Anschauungs-Objekt: Ein Raketenabwehrsystem vom Typ Iris-T steht auf dem Firmengelände von Diehl Defence in Überlingen. Verschiedene europäische Länder wollen damit ihre Luftabwehr modernisieren. (Archivbild).
Als „Meilensteine“ werden sie bejubelt, als „brillant“ gefeiert: die Iris-T-Raketen vom Bodensee. Sie sollen Wladimir Putin künftig in die Schranken weisen.
Überlingen – „Das Glas ist halbvoll“, schrieb das „Team Luftwaffe“ und setzte drei Ausrufezeichen dahinter. Damit beantwortete die Social-Media-Redaktion der deutschen Luftstreitkräfte auf X (vormals Twitter) einen „kritischen“ Kommentar über die überschaubare Menge der künftigen deutschen Iris T-SLM-Systeme der Bundeswehr.
Sechs Feuereinheiten hatte die Luftwaffe geordert, die erste soll im dritten Quartal diesen Jahres eintreffen – ein Luftverteidigungssystem, das im Ukraine-Krieg „seit fast zwei Jahren überaus erfolgreich Leben rettet“, wie das Magazin Defence Network jubiliert. Und gegenüber der Welt spricht Helmut Rauch nicht nur von einer Trefferquote seines System in der Ukraine von „nahezu 100 Prozent“, sondern der Geschäftsführer des Herstellers kündigt gleich die reichweitenstärkere Weiterentwicklung an.
Diehl Defence präsentiert sich aktuell auf der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA) in Berlin. Seit Oktober 2022 setzt die Ukraine gegen die Invasionstruppen Wladimir Putins das Gemeinschaftsprodukt der baden-württembergischen Diehl Defense, von Hensold aus Bayern und Airbus ein – „eine Feuereinheit besteht aus einem Radar von Hensoldt, einem Feuerleitrechner von Airbus sowie drei Abschussfahrzeugen mit jeweils je acht Lenkwaffen, die aus länglichen Containern gegen Drohnen, Flugzeuge, feindliche Raketen, Gleitbomben und andere Bedrohungen abgefeuert werden,“ erläutert die Welt. Vier Feuereinheiten sind seit Mai dieses Jahres gegen Russland aufgefahren.
Daher muss der Mehrwert europäischer Produkte bewiesen werden. Sie werden nur dann gekauft, wenn sie konkurrenzfähig oder besser sind als vergleichbare nichteuropäische Systeme.
Die Iris T-SLM (Infra Red Imaging System – Tail/Thrust Vector Controlled, Surface Launched Medium Range) wurden aus Mitteln der Ertüchtigungsinitiative direkt durch die Industrie geliefert. Vier weitere Feuereinheiten sollen folgen, schreibt das Bundesverteidigungsministerium.
Ein Schuss kostet 564.608 Euro: Iris T-SLX soll Putins Truppen in der Luft und am Boden bekämpfen
564.608 Euro soll ein Schuss kosten – das berichtet die Deutsche Welle unter Bezug auf Schätzungen des Stockholmer Friedensinstituts (SIPRI), die Welt veröffentlicht eine Schätzung von 400.000 Euro pro Schuss; eine Feuereinheit kostet rund 140 Millionen, wie André Frank gegenüber der DW vermutet; Frank ist Ökonom am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IFW). Die Leistungen der Wunderwaffe seien aber auch „brillant“, wie die Berliner Morgenpost geurteilt hat: 60 Treffer sollen der Iris T-SLM bereits Mitte vergangenen Jahres gelungen sein – bei 60 Schuss; behauptete jedenfalls das ukrainische Militär gegenüber der Deutschen Welle, die aber hinzufügte, das sei nicht überprüft worden. Im September sprach die Tagesschau von insgesamt 110 verfeuerten Iris T-Raketen.
Das System kommt zum Einsatz in mittleren Reichweiten bis 40 Kilometern und Höhen bis zu 20 Kilometern. Dessen Nachfolger kann wohl bis zu 80 Kilometer weit und 30 Kilometer hoch fliegen. „Das neue System – IRIS-T SLX – soll die Brücke schlagen zwischen reiner Luftverteidigung und der Fähigkeit, die Abschussstellen des Gegners am Boden zu bekämpfen“, schreibt Defense Network; in vier Jahren werde das System auf den Markt kommen. Für die Zeit herrscht über Deutschland und Teilen Europas „Das fatale Loch im Himmel“ – das Iris-System könnte tatsächlich diese Lücke schließen. Anfang des vergangenen Jahres hatten die Analysten Sven Arnold und Torben Arnold Deutschlands Luftwaffe noch ein Armutszeugnis ausgestellt.
