podolski, ein früherer Wagner-Kommandant, ist Sicherheitsberater von Präsident Faustin-Archange Touadéra. Mitglieder der ehemaligen Gruppe Wagner befehligen die zentralafrikanische Polizei und die Streitkräfte. Nach all den Jahren, in denen die Russen die Regierung in Bangui beraten, „gibt es keine Möglichkeit mehr, die Machthaber zu kritisieren“, bedauert der Menschenrechtsanwalt Gbiegba.
Das amerikanische Rechercheprojekt Sentry wird in seinem jüngsten Bericht noch deutlicher. Die russischen Kämpfer nutzten „Terrorkampagnen“, um unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Rebellen jeden Widerstand gegen Wagner und die Regierung zu brechen. Alle Feinde sollten buchstäblich „vernichtet“, das Land, so wörtlich, „gesäubert“ werden.
Assad-Sturz mit Folgen für Afrika: Wie aktiv wird Russland künftig auf dem Kontinent sein?
Maxime Balalou, Kommunikationsminister und Sprecher der zentralafrikanischen Regierung, weist solche Vorwürfe im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau als westliche Propaganda zurück. Nur „Kollateralschäden“ räumt er ein, die seien in einem asymmetrischen Krieg aber unvermeidbar.
Der Sturz des Assad-Regimes in Syrien könnte allerdings auch Folgen haben für den russischen Einfluss in der Zentralafrikanischen Republik. Für Russlands Militäroperationen in der Zentralafrikanischen Republik und anderen afrikanischen Ländern war sein Luftwaffenstützpunkt Hmeimim in Syrien von zentraler Bedeutung.
Noch ist unklar, ob Russland den Luftwaffenstützpunkt und den Militärhafen Taurus aufgeben muss. Wenn Hmeimim aber verloren geht oder schon nicht mehr existiert, wird Russland kaum in der Lage sein, seine Präsenz in Afrika auf dem derzeitigen Niveau zu halten.
Rubriklistenbild: © Bettina Rühl


