„Faschistoide Ummantelung“

Kann man Putin und Hitler vergleichen? Experten warnen vor „Tabu“ – und erklären Parallelen

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„Wladolf Putler“: Ein Plakat bei einer Pro-Ukraine-Demo am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz.
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Als „Putler“ firmiert Wladimir Putin oft auf Demo-Transparenten. Doch lassen sich Hitler und Putin tatsächlich vergleichen?

Berlin/München – Schon bei den ersten Solidaritätskundgebungen für die Ukraine in Deutschland waren sie präsent: Plakate, die Wladimir Putin als „Putler“ zeigten – mit Hitlerbärtchen und dem Scheitel des Nazi-Diktators.

Vergleiche sind rund um den Ukraine-Krieg weiter an der Tagesordnung: Erst am Samstag (25. Februar) zog Tschechiens neuer Präsident Petr Pavel dem Portal Nexta zufolge eine Parallele: „Vor dem Zweiten Weltkrieg verhielt sich Hitler genau so, wie sich Putin jetzt in der Ukraine verhält“, sagte er laut dieser Übersetzung bei einer Kundgebung in Prag. Pavel spielte auf das Sudetenland an: Dort habe Deutschland eine nationale Minderheit instrumentalisiert, um Hass und Gewalt zu säen.

Die Frage, inwieweit es Parallelen zwischen dem Nazi- und dem Putin-Regime gibt, beschäftigte zuletzt immer wieder auch Experten. Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie etwa analysierte für den Deutschlandfunk Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Und auch der renommierte US-Historiker Timothy Snyder beleuchtete in einem Spiegel-Interview diese gerade aus deutscher Sicht durchaus brisante Frage. Einig scheinen sich die Experten in einem Punkt zu sein: Sofern es um Vergleiche und nicht um Gleichsetzungen geht, dürfe es kein „Tabu“ geben. Merkmale des Faschismus und historische Parallelen erkennen viele von ihnen im heutigen Russland.

Wladimir Putin: Ein faschistisches Regime? Historiker Snyder nennt fünf Ansatzpunkte

Snyder etwa schien ebenso wie Pavel sehr konkrete Parallelen zu sehen: Russland verhalte sich „wie Deutschland 1941“, erklärte er. „Hinter dem Einmarsch steht eine Ideologie, Russland behauptet, es gebe die Ukraine als Staat gar nicht. Es führt einen Angriffskrieg, verfolgt eine genozidale Politik – all das ähnelt dem deutschen Vorgehen beim Einmarsch in die Sowjetunion“, sagte der Historiker dem Spiegel.

Er selbst spreche von Russland als einem „faschistischen Staat“. Zum einen aufgrund einer „intellektuellen Tradition des russischen Faschismus, von der Putin offensichtlich beeinflusst ist“. Zum anderen, weil es fünf konkrete Anknüpfungspunkte gebe:

  • 1. In Russland stehe „der Wille über der Vernunft“.
  • 2. Auch einen „Kult der Gewalt und eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Recht“ attestierte Snyder Russland.
  • 3. Putin stehe „als Anführer über den Institutionen – es gibt keine wirklichen Parteien, keine Nachfolgeregelung, alle Institutionen existieren nur durch oder in Bezug auf Putin“.
  • 4. „Verschwörungsmythen“ seien verbreitet: „Putin behauptet, der Westen wolle Russland zerstören, russische Propagandasendungen nutzen ständig eindeutig faschistische Formulierungen.“
  • 5. Auch im Reden der russischen Führung über „ukrainische Satanisten“, in der Missachtung internationalen Rechts und in der Deportation von Menschen zeigten sich „faschistische Praktiken“.

Snyder betonte, vor allem Ukrainer zögen Vergleiche zwischen Nazi-Deutschland und Putins Russland. Das sei legitim, weil es „in ihren Familiengeschichten Erfahrungen mit beiden Kriegen gibt“. Ohnehin müsse man aber verhindern, dass ein „Vergleichs-Tabu“ den Blick auf die Realität verstelle. Das Konzept des Faschismus etwa sei „analytisch“ unverzichtbar. Synder sah aber auch besonders Deutschland in der Pflicht – wegen seines „kolonialen Krieges“ in der Ukraine von 1941 bis 1945, aber auch, weil es die Ukraine als Staat und Nation nie ernst genommen habe. Und schließlich wegen seiner Politik seit 2014 und der Idee einer „rein wirtschaftlichen“ Beziehung zu Russland.

Putin und der Hitler-Vergleich – Politologe Leggewie: „Es gibt Faschismen im Plural“

„Gleichsetzungen unliebsamer Figuren mit Adolf Hitler sind inflationär, die meisten Zeithistoriker lehnen solche Vergleiche ab“, stellte indes Leggewie gleich eingangs seines Essays klar. Seine Antwort fällt gleichwohl ebenfalls komplexer aus: Einerseits gehe es im Kern nicht um einen „individuellen oder kollektiven Charakter“, sondern um Merkmale und Dynamiken eines Herrschaftsregimes. Dabei sei die „krampfhafte Vermeidung des Faschismusvorwurf“ genauso eine Gefahr wie dessen „Inflationierung“.

