Nach Russland-Wahl: Putin hat eigenes Land weiter im eisernen Griff
VonFabian Hartmann
schließen
Die Wahlen in Russland sind vorbei. Das Ergebnis mit dem Putin-Sieg ist keine Überraschung. Doch wie geht es mit der neuen Amtszeit des Kreml-Despoten weiter?
Moskau – In Russland waren an diesem Wochenende insgesamt mehr als 112 Millionen Menschen aufgerufen, ihre Stimme bei der Präsidentschaftswahl abzugeben. Darunter 4,5 Millionen Menschen in den völkerrechtswidrig annektierten ukrainischen Gebieten Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson. Die Wahl begann im äußersten Osten des sich über elf Zeitzonen erstreckenden Landes und endete am Sonntag um 19 Uhr Ortszeit in der Enklave Kaliningrad, dem westlichsten Teil Russlands. Das vorläufige Ergebnis kam dabei nicht wirklich überraschend: Putin wurde mit fast 88 Prozent zum Sieger erklärt.
Das offizielle Endergebnis will die Wahlkommission spätestens am 28. März verkünden. Doch nicht erst dann dürfte klar sein, dass dem von 1999 bis 2008 regierenden und anschließend seit 2012 im Präsidentenamt weilenden Wladimir Putin eine weitere sechsjährige Amtszeit bevorsteht. Bereits direkt nach der Schließung der Wahllokale ließ die Wahlkommission keine Zweifel aufkommen, dass der alte Präsident auch der neue ist. Die Frage ist nur: Wohin steuert Russland jetzt?
15 Billionen Rubel bis 2030 – Putin stellte Haushaltsplan für nächste Amtszeit bereits vor
Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen hatte Wladimir Putin vergangenen Monat im Rahmen seiner Rede zur Lage der Nation bereits vor der Präsidentschaftswahl seine Haushaltsprioritäten bis 2030 vorgelegt. Die Ausgaben zur Finanzierung des Angriffskriegs auf die Ukraine und westliche Sanktionen in dessen Folge trafen den russischen Staatshaushalt schwer, und auch der aktuelle Wechselkurs von rund 90 Rubel pro Dollar macht Putins Ausgabenplänen bis 2030 zu schaffen.
Laut dem US-Nachrichtendienst Bloomberg will Putin bis 2030 insgesamt 15 Billionen Rubel zur Besserung der Situation im Land investieren. Darin sollen unter anderem 1 Billion Rubel (10,9 Milliarden Dollar) für Krankenhäuser und 400 Milliarden Rubel (4,4 Milliarden Dollar) für Schulen und Kindergärten enthalten sein.
Lesen muss man diese Ankündigung Putins aber wohl auch unter dem Verweis auf die 2024 sehr hohen Ausgaben für Militär und Polizei in Russland. „2024 ist das erste Jahr seit der Sowjetunion, in dem der Haushalt für Militär und Polizei zusammengenommen größer ist als der Sozialhaushalt“, sagte der russische Oppositionspolitiker Aleksei Miniailo bei Newsweek. Dabei verwies er darauf, dass die Verteidigungsausgaben in diesem Jahr ein Drittel der russischen Staatsausgaben ausmachen werden.
Situation vor der Präsidentschaftswahl: Wie destabilisiert ist Putins Russland?
Trotz der potenziellen Unvermeidbarkeit des Wahlausgangs wurde über Putins nächste Amtszeit bislang erstaunlich wenig diskutiert. Und auch nicht darüber, was sie innerhalb und außerhalb Russlands bedeuten könnte. Umso überraschender ist das, da Putins Regime gegenwärtig wohl so destabilisiert ist wie kaum jemals, und ein Ende der anhaltenden wirtschaftlichen Probleme Russlands oder der steigenden Zahl von Todesopfern infolge des Angriffskriegs auf die Ukraine noch außer Sicht ist.
Allein im Juni vergangenen Jahres (26.06.2023) kam es in Russland zu einem Aufstand der Wagner Gruppen, angeführt von der abtrünnigen Wagner-Miliz um Jewgeni Prigoschin, die beinahe in Moskau einmarschiert wäre. Der Krieg in der Ukraine hat dazu beigetragen, die innenpolitische Lage Russlands so instabil wie seit Jahrzehnten nicht mehr zu machen. Und auf dieser Grundlage scheinen viele Szenarien für die Zukunft Russlands denkbar. Welche aber sind das genau?
