Oldtimer für die Front: Die Ukraine erhält weitere deutsche „Gepard“-Panzer – und zwar aus Jordanien
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Seit langem zugesagt, jetzt geliefert: Ukraine verstärkt ihre Luftabwehr mit 60 „Gepard“. Niederländische Panzer aus Jordanien, von den USA bezahlt.
Kiew – Nach einer halben Weltreise lebt das alte Eisen wieder auf: Mit seinen fast 60 Jahren ist der Oldtimer „Gepard“ die hauptsächliche Lebensversicherung der Ukraine gegen die Invasionsarmee von Wladimir Putin. Jetzt erhält die Ukraine 60 weitere dieser selbstfahrenden Flugabwehrkanonenpanzer, um Russland zu stoppen – finanziert durch die USA. Die aus deutscher Produktion stammenden Einheiten gehörten zur niederländischen Armee, bevor diese sie nach Jordanien verkauften. Jetzt wurde das Kriegsgerät von den USA zurückgekauft, um sie im Ukraine-Krieg einzusetzen.
Den Himmel säubern: Mit seinen beiden Maschinenkanonen pflückt der „Gepard“ russische Minidrohnen vom Himmel. Jetzt erhält die Ukraine 60 weitere Fahrzeuge.
Gebaut wurde das System von 1976 an und ist seit 2010 in der Bundeswehr außer Dienst gestellt – der „Gepard“ war das letzte kanonengestützte Flugabwehrsystem der Bundeswehr und bildete für lange Zeit einen Eckpfeiler der Flugabwehr des Heeres der Bundeswehr, der niederländischen und der belgischen Armee. Im Ukraine-Krieg wurde er zu einer Korsettstange in der Verteidigung des Luftraums gegen russische Drohnen und Raketen. Aktuell hat Deutschland 46 Flugabwehrkanonenpanzer des Typs „Gepard“ an Kiew geliefert. Weitere sechs sollen folgen.
Mit der Lieferung an die Ukraine kamen erstmalig „Gepard“-Systeme in einem bewaffneten Konflikt zum Einsatz. Vor genau zehn Jahren hatte Brasilien acht „Gepard“ gekauft, später hat auch Katar zugeschlagen – dort sollte er Fußball-Turniere sichern und den Auftritt des damaligen Papstes Franziskus zum katholischen Weltjugendtag in Rio de Janeiro. Der „Gepard“ ist ein Relikt des Kalten Krieges, der den Vormarsch von Kampfpanzern und Panzergrenadieren gegen Angriffe aus der Luft decken sollte. Als einziges Nato-Land nutzt ihn noch Rumänien im aktiven Dienst.
„Gepard“: Deutschlands Sicherheit wird am Fluß Dnipro verteidigt
Dieses Konzept war spätestens hinfällig geworden, als die Bundeswehr sich zu einer international operierenden Eingreiftruppe gewandelt hatte beziehungsweise wandeln sollte, wie 2003 der damalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) vorgab, als er sagte: „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt.“ Spätestens damit hatte sich der „Gepard“ überlebt. Jetzt wird die künftige Sicherheit am Fluss Dnipro verteidigt, und die Qualitäten des Silberrückens sind wieder gefragt: den Himmel sauber zu halten.
Weil die Ukraine nach der Invasion durch Russland um Waffenhilfe nachsuchte, war der Gepard die Notlösung, die vor aller Welt als Volltreffer verkauft wurde: „Das ist genau das, was die Ukraine jetzt braucht“, verkündete die damalige Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) während eines Treffens mit europäischen Verteidigungsministern im April 2022. Die Ukraine hatte da schon um Kampfpanzer gebettelt. Dabei ist das Ungetüm störrisch: Der „Gepard“ gehörte zur Heeresflugabwehrtruppe, war besonders wartungsintensiv und die Waffengattung mit der längsten Ausbildungszeit in der Bundeswehr. Neben den Geschossen muss die Besatzung vor allem das komplexe Radarsystem und andere Aufklärungsgeräte beherrschen. Wie ein ehemaliger Ausbilder am „Gepard“ der taz gesagt hat, wäre eine Ausbildung motivierter Soldaten der Ukraine in sechs bis acht Wochen zu leisten.
„Gepard“: Mit Altmetall erfolgreich gegen Putins Invasionsarmee
Die Panzer stammten aus „Industriebeständen“ – böse formuliert, haben verschiedene Armeen die Ukraine mit ihrem Altmetall abgespeist, um keine expliziten Angriffswaffen, wie beispielsweise Kampfpanzer, liefern zu müssen. Ende April 2022 billigte die Bundesregierung unter Bundeskanzler Olaf Scholz den Export von bis zu 50 gebrauchten Flugabwehrpanzern des Typs Gepard bis Ende des Jahres an die ukrainischen Streitkräfte. Die ersten drei „Gepard“-Systeme trafen Ende Juli 2022 in der Ukraine ein. Im Oktober 2022 waren dort 30 „Gepard“-Panzer angekommen Bis Ende Oktober 2023 lieferte die Bundesrepublik 49 „Gepard“. Ende Mai 2023 erhielt ein amerikanischer Waffenhändler vom Pentagon den Auftrag, 50 weitere „Gepard“-Panzer aus Beständen Jordaniens instand zu setzen für die Lieferung an die Ukraine spätestens im Mai 2024. Diese Lieferung wird jetzt vollzogen.