Unzureichend: Deutschlands Luftverteidigung reicht für eine Fläche von der Größe Berlins
Für große Reichweiten bis zu 100 Kilometern nutze die Bundeswehr das US-System Patriot mit seinen rund 70 Kilometern Reichweite, schrieben sie für die Stiftung Wissenschaft und Politik. „Technisch ist es auf einem modernen Stand, doch die Bundeswehr hat von den ehemals 36 Staffeln nur noch zwölf, von denen eine an die Ukraine geliefert werden soll. 1990 umfassten die Flugabwehrraketenverbände 10.970 Dienstposten, heute sind es nur noch rund 2.300. Damit hat sich der deutsche Beitrag für die gemeinsame Luftverteidigung Europas innerhalb der Nato stark verringert. Die deutschen Fähigkeiten könnten nur eine Fläche schützen, die in etwa so groß ist wie das Stadtgebiet Berlins.“
Meilenstein für den Schutz vor Angriffen von Drohnen und anderen Bedrohungen unserer Truppen aus der Luft. Gestern hat der Haushaltsausschuss grünes Licht für das zukünftige Luftverteidigungssystem Nah-/Nächstbereichsschutz gegeben. Bereits diesen Sommer wird die erste voll… pic.twitter.com/NASLPCSu65
Ende 2022 – auch als Antwort auf Wladimir Putins Krieg – hatte Deutschland die European Skyshield Initiative (ESSI) gegründet; der Kooperation gehören mehr als 20 Länder an, jüngste Mitglieder sind die Schweiz und Polen. Für mittlere Reichweiten sollen die deutschen Systeme Iris T-SLM und T-SLX das Rückgrat bilden. Für Diehl Defence ein kommendes Milliardengeschäft. Analysten sehen einen beginnenden Rüstungswettlauf, wie ihn die Menschheit seit den 1980er-Jahren nicht mehr erlebt hat: In Deutschland habe seit Beginn der russischen Invasion „lange das ,Verständnis‘ dafür gefehlt, ,dass ein langer Krieg am Ende über eine industrielle Basis entschieden werden könnte‘“, zitiert die Deutsche Welle den deutschen Verteidigungsexperten Nico Lange – und schlussfolgert: „Langfristig gewinne den Krieg, wer über mehr und vor allem bessere Waffen verfüge.“
Zukunftsweisend: Ukraine-Krieg zeigt „eine ganz andere Qualität von Angriff“
Iris T-SLM sei für den neuen alten Krieg entwickelt worden, erläutert Arne Nolte gegenüber dem Magazin Europäische Sicherheit & Technik: „Seit Verschärfung des Ukraine-Konfliktes denken wir wieder stark in den Dimensionen der Landes- und Bündnisverteidigung. Wir müssen davon ausgehen, dass das volle Spektrum an Luftangriffs- oder Luftkriegsmitteln gegen uns zum Einsatz gebracht wird“, sagt der Marketing-Verantwortliche von Diehl Defence. In der Vergangenheit waren Armeen hauptsächlich im Ausland auf Friedensmissionen eingesetzt und vornehmlich dem Beschuss durch Mörser ausgesetzt. Das habe sich jetzt grundlegend geändert, sagt er: „Nun müssen wir uns auf das volle, breite Spektrum einstellen, was ein vollwertiger Gegner auch koordiniert über Zeit und Raum kombiniert zum Einsatz bringen kann. Das ist eine ganz andere Qualität von Angriff, vor allem auch in der Quantität, also dem Versuch, einzelne Systeme in die Sättigung zu treiben.“
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine
Laut Unternehmensangaben haben sich jetzt vier Länder für den Kauf von Iris T-SLM entschieden: nach Deutschland, Estland und Lettland ist Slowenien die vierte ESSI-Nation, die auf das Diehl-System setzt. Im Januar hatte auch die Schweiz Interesse gezeigt. Helmut Rauch jedenfalls deutete gegenüber der Welt eine Auftrags-Explosion an: „Im vergangenen Jahr sei die Produktion bereits verdreifacht worden. In diesem Jahr sei eine weitere Verdoppelung geplant und 2025 dann nochmals eine Verdoppelung. 2026 könnten dann jährlich zehn komplette Feuereinheiten mit Fahrzeugen, Abschusseinrichtungen und Lenkwaffen aus den Produktionshallen rollen“, schreibt die Welt.
Die European Skyshield Initiative ist neben dem militärischen Wert eine Maßnahme, um die Leistungsfähigkeit der europäischen Rüstungsindustrie zu beweisen und Arbeitsplätze zu schaffen beziehungsweise zu erhalten, argumentieren Sven Arnold und Torben Arnold. Kurzfristige Kaufentscheidungen – beispielsweise für das us-amerikanische Patriot-System – könnten Geld für europäische Entwicklungen abziehen. „Daher muss der Mehrwert europäischer Produkte bewiesen werden. Sie werden nur dann gekauft, wenn sie konkurrenzfähig oder besser sind als vergleichbare nichteuropäische Systeme“, schreiben sie. Das macht den Ukraine-Krieg auch zum Werbefeldzug. (KaHin)