Queer-Feindlichkeit steigt: „Angst verbreiten ist Währung für Rechte“
VonBascha Mika
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Geschlechterforscherin Gundula Ludwig über die gefühlte natürliche Ordnung, Heteronormativität und die ungute Rolle von Alice Schwarzer.
Wer queer ist, also zum Beispiel homosexuell oder nicht auf ein Geschlecht festgelegt, muss auch in Deutschland immer öfter damit rechnen, angefeindet oder sogar körperlich attackiert zu werden; das Bundeskriminalamt meldete Ende letzten Jahres einen starken Anstieg solcher Straftaten. Begleitet wird die Entwicklung von einem weltweiten politischen Rechtsruck.
Gundula Ludwig, der Pride-Monat hat begonnen, weltweit demonstriert die LGBTQIA+ Community für Selbstbewusstsein, Stolz und Toleranz. Haben Sie schon die Regenbogenfahne gehisst?
Ich gehe davon aus, dass meine Universität das selbst organisiert. Zum Glück leben wir noch in Zeiten, wo viele Institutionen in Deutschland und in Österreich das noch von sich aus machen.
Symbolisch den Juni zu wählen, hat mit Verfolgung und Ausgrenzung zu tun. Im Juni 1969 sollte die Schwulenbar „Stonewall Inn“ in der New Yorker Christopher Street geräumt werden. Das ließen sich die Gäste nicht gefallen – war das der Beginn der Schwulen- und Lesbenbewegung?
Den Beginn einer Bewegung festzulegen, ist immer schwierig. Bei den allermeisten gibt es ein symbolisches Moment, wo sich Kämpfe verdichten. Doch diesen Kämpfen sind in der Regel schon viele andere vorangegangen. Und bei Stonewall war es tatsächlich auch so eine Verdichtung, so ein Kippmoment. Dem gingen viele Jahrzehnte voraus, in denen sich queere Personen, Transpersonen, lesbische und schwule Personen gegen Heteronormativität und das Zweigeschlechtermodell gewehrt haben.
Anti-LGBTQ-Protest, 2023 in der georgischen Hauptstadt Tiflis: „Wenn wir über Sexualität sprechen, geht es immer auch um die gesamtgesellschaftliche Ordnung“, sagt Gundula Ludwig.
Ursprünge der Pride-Wochen: Proteste 1969 entfalteten enorme politische Kraft
Wer waren die Träger des tagelangen Protestes in der Christopher Street?
Da nochmal genau hinzuschauen, ist gerade in Zeiten wie diesen extrem wichtig. Denn unter den damaligen Akteur:innen waren sehr viele Transpersonen und Transpersonen of Color, die mit einer enormen politischen Kraft aufgetreten sind. Dieser Punkt verschwimmt in manchen weißen Geschichtserzählungen über Stonewall. Zudem gab es viele Bündnisse mit anderen gesellschaftlichen Gruppen. Auch das muss man deutlich machen, um die Geschichte so vielfältig zu erzählen, wie sie in Wirklichkeit war.
Es soll gefeiert werden, aber gleichzeitig ist der Juni doch auch ein gefährlicher Monat für queere und Transpersonen. Vor dem World Pride 2006 zum Beispiel tauchten Flyer auf, auf denen ein Kopfgeld auf die Ermordung von Schwulen und Lesben ausgesetzt wurde.
Ja, wir leben in Zeiten zunehmender Queer- und Transfeindlichkeit, queere und trans Menschen sind wieder mehr Gewalt ausgesetzt. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile Pride-Paraden, gegen die Rechte und Rechtsextreme mobilisieren. Es gab zwar noch nie eine Zeit, wo queere und Transpersonen völlig ungefährdet durch die Welt gingen. Aber was wir im Moment erleben, ist tatsächlich eine Zunahme an offener Gewalt und Bedrohung. Das hat sehr viel mit dem globalen Erstarken von autoritären und neofaschistischen Politiken und Diskursen zu tun.
Die Verschiebung der globalen Machtverhältnisse ist für queere und Transmenschen besonders katastrophal?
Ganz genau. Angriffe auf die Demokratie, Zunahme von Autoritarismus, neue Formen des Faschismus und Rechtsextremismus – all das geht einher mit einer zunehmenden Trans- und Queerfeindlichkeit.
Fans von Donald Trump in den USA, Rechtsextreme in Europa und Autokraten im Kreml: Sie alle verbinden den nationalen Kampf nach außen mit einem Kampf nach innen.
