Golfreise

Erdogan nimmt Chef von Privat-Armee Sadat mit auf seine Golfreise

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Erdogan durchreist die Golfstaaten. Neben Ministern begleiten ihn Geschäftsleute, darunter auch der Chef der Privatarmee „Sadat“.

Dschidda – Seit gestern befindet sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf einer Golfreise. Zunächst hatte Erdogan Saudi-Arabien besucht und sich dort auch mit Kronprinz Muhammad bin Salman getroffen. Fünf Verträge wurden bei dem Treffen in den Bereichen Verteidigung, Energie, Direktinvestitionen und Kommunikation geschlossen.

Der türkische Präsident wurde bei seiner Reise neben einigen Ministern seiner Regierung auch vom Vorstandsvorsitzenden der umstrittenen Privatarmee „Sadat“, Melih Tanriverdi, begleitet. Tanriverdi hatte auf seinem Twitter-Profil mehrere Fotos seines Besuches in Saudi-Arabien gepostet.

Sadat bildet laut Oppositionsführer KilicdarogluTerroristen aus

Im vergangenen Jahr hatte Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu (CHP) sich aus protest vor die Zentrale der Sadat in Istanbul gestellt und dort eine Presseerklärung abgegeben. „Die Türkei wird niemals an paramilitärische Organisationen und Institutionen ausgeliefert werden“, sagte Kilicdaroglu damals. Erdogal ließ sich in der Vergangenheit immer wieder von der Sadat beraten.

„Zu den Zielen dieser Organisation gehört die Ausbildung in irregulärer Kriegsführung. Ich möchte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit darauf lenken, dass es eine Ausbildung in irregulärer Kriegsführung gibt. Das heißt, Sabotage, Überfälle, Hinterhalte, Zerstörung, Attentate und Tethiş“. Tethiş sei ein anderer Begriff für Terror. „Dies ist auch eine Organisation, die Terroristen ausbildet“, sagte der Oppositionsführer.

Erdogan hat zum Auftakt seiner Golfreise Saudi-Arabien besucht.

Erdogan hatte bislang Verbindungen zu Sadat geleugnet

Auf die Anschuldigungen von Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu hatte Erdogan seinen Kontrahenten bei einer Fraktionssitzung scharf angegriffen. „Obwohl ich nichts mit den Führungskräften der Sadat zu tun habe, sagt dieser Vorsitzende, dass es sich um eine Putschisten-Organisation handelt, die wir derzeit benutzen“. Sadat wird vor allem vorgeworfen, in Libyen und Syrien aktiv zu sein.

Saudi-Arabien will Drohnen von Türkei kaufen

Offenbar war auch der Chef des Drohnenherstellers Baykar, Haluk Bayraktar, bei dem Besuch in Saudi-Arabien dabei. Die Türkei hat mit dem arabischen Land einen Vertrag über den Verkauf von Drohnen abgeschlossen. Dazu sei der „größte Verteidigungs- und Luftfahrtexportvertrag in der Geschichte der Republik Türkei“ abgeschlossen worden, twitterte Bayraktar am Dienstag. Dazu zählten auch Aufklärungs- und Kampfdrohnen des Typs Akinci. Zum Umfang des Geschäfts wurden keine Angaben gemacht.

