Putin prahlt mit Superwaffe: Die technische Unfähigkeit besiegt?
VonKarsten-Dirk Hinzmann
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Die „Sturmschwalbe“ soll den Westen auf Distanz halten – dank ihres Atom-Antriebs. Doch ist Russland zu derartigen technologischen Leistungen imstande?
Moskau – „Schließlich handelt es sich um ein einzigartiges Produkt, das es auf der Welt nicht gibt“, sagt Wladimir Putin. Laut der russischen Nachrichtenagentur TASSprahlt Russlands Diktator mit der „Burewestnik“ (Sturmschwalbe beziehungsweise Sturmvogel), ein Marschflugkörper mit Nuklearantrieb und extra langer Reichweite. Während sich seine Invasionstruppen im Ukraine-Krieg festbeißen, haben seine Ingenieure die, nach ihrem Dafürhalten, ultimative Waffe gegen die NATO entwickelt. Jetzt ist sie erstmals getestet worden.
Zur Präsentation im Tarnanzug: Russland hat den erfolgreichen Test seines Langstrecken-Marschflugkörpers Burewestnik bekanntgegeben. Westliche Analysten bezweifeln den Kampfwert der Waffe, weil dessen nuklearer Antrieb derart revolutionär ist, dass Russland diese Technologie kaum zugetraut wird (Screenshot von Putins Besuch eines Kommandopostens).
Eine Erklärung dazu haben sowohl der Diktator selbst als auch sein Chef des Generalstabs der russischen Streitkräfte abgegeben, berichtet Reuters; Wladimir Putin habe sich dafür eigens in Tarnkleidung gezeigt. „Die Rakete habe eine Strecke von 14.000 Kilometern zurückgelegt und sei etwa 15 Stunden in der Luft gewesen, sagte General Waleri Gerassimow“, wie die Nachrichtenagentur meldet.
Putin habe darauf entgegnet, „dass die entscheidenden Burewestnik-Tests nun abgeschlossen seien und dass nun mit der letzten Phase vor der Stationierung der Raketen begonnen werden sollte“. Aufgrund der langen Reichweite der Waffe und der vermeintlich schwer auszurechnenden Flugbahn halte sie Russlands Potentat gegenüber aktuellen wie künftigen Luftabwehrsystemen für „unbesiegbar“ zitiert ihn Reuters bezüglich der 9M730 Burevestnik, die im NATO-Code als SSC-X-9 Skyfall betitelt wird.
Putin beschwört die Defensive: „Jegliche Aggression gegen Russland und seine Verbündeten zu verhindern“
Die Entwicklung der Rakete habe begonnen, nachdem die USA im Dezember 2001 aus dem ABM-Vertrag (Anti-Ballistic Missile Treaty,Vertrag über die Begrenzung von antiballistischen Raketenabwehrsystemen) von 1972 ausgestiegen waren, erläutert die TASS. „Die Schaffung neuer strategischer Waffensysteme ziele darauf ab, die Verteidigungsfähigkeit zu stärken und jegliche Aggression gegen Russland und seine Verbündeten zu verhindern“, zitiert die Nachrichtenagentur das russische Verteidigungsministerium. Burewestnik soll einen nuklearen Antrieb haben und somit über eine globale Reichweite verfügen. Sie könne sozusagen zeitlich unbeschränkt herumlungern und relativ kurzfristig auf ein Ziel gesteuert werden oder ohne Verluste an Energie scheinbar willkürlich herum dirigiert werden – was die Vorausberechenbarkeit für die Luftverteidigung erschwere bis unmöglich machte.