Rechte Strömungen brauchen diesen Kampf für ihr Fortkommen. Das ist nicht etwa nur ein Seitenstrang, transfeindliche und queerfeindliche Politiken sind ein ganz wichtiges Element dieser rechtsautoritären Hegemonieprojekte.
Zur Person
Gundula Ludwig ist Professorin für Sozialwissenschaftliche Theorien der Geschlechterverhältnisse an der Universität Innsbruck und Leiterin der Plattform Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung.
Die Österreicherin studierte Erziehungswissenschaften und Kritische Geschlechter- und Sozialforschung an den Universitäten Innsbruck, Wien, Berlin und New Orleans. FR
Aber warum werden Teile der eigenen Bevölkerung zum Feind erklärt?
Zum einen, weil diese Ideologien auf der Differenz zwischen einem „Wir“ und den „Anderen“ basieren. Das ist eine ganz grundlegende Logik von allen autoritären und rechten Bestrebungen. Unter dieses „Wir“ wird ein vermeintlich homogenes Volk, eine homogene Nation subsumiert. Die ist natürlich nur imaginiert, aber so werden „die Anderen“ zur Bedrohung. Diese Bedrohung kann als eine von außen imaginiert werden – wie von Migrant:innen – aber auch von innen. Von innen sind es beispielsweise Feministinnen, Trans- und queere Personen.
Trend zu Queer- und Transfeindlichkeit: „Autoritäre Politik beansprucht Wahrheit für sich“
Was macht diese Gruppen denn so bedrohlich?
Das ist der zweite Grund: Rechte und autoritäre Strömungen sind ganz klar antidemokratisch. Sie wollen keine Gleichheit, sondern Ungleichheit. Nicht alle Menschen sollen die gleichen Freiheitsrechte haben. Nicht alle Personen sollen die gleichen Möglichkeiten auf körperliche Selbstbestimmung haben. Das spitzt sich zu in der Verdrehung des feministischen Slogans „Your body – my choice“, der nach Trumps Amtsantritt viral ging.
Aber nochmal, wo liegt die Gefahr? Kein Transmensch propagiert eine Gesellschaft, in der es nur Transmenschen gibt.
Weil es noch einen dritten Grund gibt. Autoritäre Politiken beanspruchen die Wahrheit für sich. Demokratie bedeutet aber nicht nur Gleichheit und Freiheit, sondern ist immer auch eine Haltung der Befragung. In einer Demokratie können wir das vermeintlich Gegebene hinterfragen und aushandeln. Im Idealfall ist es eine Staats- und Lebensform, die zu kollektiven Aushandlungsprozessen einlädt. Wenn ich aber behaupte, es gäbe eine biologische Wahrheit der Zweigeschlechtlichkeit, eine Wahrheit der Heterosexualität, dann verschließe ich diese Aushandlungsräume...
...und über Geschlecht kann nicht mehr verhandelt werden.
Rechte Kräfte verleugnen die Kontingenz [Nicht-Vorgegebenheit, d. Red.] von Geschlecht. Das klingt jetzt so hochtrabend, bedeutet aber, dass Menschen an eine Autoritarisierung des Denkens und des Lebens gewöhnt werden sollen. Bestimmte gesellschaftliche Fragen, zum Beispiel ‚Wie wollen wir leben?‘, ‚Wie möchten wir Geschlechter leben?‘, ‚Wie möchten wir Körper sein?‘, sollen erstickt oder unsichtbar gemacht werden. Es soll nur noch eine vermeintliche Wahrheit geben.
Anti-Queere Politik: Angstmache verschiebt Problemdefinition und -lösungen
Angstmache, Machtdemonstration – wird damit auch von anderen politischen Problemen abgelenkt?
Affektive Politiken zu betreiben, Angst zu verbreiten, ist eine wichtige Währung und typische Technik von rechten und autoritären Kräften. Durch den Fokus auf sexuelle und Geschlechterpolitik können sie eine Verschiebung von Problemdefinition und eine Verschiebung von vermeintlichen Lösungen vornehmen. Dann geht es eben nicht mehr um wirkliche Krisen wie die Klimakatastrophe, ökonomische Einbrüche oder furchtbare Entwicklungen in der Sozialpolitik. Das wird alles ausgeklammert und auf die vermeintliche Problematik des Genderns oder auf die vermeintliche Bedrohung durch Transpersonen verschoben – wobei Transfrauen ganz besonders von rechten Kräften angegriffen werden.
Warum sie?