Vergleichen bedeute schließlich nicht „gleichsetzen“, betonte der Politikwissenschaftler. Und es gebe „Faschismen im Plural“, „jenseits der Singularität des deutschen Nationalsozialismus“. Vier Merkmale nannte Leggewie: den anfänglichen Charakter als „Zustimmungsdiktatur“, eine „politische Theologie“, einen „männlicher Chauvinismus“ und eine „ultranationalistische und imperiale Fundierung“.

Die Unterschiede zwischen Putins Regime und dem Faschismus deutschen und italienischen Musters seien allerdings zahlreich. Eine breite soziale Bewegung fehle etwa, authentische faschistische Strömungen gebe es nach Ansicht des wissenschaftlichen Mainstreams eher in „Nischen“. „Nicht Hingabe an einen Führer ist Putins soziale Basis, sondern Kadavergehorsam namens eines mystifizierten Vaterlandes und einer glorifizierten Armee, deren Bildungsgrad und moralisches Niveau verheerend sind“, erläuterte Leggewie.

Faschismus nach Putins Fasson: „Totalitäre Herrschaft neuen Typs“

Allerdings habe sich die russische Aggression der „fascist warfare mit ihren rassistischen und kolonialistischen Zügen“, mit Plünderungen, Deportationen und Massentötungen von Zivilisten angeglichen. Und das „von faschistischen Intellektuellen ausgearbeitete“ Konstrukt der „russischen Welt“ verbinde einen Rekurs auf Stalin und russische Zaren mit einem „völkischen Ultranationalismus“. Zugleich beschwöre Russland eine „tausendjährige Reichstradition“ herauf, in die „verlorene Teile der zur ‚russischen Welt‘ umfirmierten Sowjetunion heimgeholt werden sollen“.

Leggewies Urteil: „Das Putin-Regime ist noch nicht bei den vollendeten Diktaturen Hitlers und Stalins angekommen, aber faschistoide Züge sind bei ihm ebenso erkennbar wie Anschlüsse an das sowjetische (wie gesagt: nicht kommunistische) Erbe.“ Starre Typologien taugten an dieser Stelle nicht – erkennbar sei eine „totalitäre Herrschaft neuen Typs“: „Der ‚stalinoide‘ Kern ist von einer faschistoiden Schale ummantelt.“ Noch wichtiger sei aber die Frage, „ob ein postfaschistisches Russland möglich sein wird, und wie man von außen dazu beitragen kann“.

Historiker zu Putin-Hitler-Parallelen: Vergleichen, nicht gleichsetzen

Nicht in Vergessenheit geraten darf das singuläre Ereignis der Shoah. Der deutsche Holocaust-Forscher Götz Aly stellte schon im März 2022 in einem Interview mit der dpa klar, man könne „Hitler und Putin nur sehr partiell miteinander vergleichen“. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf sei es aber „legitim, gewisse Parallelen zu benennen“. „Auch Hitler hat ja enorme Truppen aufmarschieren lassen, während gleichzeitig versichert wurde: ‚Der Führer will nichts anderes als den Frieden‘“, erinnerte Aly.

Auch der Historiker Heinrich August Winkler erkannte Anfang 2022 „frappierende Parallelen“ zwischen dem „Anschluss“ Österreichs; der Angliederung des Sudetenlands und der „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ einerseits und der Annexion der Krim, der Abtrennung erheblicher Gebiete des Donbass und dem Angriffskrieg auf die Ukraine andererseits. „Die Analogie des Vorgehens ist schlagend“, schrieb Winkler in der Zeit.

Er erklärte: „Doch die Parallelen gehen noch sehr viel weiter. Auch als ‚Historiker‘, sprich als Geschichtspolitiker, wirkt Putin wie ein gelehriger Schüler Adolf Hitlers.“ So versuche auch Putin, die von ihm angestrebte Wiederherstellung eines vermeintlichen früheren Großreichs historisch zu untermauern.

Allerdings gibt es durchaus auch explizitere Warnungen vor Gleichsetzungen: Diese führten „fast immer in eine Sackgasse, weil die Ähnlichkeiten immer nur bedingt und partiell sind“, schrieb der Historiker Christopher Clark im Sommer in der Süddeutschen Zeitung. Möglich sei überdies, dass das 20. Jahrhundert in seiner Relevanz als Bezugspunkt „nachlasse“. Aktuelle Debatten über den Nationenbegriff erinnerten eher an das 19. Jahrhundert. (fn mit Material von dpa)

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