„„Die amerikanischen Bemühungen, deren Einsatz zu verhindern, sollten sich vor allem darauf konzentrieren, die Entschlossenheit zu signalisieren, auf russische Aggression zu reagieren. Die Vorbereitungen zur Abwehr einer russischen Eskalation, falls diese Abschreckung scheitert, sollten sich weiterhin auf die Errichtung und Aufrechterhaltung lokaler konventioneller Überlegenheit konzentrieren.“
Allerdings ist sie lange in der Luft und dadurch doch früher oder später aufzufinden. Die Stärke der Waffe ist also gleichsam ihre eklatante Schwäche. Sie fliegt lange, dafür aber tief und relativ langsam. Dazu muss sie ein exzellent getarnter Flugkörper sein; interkontinentale Ziele könnte sie nur dann bedrohen, wenn sie gegnerische Frühwarnsystemen austrickst. „Sie ist ausschließlich als Erstschlagwaffe gedacht, da ihr Einsatz nach einem Austausch von Interkontinentalraketen wenig Sinn ergibt. Sollte sie sich als wirksam erweisen, wäre sie daher zutiefst destabilisierend“, schreibt Chris Spedding für den Thinktank „British American Security Information Council“ (BASIC). Offenbar haben Defensiv-Pläne von US-Präsident Donald Trump die russischen Ingenieure zu mehr Eile getrieben, vermutet Reuters.
Jeffrey Lewis vom US-amerikanischen Thinktank „Middlebury Institute of International Studies“, Decker Eveleth vom US-Thinktank „Center for Naval Analyses“ (CNA) und weitere Rüstungskontrollexperten sagten, die Entwicklung der Rakete habe für Moskau an Bedeutung gewonnen, seit Trump im Januar die Entwicklung eines US-Raketenabwehrschilds namens „Golden Dome“ angekündigt habe, so die Nachrichtenagentur. Die Innovation dieser Waffe bestünde laut der Welt darin, dass sie nicht nur selbststeuernd konstruiert sein soll, sondern aufgrund ihres integrierten Atomreaktors „wochenlang über der Erde kreisen, mehrmals die Erde umrunden und dabei, eine Spur radioaktiver Zerfallsprodukte hinter sich herziehend, in unterschiedlichen Höhen manövrieren kann, um Flugabwehrsysteme zu umgehen“, wie Welt-Autor Waclaw Radziwinowicz den russischen Diktator zitiert.
Ukraine-Krieg als Exempel: Zukunftstechnologien als entscheidendes Kriterium für Abschreckungspotenzial
So viel zur grauen Theorie, aber wie sieht die Praxis aus? Kann die Waffe, die von russischer Seite in sie gesetzten Erwartungen erfüllen? „Der Hauptzweck dieses Programms scheint erstens darin zu bestehen, Russlands Gegnern zu signalisieren, dass strategische Überraschungseffekte und die Ausschaltung von Frühwarnsystemen ein zentraler Aspekt seiner zukünftigen Strategie sind“, schreibt Analyst Spedding. Er sieht in der „Sturmschwalbe“ Russlands Versuch, weiterhin als technologische Supermacht gefürchtet zu werden. Offenbar gilt die Hoheit über die Zukunftstechnologien als entscheidendes Kriterium für militärisches Abschreckungspotenzial. Spätestens mit dem Auftauchen von Drohnen im Ukraine-Krieg ist deutlich geworden, dass die klassischen Kriegswaffen wie Panzer, Artillerie, Sturmgewehre oder Massen an Infanterie einen Krieg führbar machen; allerdings zu wenig sind, um einen Krieg zu gewinnen.