Ihre zunehmende Sichtbarkeit wird als Bedrohung einer vermeintlich natürlichen Ordnung gerahmt. Das verhält sich genau konträr zu dem Umstand, dass Transfrauen besonders gefährdet sind, Gewalt zu erfahren oder im Extremfall getötet zu werden. Und auch hier ist nochmal ganz wichtig zu betonen, wie sehr Race und auch Klasse dabei eine Rolle spielen. Eine schwarze Transperson ist auch im globalen Norden noch mal viel gefährdeter. Oder auch eine Transperson, die materiell nicht so abgesichert ist.
Sie beschreiben einen Kampf gegen die Schwächeren. Der aber kann doch nur als System funktionieren, wenn sich andere gesellschaftliche Gruppen daran beteiligen.
Ganz richtig. Diese Politiken sind wichtig für rechte Projekte, weil sie dadurch sehr breite Allianzen aufbauen können, weit über das eigentliche rechtsextreme Spektrum hinaus. Allianzen mit konservativen und kirchlichen Kräften zum Beispiel.
Politik gegen queere Communities: Populisten versprechen Rückkehr zu „guter, alter Zeit“
Und was hat die Gesamtgesellschaft von dieser Strategie?
Gegen diese Bedrohungs- und Angstszenarien setzen rechte Kräfte ein vermeintliches Sicherheitsversprechen oder auch affektive Politiken der Nostalgie. Die vermeintlich natürliche Geschlechter- und Sexualitätsordnung soll gerettet werden, es wird eine Rückkehr zur guten alten Zeit versprochen. Wir müssen uns nur anschauen, welches Dekret Trump in seiner ersten Stunde als neuer Präsident unterzeichnete. Da hat er verfügt, dass es keine Transpersonen mehr geben soll, damit die biologische Frau geschützt wird. Frau sein wird auf Cis-Frauen oder Cis-Weiblichkeit verengt. Auch das ist eine ganz alte Logik von rechts: Immer werden irgendwelche Personen oder Gruppen ausgewählt, die vermeintlich gefährdet sind. Besonders perfide wird es, wenn bestimmte feministische Richtungen diese Strategie unterstützen.
Zum Beispiel?
Alice Schwarzer nennt sich Feministin, sieht aber Cisfrauen – also Frauen, die sich mit ihrem weiblichen Geschlecht identifizieren - durch Transfrauen bedroht. Dabei heißt die Bedrohung Patriarchat, heißt Heteronormativität, heißt Cis-Zweigeschlechtlichkeit und die mit diesen Verhältnissen einhergehende Gewalt, Ausbeutung und Ungleichheit.
Geht es hier auch um Bevölkerungspolitik?
Wenn wir über Geschlecht und Sexualität sprechen, geht es nie nur um vermeintlich individuelle Fragen der Identität oder individuellen Lebensweisen. Es geht immer auch um die gesamtgesellschaftliche Ordnung. An der Konstruktion – man könnte auch sagen an der Erfindung – von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität hängt ja nicht nur die Frage, wie einzelne Menschen leben und lieben. Daran hängt die gesamte Anatomie unserer globalen Weltordnung. Also die Frage: Wie ist Politik konstruiert? Wie ist Öffentlichkeit konstruiert? Wie ist Lohn- und Sorgearbeit verteilt? Wer hat welche Privilegien? All das sind ja Fragen, die auch über Geschlecht und Sexualität organisiert werden. Natürlich nur in Verbindung mit anderen Verhältnissen wie Klasse und Race.
Rückgewandte Trends in der Politik sind häufig männlich geprägt
Wäre das Ende der traditionellen Vorstellung von Geschlecht und Sexualität gleich eine Revolution?
Ja, klar! Stellen Sie sich vor: Sie wachen morgen auf und es gibt weder Zweigeschlechtlichkeit noch Heteronormativität – damit wären ganz viele Selbstverständlichkeiten verloren gegangen. Zum Beispiel die Selbstverständlichkeit, dass unbezahlte Sorgearbeit vor allem in heterosexuelle, heteronormative, familiäre Kontexte ausgelagert werden kann. Oder dass Politik ein sehr weißes, männliches Terrain ist. Weil Geschlecht und Sexualität als Strukturmerkmale einer herrschenden globalen gesellschaftlichen Ordnung fungieren, müssten wir eine ganz andere Ordnung aushandeln.
Und wie könnte die aussehen?
Wir können doch das bisherige Konstrukt aufbrechen. Wir können die gesellschaftliche Ordnung nicht über dieses Konstrukt herrschaftsförmig absichern. Wir könnten Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität überwinden und eine gesellschaftliche Ordnung etablieren, die jenseits von Herrschaftslogik funktioniert! (Interview: Bascha Mika)