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Katholische Priester dürfen schwule Männer oder lesbische Frauen segnen. Was die LGBTQ-Community zunächst als Durchbruch feierte, löst inzwischen auch Wut aus.
Kurz vor Weihnachten schien es so, dass Papst Franziskus der queeren Community ein besonderes Geschenk unter den Tannenbaum legen wollte – in seiner vatikanischen Erklärung „Fiducia supplicans“ erließ er, dass künftig auch schwule und lesbische Menschen und Paare gesegnet werden können.
Weltweit feierten queere Communitys die neuen Richtlinien zunächst als Durchbruch, doch nach und nach zeichnete sich seitdem ab, dass es am Ende offenbar bei viel Lärm um Nichts bleiben wird. In Deutschland zeigen sich queere Menschen jedenfalls sehr entmutigt bis verärgert über das aktuelle Vorgehen des Vatikans.
Wut in der queeren Community über Vatikan und Papst Franziskus
Die römisch-katholische Kirche steht vor einer Zerreißprobe, die sich frühestens beim zweiten Teil der Weltsynode im Oktober dieses Jahres in Rom vielleicht besänftigen lassen kann. Ob das wirklich gelingt, darf allerdings stark bezweifelt werden. Der gesamt-afrikanische Bischofsrat erklärte so zu Beginn des neuen Jahres, die Pläne von Papst Franziskus stünden im Widerspruch zum Willen Gottes und hätten in ganz Afrika unter Gläubigen und Priestern eine „Schockwelle“ ausgelöst. Was folgte, waren gleich mehrfach besänftigende Worte des Papstes. Inzwischen erklärte dann Ende Januar die nordafrikanische Bischofskonferenz beschwichtigend, man sei ihrerseits doch gesprächsbereit – bei der Weltsynode dann.
Blickt man genauer auf die Versuche von Papst Franziskus, die Wogen zu glätten, wird die Wut innerhalb der queeren Community immer verständlicher. Mehrfach betonte das Oberhaupt der katholischen Kirche, dass Schwule und Lesben nicht im Rahmen eines normalen Gottesdienstes gesegnet werden dürften – mehr noch, es dürfe keineswegs der Eindruck entstehen, die Kirche gebe der Verbindung zweier gleichgeschlechtlicher Menschen ihren Segen.
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Segnung homosexueller Paare – „doch eher eine Mogelpackung“
Wenn homosexuelle Paare also tatsächlich künftig die Chance auf eine Segnung nutzen wollen, gelten sie für die Kirche offiziell weiter als fremde Einzelpersonen. Mehr noch, es gehe nur darum, Schwulen und Lesben zu vermitteln, dass „ihr himmlischer Vater fortfährt, trotz ihrer schwerwiegenden Fehler, weiterhin ihr Wohl zu wollen und zu hoffen, dass sie sich schlussendlich dem Guten öffnen.“
Homosexualität bleibe auch weiterhin eine Sünde, Schwule und Lesben weiter Sünder, deren einziges Seelenheil also darin bestehen soll, sich dem „Guten“ zu öffnen – im Sinne der Kirche kann das dann wohl nur die Heterosexualität in einer Ehe sein.
Das Katholische LSBT+ Komitee, ein kirchenpolitisches Bündnis von Katholik:innen unterschiedlicher christlicher Gruppen, erklärte daraufhin, der Papst habe zwar einen mutigen Schritt gemacht, aber dieser bleibe auf „enttäuschender Weise“ hinter den Erwartungen zurück. Deutlicher wird Miki Herrlein, Vorstandsmitglied bei OutInChurch: „Was der Vatikan präsentiert hat, ist in weiten Teilen doch eher eine Mogelpackung. Stell dir vor, du wünscht dir ein paar schöne Schuhe, bekommst dann aber doch nur ein paar selbstgestrickte Socken!“
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28-Jähriger aus Berlin kritisiert: „Am Ende bleiben wir Menschen zweiter Klasse.“
„Für mich ist das nicht nur eine Mogelpackung, es ist eine dreiste Lüge und ehrlich gesagt, ich bin müde davon, mir dauernd in den Medien anzuhören, wie diese minimalen Tippelschritte, die der Vatikan vermeintlich auf uns zumacht, abgefeiert werden. Am Ende bleiben wir Menschen zweiter Klasse. Man soll mit uns Schwulen und Lesben im christlichen Sinne Mitleid haben, so wie mit einem Drogensüchtigen. Und wie stellt man sich denn so eine Segnung abseits eines Gottesdienstes eigentlich konkret vor? Treffen wir uns dann in einem dunklen Eck hinter der Kirche und der Priester flüstert heimlich im Schatten die Segensworte?“, sagt David (28) aus Berlin.
Der schwule Mann lebt seit rund zehn Jahren in einer festen Beziehung und wuchs bei polnischen Eltern in einer sehr christlichen Familie auf. „Meine Eltern schaffen das irgendwie, mich und meinen Partner vollends zu akzeptieren, und gleichzeitig auch zu einhundert Prozent zur Kirche zu stehen. Meine Mutter rennt noch heute mehrmals am Tag in die benachbarte Kirche. Aber ich bringe das einfach nicht mehr zusammen.“
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Segnung light? „Kein queerer Mensch wird sich das auf Dauer gefallen lassen.“
Ähnlich sieht das auch Tanja (45), die trans*-Frau aus München fühlt sich dabei gleich in mehrfacher Weise diskriminiert: „Einmal mehr werden trans* und nicht-binäre Paare gar nicht erst mitgedacht. Ganz ehrlich, was sollen queere Menschen mit einer solchen Kirche überhaupt noch anfangen? Glauben die ernsthaft, damit ihren stetig steigenden Mitglieder:innen-Schwund überwinden zu können?“
Tatsächlich gläubig ist Manfred, er arbeitet für einen kirchlichen Träger und lebt ungeoutet mit seinem Mann zusammen, den Ort will er aus Angst nicht nennen. „Die OutInChurch-Kampagne haben wir mit Begeisterung verfolgt und ja, in Deutschland hat sich unter den Bischöfen seitdem etwas getan. Ich habe eine chronische Erkrankung, ich bin auf meinen Job angewiesen, daher kommt für mich ein Outing erst in Frage, wenn wirklich ein Richtungswechsel in der Kirche vollzogen wird. Das sehe ich nicht. Ich glaube an Gott, ich glaube an die Nächstenliebe, genau deswegen engagiere ich mich bis heute in dieser Kirche. Nur an das irdische Kirchenpersonal glaube ich immer weniger“, sagt der 45-Jährige BuzzFeed News Deutschland.
Ähnlich distanziert blickt auch die lesbische Kinderbuchautorin Marie Miro auf die jüngsten Entwicklungen der Kirche: „Hier geht es im Kern darum, ob eine Glaubensgemeinschaft auf Augenhöhe als mindestens ebenso Sündhafte mit den Menschen spricht, oder sie von oben herab maßregelt, wie man das mit kleinen Kindern tut. Das, was die Kirche jetzt Homosexuellen anbietet, die Segnung light inklusive der Forderung, vom sündigen Leben abzulassen, ist unverschämt. Kein queerer Mensch wird sich das auf Dauer gefallen lassen.“
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