In ihrem „Science & Technology Trends 2020-2040“ betitelten Ausblick benennt die NATO acht Technologien, die bis 2040 die großen Veränderungen in der militärischen Nutzung befeuern werden: Big Data and Advanced Analytics, Künstliche Intelligenz (KI), Autonomie, Weltraumfähigkeiten, Hyperschallwaffen, Quantentechnologie, Biotechnologie und menschliche Verbesserung sowie neuartige Materialien und Fertigungsverfahren (NMM, also Novel Materials and Manufacturing). „Diese werden eine entscheidende Rolle in der zukünftigen Kriegsführung und beim Aufbau von Streitkräften spielen, die in mehreren Bereichen entscheidend operieren können“, hat Dominik P. Jankowski bereits 2021 formuliert. Der ein Jahr später entbrannte Ukraine-Krieg hat sowohl der NATO also auch dem Autoren des US-Thinktanks „Center for Strategic and International Studies“ (CSIS) recht gegeben.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Putins Technologie-Hype: eine existenzielle Notwendigkeit aus externen und internen Gründen
Jankowski behauptet, Russland verspreche sich von der eigenen Innovationsfähigkeit auf militärischem Gebiet den Hebel, um seine expansiven Ziele im strategischen Wettbewerb der Großmächte durchzusetzen. Die Burewestnik kann als aktuelles Paradebeispiel gelten. „Russland ist sich bewusst, dass EDTs (Emerging Disruptive Technologies) für die militärische Abschreckung und Verteidigungsposition des Landes von grundlegender Bedeutung sind und dem Regime zudem eine stärkere Kontrolle über die russische Gesellschaft ermöglichen“, schreibt Jankowski. Übersetzt bedeutet das: Wenn eine Waffe wie die Burewestnik den Westen Glauben mache, dass Russland einen Krieg vom Zaun brechen könne, weil die politische Führung einen solchen Waffengang für potenziell siegreich erachte, kann die Bevölkerung um so leichter darauf eingeschworen und an die Kandare genommen werden.
Genau das gleiche Prinzip hat Russland mit dem Ukraine-Krieg angewandt. Aus der vorgespielten Bedrohungslage und einer vermeintlich überlegenen Feuerkraft heraus, hat Wladimir Putin sein Volk weitestgehend reibungslos konditioniert. „Daher erscheint Russlands Einstieg in den Technologiewettlauf weniger eine Wahl als vielmehr eine existenzielle Notwendigkeit aus externen und internen Gründen“, so Jankowski. Das habe Russland auch nötig, bemerkt der Analyst mit Rekurs auf eine Untersuchung von Leonid Göchberg und Alexander Sokolov aus dem Jahre 2017: Im „Russian Science and Technology Foresight“ sollen sie in einer Studie „über die vielversprechendsten Bereiche der Wissenschafts- und Technologieentwicklung in Russland bis 2030“ ein düsteres Fazit gezogen haben.
„Die Studie bestätigte, dass Moskau weiterhin Schwierigkeiten hat, die EDTs sowohl wirtschaftlich als auch militärisch besser zu nutzen“, fasst Jankowski zusammen. Möglicherweise hat die „Sturmschwalbe“ die Studie jetzt Lügen gestraft. Allerdings fragt sich die Welt, was Russland mit dieser Waffe bezwecken will. Für einen Zweitschlag bräuchte sie vermutlich keine lange vorwarnfreie Anflugzeit, da ein Erstschlag einen Zweitschlag ohnehin erwartbar macht. Würde die Waffe für einen Erstschlag in der Luft stationiert, würde das politische Eskalationsmanagement möglicherweise bereits versagt haben und einen Erstschlag des Westens provoziert haben. Spenser A. Warren jedenfalls rät dazu, die Waffe ernst zu nehmen, ihr aber keine allzu große strategische Bedeutung beizumessen.
„Die amerikanischen Bemühungen, deren Einsatz zu verhindern, sollten sich vor allem darauf konzentrieren, die Entschlossenheit zu signalisieren, auf russische Aggression zu reagieren“, schreibt er für das „US Army War College“. „Die Vorbereitungen zur Abwehr einer russischen Eskalation, falls diese Abschreckung scheitert, sollten sich weiterhin auf die Errichtung und Aufrechterhaltung lokaler konventioneller Überlegenheit konzentrieren.“ (Quellen: TASS, Reuters, British American Security Information Council, Center for Strategic and International Studies, US Army War College, NATO, Welt) (hz)