Kemal Kilicdaroglu: Die Geschichte von Erdogans Herausforderer

Kemal Kilicdaroglu führt seit 2010 die kemalistisch-sozialdemokratische CHP an.
Kemal Kilicdaroglu führt seit 2010 die kemalistisch-sozialdemokratische CHP an. Der heute 74 Jahre alte Finanzexperte sollte die Partei nach zwei herben Niederlagen gegen Recep Tayyip Erdogans AKP zu alter Stärke führen. Nun fordert er Erdogan als Präsidentschaftskandidat eines Bündnisses aus sechs Parteien heraus. Umfragen bescheinigen ihm gute Chancen, Erdogan tatsächlich an der Spitze des Staates abzulösen. © Adem Altan/afp
Seit 1974 ist Kemal Kilicdaroglu mit der Journalistin Selvi Kilicdaroglu verheiratet.
Geboren wurde Kemal Kilicdaroglu am 17. Dezember 1948 in Ballica, einem kleinen Dorf im Norden der Türkei. Seit 1974 ist er mit der Journalistin Selvi Kilicdaroglu verheiratet. Vor ihrer Ehe arbeitete sie an der Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Ankara. Das Paar hatte drei Kinder, von denen eines im Alter von drei Monaten verstarb. Selvi Kilicdaroglu stammt wie ihr Mann Kemal aus Ballica. © Republican People‘s Party (CHP) Press Service/afp
Kemal Kilicdaroglu kämpft gegen die Türkei
Nationale Berühmtheit erhielt Kemal Kilicdaroglu in der Türkei aufgrund seines Kampfes gegen Korruption. Dabei machte er auch vor Mitgliedern der Regierung nicht Halt. 2008 beschuldigte er Dengir Mir Mehmet Firat, den Stellvertreter Erdogan während eineer Debatte im türkischen Parlament. Mit dabei hatte Kilicdaroglu Dokumente, die die Verwicklungen beweisen sollten. © Adem Altan/afp
Gemeinsam mit seiner Anhängerschaft feiert Kilicdaroglu den Erfolg der CHP in Ankara.
Im Jahr 2011 trat die CHP erstmals unter ihrem neuen Vorsitzenden Kemal Kilicdaroglu bei den Parlamentswahlen in der Türkei an - und feierte einen ersten Erfolg. Die Partei gewann mehr als fünf Prozent dazu und sicherte sich ihren Platz als größte Oppositionspartei hinter Erdogans regierender AKP. Gemeinsam mit seiner Anhängerschaft feierte Kilicdaroglu den Erfolg in Ankara. © Adem Altan/afp
Erdogan und Kilicdaroglu bei einer Beerdigung
Recep Tayyip Erdogan versuchte seinen Herausforderer Kemal Kilicdaroglu immer wieder in die Nähe zur Terrororganisation PKK zu rücken. Doch Kilicdaroglu ging immer wieder auf Distanz zu der kurdischen Organisation, die er ebenfalls als „Terroristen“ bezeichnete. 2017 besuchte er an der Seite von Erdogan die Beerdigung eines türkischen Soldaten, der in Kämpfen mit der PKK getötet worden war. © Adem Altan/afp
Putschversuch in der Türkei 2016
Am 16. Juli wurde die Türkei von einem Militärputsch erschüttert. Die aufgebrachten Bürger stellten sich den Soldaten in zahlreichen Städten entgegen. Die Welt blickte auch auf Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu. Der stellte sich trotz aller Differenzen hinter Recep Tayyip Erdogan. Der Präsident entkam den Putschisten und der Umsturzversuch wurde schließlich abgewendet. © Adem Altan/afp
Kemal Kilicdaroglu entkommt Anschlag auf Konvoi
Auch Kemal Kilicdaroglu musste in seiner politischen Karriere bereits um sein Leben fürchten. Im Jahr 2016 wurde sein Fahrzeugkonvoi in der Region Artvin von militanten Kurden attackiert. Ein türkischer Soldat wurde getötet, zwei weitere verletzt. Kilicdaroglu konnte unverletzt entkommen. Der Anschlag wurde später mit der PKK in Verbindung gebracht und sorgte für Schockwellen in der türkischen Politik. © Republican People‘s Party (CHP) Press Service/afp
Kemal Kilicdaroglu beim Marsch für Gerechtigkeit in Istanbul
Nach dem Putschversuch und dem PKK-Anschlag bemühte sich Recep Tayyip Erdogan, die Türkei zu einem autoritären Staat umzubauen. Er führte das Präsidialsystem ein, beschränkte die Pressefreiheit und ging gegen zahlreiche Politiker der Opposition vor. Gemeinsam mit seinen Anhängern demonstrierte Kilicdaroglu 2017 mit einem „Marsch für die Gerechtigkeit“ von Ankara bis Istanbul gegen die Verhaftung eines CHP-Abgeordneten. © Ozan Kose/afp
Kemal Kilicdaroglu wird auf einer Beerdigung attackiert
Im Jahr 2019 kommt es erneut zu einem Angriff auf Kemal Kilicdaroglu. Diesmal wird der Oppositionspolitiker auf einer Beerdigung eines Soldaten in Ankara attackiert. Kilicdaroglu erlitt leichte Verletzungen und musste in einem nahe gelegenen Gebäude in Sicherheit gebracht werden. Der Angreifer entpuppte sich im Nachgang als Mitglied der regierenden AKP. © Harun Ozalp/afp
Wahl in der Türkei
Doch Kemal Kilicdaroglu ließ sich nicht von seinem Kurs abbringen. Im Jahr 2023 stehen seine Chancen, Recep Tayyip Erdogan abzulösen, besser als je zuvor. In Umfragen liegt er vor seinem Amtsinhaber. Die CHP könnte nach mehr als 20 Jahren wieder die Regierung in der Türkei stellen. Doch die Entscheidung darüber könnte auch erst am 28. Mai stehen - sollte keiner der Kandidaten eine absolute Mehrheit erhalten, kommt es dann zur Stichwahl. © Ozan Kose/afp

Miese Wirtschaftslage: Türkei braucht dringend Geld

Hauptgrund für die Reise in die Golfstaaten ist vor allem die angeschlagene Wirtschaft in der Türkei. Das Land braucht dringend frisches Kapital. Die Türkische Lira (TL) befindet sich seit längerem im freien Fall. Inzwischen kostet der US-Dollar knapp 27 TL und der Euro sogar über 30 TL. Erdogan hatte nach der Türkei-Wahl den ehemaligen US-Banker Mehmet Simsek erneut zum Finanzminister erklärt und als Notenbankchefin die US-Bankerin Hafize Gaye Erkan einberufen. Dennoch konnte die hohe Inflation von 38 Prozent offiziell, nach unabhängigen Wirtschaftsforschern wie der Ena Grup sogar über 108 Prozent, nichts an den miesen Wirtschaftszahlen ändern. (erpe)

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