Putin hat ein Problem: Russlands Verluste im Ukraine-Krieg „viel bedeutender als erwartet“
VonFabian Hartmann
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Im Zuge der ukrainischen Kursk-Offensive hat Russland den Ausnahmezustand in der Region ausgerufen. Die Anzahl gefallener russischen Soldaten wächst kontinuierlich.
Kiew/Moskau – Russland steht im Ukraine-Krieg gegenwärtig unter Druck. Russische Behörden riefen am Donnerstag den Ausnahmezustand für die Grenzregion Kursk aus, nachdem ukrainische Streitkräfte tags zuvor hierhin vorgerückt waren. Russlands Präsident Wladimir Putin bezeichnete das Vorgehen der ukrainischen Streitkräfte übereinstimmenden Medienberichten zufolge als „groß angelegte Provokation“. Ukrainische Truppen hatten zuvor aus der Region Sumy kommend die russische Grenze bei Sudscha mit Artillerie und Panzern überschritten und mehrere russische Dörfer unter ihre Kontrolle gebracht. Als Reaktion darauf verstärkte Russland die Sicherheitsmaßnahmen für das lokale Atomkraftwerk in Kursk.
Anstieg der Personalverluste Russlands ist Experten zufolge „viel bedeutender als erwartet“
Alexej Smirnow, der geschäftsführende Gouverneur des Gebiets Kursk, teilte über seinen Telegram-Kanal mit: „Die Region Kursk ist weiterhin mit einer schwierigen operativen Situation in den Grenzgebieten konfrontiert“. Doch die Probleme für Putin und Russland enden hier nicht. Die Zahl getöteter russischer Soldaten im Ukraine-Krieg steigt aktuell so rasant an, dass die Statistiker kaum noch mithalten können.
Laut einer Analyse der unabhängigen russischen Nachrichtenagentur Mediazona in Zusammenarbeit mit der russischen Zweigstelle der BBC, die das US-Nachrichtenportal Newsweek zitiert, sind seit Anfang August mehr als 60.000 russische Soldaten im Ukraine-Krieg gefallen. Die Journalisten von Mediazona fügten ihrem Bericht hinzu, dass der Anstieg der russischen Personalverluste in den letzten Monaten, Wochen sowie aktuell „viel bedeutender ist als erwartet“.
Russlands Personalverluste könnten deutlich höher sein als offiziellen Angaben zufolge
Die gemeinsame Untersuchung von Mediazona und BBC bestätigte den Tod von insgesamt 61.831 russischen Soldaten. Allein in den letzten beiden Juli-Wochen wurden mehr als 2000 neue Todesopfer gemeldet. Aufgrund des schwierigen Zugangs zur Region könnten die tatsächlichen Zahlen sogar noch höher sein, da die Bearbeitung der Todesanzeigen hinter dem raschen Anstieg der Todesfälle zurückbleibt.
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 sind hohe Personal- und Materialverluste auf beiden Seiten zu verzeichnen. Am Montag, dem 5. August, meldete das ukrainische Militär, Russland habe an nur einem einzigen Tag 1180 seiner Streitkräfte verloren. Damit stieg die Zahl der gefallenen und verletzten russischen Soldaten seit Kriegsbeginn auf schätzungsweise 582.910.
Verluste an Soldaten und Material setzen Putin im Ukraine-Krieg zu
Neben den schnell steigenden Personalverlusten auf russischer Seite setzen Putin aktuell auch hohe materielle Verluste unter Druck. Der sogenannte Oryx-Tracker, der Ausrüstungsverluste anhand verifizierter visueller Beweise nachverfolgt, zeigt, dass Russland im Ukraine-Krieg bereits rund 800 Exemplare selbstfahrender Artillerie und insgesamt über 16.000 Artilleriesysteme verloren hat.
Das britische Verteidigungsministerium gab an, dass die russischen Verluste von einem Höchststand von 1262 im Mai auf 1140 im Juli gesunken sind. Dies sei darauf zurückzuführen, dass russische Soldaten ihre Stellungen auf der Charkiw-Achse in der Ostukraine konsolidieren. Russland hat seine offiziellen Opferzahlen für den Krieg seit September 2022 nicht mehr aktualisiert. Damals wurde die Zahl der gefallenen Soldaten mit rund 6000 angegeben.
Bilder des Ukraine-Kriegs: Großes Grauen und kleine Momente des Glücks
Am 5. Juni äußerte sich Putin in einem seiner seltenen Kommentare zum Kriegsgeschehen und bezeichnete die russischen Verluste als „unwiederbringlich“. Er fügte hinzu, dass das Verhältnis der russischen Verluste zu denen auf ukrainischer Seite eins zu fünf zugunsten des Kremls ausfallen. Im Februar dieses Jahres gab der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bekannt, dass 31.000 ukrainische Soldaten in dem Krieg getötet worden seien.
Medwedew fordert Vormarsch russischer Truppen – auch in ukrainische Großstädte
Dmitri Medwedew, Russlands ehemaliger Präsident und aktueller stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrates, drohte nach dem ukrainischen Grenzübertritt in Kursk mit einer Ausweitung der russischen Invasion. Laut einem Bericht der Ukrainska Pravda vom Donnerstag betonte Medwedew, dass der Militäreinsatz Russlands nicht mehr nur darauf beschränkt sein sollte, die Gebiete in der Ukraine zu sichern, die Russland als sein Gebiet betrachtet.
Vielmehr sollten die Streitkräfte in Richtung der ukrainischen Großstädte Odessa, Charkiw, Dnipro, Mykolajiw, Kiew und darüber hinaus drängen. Der Vormarsch werde erst dann eingestellt, wenn es Russland für sinnvoll halte. Von ukrainischer Seite gab es bislang keinen Kommentar zur neuen Offensive der ukrainischen Offensive in Kursk. In seiner Abendansprache erwähnte Präsident Wolodymyr Selenskyj am Mittwoch (7. August) lediglich, sich mit dem Armee-Oberbefehlshaber Olexander Syrskyj beraten zu haben. „Details folgen später“, erklärte Selenskyj. (fh)