Russland vor einer neuen Amtszeit Putins – was könnte das für Europa und die Welt bedeuten?
Das „größte und folgenreichste“ Ereignis, das in diesem Zusammenhang eine Rolle spielt, dürfte der Ausgang der US-Präsidentschaftswahl im November sein, erklärt Ken Osgood, Geschichtsprofessor an der Colorado School of Mines, gegenüber Newsweek. Dabeiverwies Osgood auch auf die Signale Trumps und dem MAGA-Flügel der Republikanischen Partei, den Krieg in der Ukraine schnellstmöglich zu beenden.
„Ein Rückzug der US-Unterstützung und amerikanischer Druck auf die Ukraine, sich Verhandlungen mit Russland zu stellen, wird einen Sieg für Putin bedeuten. Selbst wenn er nur das Gebiet hält, das Russland derzeit besetzt hält, wird Putin dies glaubhaft als Sieg darstellen“, sagte Osgood gegenüber Newsweek weiter. Die Folgen eines solchen Kurses dürften Osgood zufolge über Jahre hinweg zu spüren sein.
Dass Putin einen Krieg mit der NATO beginnen wird, hält er dennoch für „nicht besonders wahrscheinlich“: „Selbst wenn sich die USA aus der NATO zurückziehen, ist sie immer noch ein beeindruckendes und nuklear bewaffnetes Bündnis – ein direkter Angriff, der eine massive Reaktion auslösen würde, wäre leichtsinnig“, erklärt der Geschichtsprofessor weiter. Allerdings hält er es für wahrscheinlich, dass Putin womöglich aggressive Cyber- und Informationskriegstaktiken einführt, um Spaltungen innerhalb des Bündnisses zu provozieren: „Putin wird wahrscheinlich versuchen, das Schicksal russlandfreundlicher Politiker wie Ungarns Viktor Orbán und, um es klar zu sagen, Donald Trump zu fördern.“
Russland nach der Präsidentschaftswahl – welche Szenarien sind denkbar?
Wie aber könnte es nach einem erneuten Sieg Putins bei den russischen Präsidentschaftswahlen in der sechsjährigen Amtszeit bis 2030 weitergehen? Am wenigsten wahrscheinlich dürfte es der US-amerikanischen Tageszeitung Politicozufolgesein, dass sich demokratische Tendenzen in Russland verstärken.
Jedoch lassen Putins „desaströse Entscheidungen“ im Angriffskrieg gegen die Ukraine endlos Spielraum für Kritik. Und auch der Tod von Kreml-Gegner Alexej Nawalny im sibirischen Straflager IK-3 wird demokratische Bewegungen in Russland trotz allem Druck, den Putin auf sie ausübt, nicht per se auslöschen können. Obwohl Politico dem Tod der Symbolfigur Nawalny die theoretische Chance eines Momentums zugunsten der Demokratie in Russland einräumt, sieht die US-Tageszeitung die Chancen eines Wiederaufflammens demokratischer Bestrebungen in den kommenden sechs Jahren kaum gegeben – und beziffert die Wahrscheinlichkeit hierfür auf 5 bis 10 Prozent.
Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern
Potenziell weitere Amtszeit Putins – wird in Russland alles wie gewohnt weitergehen?
Am besten dürften die Chancen mit fast 50 Prozent Wahrscheinlichkeit laut Politico jedoch dafür stehen, dass es mit Putin in Russland so weiter geht wie bisher. Der Tod Nawalnys dürfte der demokratischen Opposition einen Schlag versetzt haben. Und die russische Wirtschaft ist trotz der Flut westlicher Sanktionen noch nicht ganz zusammengebrochen.
Dennoch gibt es einige Faktoren, die Putins potenzielle nächste Amtszeit viel schwieriger machen könnten als alles bislang Erlebte. So dürfte auch entscheidend sein, wie Putin mit der Bedrohung von Stagnation einerseits und steigender Inflation andererseits umgeht. Dem Westen sei Politico zufolge deshalb geraten, den Druck auf Putin, wann immer möglich, zu erhöhen. Auch die Verschärfung der Sanktionen, auch gegen Verbündete Putins in Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, könnten dazu ein geeignetes Instrument sein. (fh)