Neben der Revitalisierung der in kaum einer Armee noch funktionstüchtigen Fahrzeuge ist die Umrüstung ein wesentlicher Bestandteil der Liefervorbereitungen: Beispielsweise müssen die Feuerleitsysteme und auch die Handbücher ins Kyrillische übersetzt werden. Der Hersteller Krauss-Maffei Wegmann musste zudem ein Wartungspaket aus Spezialwerkzeug für die Instandsetzung zusammenstellen. Auch die Ausbildung hatte die Industrie größtenteils zu schultern, wie Generalinspekteur Eberhard Zorn im Podcast Aus Regierungskreisen deutlich machte: Seit Auflösung der Heeresflugabwehr habe die Bundeswehr diese Kompetenzen eingebüßt. Auf Anfrage des Abgeordneten Dirk Spaniel (AfD) hatte die Bundesregierung im Mai 2022 geantwortet, sie wisse nicht, wer in der Bundeswehr noch am „Gepard“ ausbilden könne und wie lange das dauere. Die Verantwortung für Zeit und Personal „liegt grundsätzlich in Verantwortung der Industrie“, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin Siemtje Möller. Ein Jahr zuvor sollen laut Bundeswehr-Angaben gegenüber der Zeit noch etwas mehr als 600 ehemalige Angehörige der Heeresflugabwehr aktiv gedient haben und theoretisch die Ausbildung hätten übernehmen können.
„Gepard“: Garant für Russlands hohe Verluste an Drohnen
Tatsächlich hat sich die Notlösung als Volltreffer herausgestellt. Die „Gepard“ erwiesen sich in der Ukraine beim Abschuss der „Shahed-136“-Drohnen als wirkungsvoller als die dem „Gepard“ ähnlichen sowjetischen Flugabwehrgeschütze und -systeme. Der „Gepard“ gilt zudem gegenüber teuren Flugkörpern als kostengünstiger: Fast geht das Geschoss als Schnäppchen durch; aber auch nur im Vergleich: 560 Euro berechnet Munitions-Hersteller Rheinmetall der Ukraine pro Schuss für den „Gepard“. Im Vergleich: Der deutsche Kampfpanzer „Leopard“ jagt mit jeder Granate 9.000 Euro durch den Schornstein. Allerdings: Der „Gepard“ verballert aus seinen zwei Maschinenkanonen rund 620.000 Euro. Pro Minute.
Für die Ukraine gilt der „Gepard“ als effektivste Waffe im Krieg gegen die Invasionsarmee Wladimir Putins. Die Taktik mit unablässig anfliegenden Drohnen-Schwärmen bleibt die Großoffensive Russlands gegen das Verteidigungs-Budget der Ukraine. Jede „Gepard“ in der Ukraine ist allerdings auch ein Gewinn für die westlichen Streitkräfte. Wie die Panzerschlachten und Gefechte zwischen den Schützengräben zeigen, wird der Krieg kleinteiliger: Die Do-It-Yourself-Drohne, die in Massen heransurrt und am Ziel ausschwärmt, würde die raketengestütze Flugabwehr schlichtweg finanziell ruinieren. Auf dem Schutz vor unbemannten Flugkörpern liegt künftig grundsätzlich der Fokus der mobilen Flugabwehr in einer Kampfentfernung von bis zu sechs Kilometern. Hier ist die Bundeswehr nahezu völlig blank, gerade gegen Minidrohnen.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Da verwundert der rhetorische Sturmangriff von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) unter Verwendung des Adjektivs „kriegstüchtig“. Er will die Bundeswehr zum „Rückgrat der europäischen Sicherheit“ machen, sie soll „dauerhaft und verlässlich zum Grundpfeiler der konventionellen Verteidigung in Europa“ werden, wie er sagt. Was die Luftsicherheit angeht, fängt Pistorius dabei so ziemlich bei Null an: Ihre moderne, stärkste Waffe gegen Drohnen nennt die Bundeswehr „Ozelot“ – das ist eher eine größere Katze; mobil wird sie durch den kleinen Schützenpanzer „Wiesel“. Der „Gepard“ trägt den Namen vom schnellsten Säugetier auf Erden; so alt die Großkatze also auch ist – sie bleibt eindrucksvoll und ehrfurchtgebietend.