„Symbolischer Pfad der Abschreckung“

Migration: SPD-Politiker wirft Dobrindt Rechtspopulismus vor – „brandgefährliches“ Vorgehen

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Das EuGH-Urteil zu sicheren Herkunftsstaaten betrifft auch Deutschlands Migrations-Politik. SPD-Politiker Aziz Bozkurt fordert die Regierung zum Handeln auf.

Luxemburg/Berlin – Seit Amtsbeginn verschärft die schwarz-rote Bundesregierung den deutschen Migrationskurs – federführend: Innenminister Alexander Dobrindt. Einen Dämpfer – nicht zuletzt für Dobrindts Migrationspläne – dürfte ein neues Urteil des Gerichtshofes der Europäischen Union (EuGH) darstellen. Am Freitag (1. August) erhöhte der EuGH mit seinem Urteil die Hürden für die Festlegung sicherer Herkunftsstaaten für beschleunigte Asylverfahren.

SPD-Politiker kritisiert Dobrindts Migrations-Politik: „Das ist rechtspopulistisch“

Geht es nach Innenminister Alexander Dobrindt, sollten Staaten per Rechtsverordnung als sogenannte sichere Herkunftsländer eingestuft werden. Bei diesem Vorhaben müsste die Bundesregierung nun nachbessern, glauben nicht nur Migrationsexperten – auch der Bundesvorsitzende der AG Migration und Vielfalt der SPD, Aziz Bozkurt, spricht sich dafür aus. Den Migrationskurs des Innenministers kritisiert der SPD-Politiker scharf.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

„Bei Dobrindt kann man klar sagen, das sind nicht nur rechtspopulistische Tendenzen, das ist rechtspopulistisch“, erklärt der SPD-Politiker im Gespräch mit unserer Redaktion. Das, was man aus dem Ausland bereits kenne, vollziehe der Innenminister nun in Deutschland: „Das ist auch eine Gefahr für unseren Rechtsstaat: Wenn man ihn an einer Stelle aushöhlt, dann hat man ihn komplett ausgehöhlt.“

Dem Innenminister wirft er eine Vorgehensweise vor, die man sonst von Rechtspopulisten kenne: „Gerichtsurteile ignorieren und erstmal ihr Ding durchziehen, um zu gucken, wie weit man gehen kann.“ Dobrindts Vorgehen sei vor diesem Hintergrund „brandgefährlich“. Was das Gesetzesvorhaben der Regierung zur Erweiterung der Liste sicherer Drittstaaten angeht, erklärt der SPD-Politiker: „Das Gesetzesvorhaben, wie es geplant ist, das sollte man nochmal überprüfen, nochmal bremsen und dann auch auf jeden Fall anpassen, weil das Asylrecht entschieden beschnitten wird.“

Der Bundesvorsitzende der AG Migration und Vielfalt der SPD, Aziz Bozkurt, wirft Innenminister Alexander Dobrindt Rechtspopulismus vor. (Symbolbild)

Migration: EuGH zieht Grenzen für Listen sicherer Herkunftsländer

In dem EuGH-Prozess ging es darum, unter welchen Voraussetzungen EU-Mitgliedstaaten Länder als sogenannte sichere Herkunftsländer einstufen dürfen. Das Gericht hat nun geklärt: Mitgliedsstaaten können eine solche Einstufung selbst treffen, sie müssen aber die Quellen für ihre Einschätzung offenlegen – damit diese gerichtlich überprüfbar ist. Außerdem entschieden die Richterinnen und Richter, dass – zumindest bis zum Inkrafttreten einer neuen EU-Asylregelung – ein Land kein „sicherer“ Herkunftsstaat sei, wenn bestimmte Personengruppen dort nicht sicher sind.

Auch Deutschland hat eine Liste sicherer Herkunftsstaaten. Sie umfasst neben den EU-Mitgliedstaaten die Westbalkanländer sowie Georgien, Ghana, Moldau und den Senegal. Kurz vor der Sommerpause hatte der Bundestag erstmals die Möglichkeit beraten, Staaten per Rechtsverordnung als sogenannte sichere Herkunftsländer einzustufen. Das bedeutet, dass der Bundesrat dem dann nicht zustimmen müsste.

Nach EuGH-Urteil: Migrationsexperte sieht Nachbesserungs-Bedarf bei Vorhaben der Regierung

Mit Blick auf das Vorhaben und das EuGH-Urteil sieht auch Migrationsexperte Constantin Hruschka Nachbesserungsbedarf. Bei der Rechtsverordnung habe man ohnehin ein verfassungsrechtliches Problem, erklärt der Professor für Sozialrecht an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Das Grundgesetz gebe klar vor, dass sichere Herkunftsstaaten nur vom Gesetzgeber definiert werden dürfen.

Das EuGH-Urteil gehe nun in dieselbe Richtung: „Nämlich, dass ich einen Gesetzgebungsakt braucht.“ Bei dem Vorhaben, so der Migrationsexperte, müsse die Regierung nun nachbessern. Darüber hinaus müsse man sich den Status Quo anschauen: Die Länder, die aktuell auf der Liste stehen. „Und auch ein Land wie Senegal, wo Homosexuelle verfolgt werden, müsste eigentlich von der Liste runter.“

Die Regierung müsse zum einen die „Bestimmung neuer, sicherer Herkunftsländer auf eine Basis stellen, wo die Kriterien ganz klar benannt sind“. Zum anderen brauche es eine weitergehende Analyse, „was das für sichere Herkunftsländer ab dem nächsten Jahr bedeutet“. Dabei bezieht sich der Rechtswissenschaftler auf die große EU-Asylrechtsreform, die ab Juni 2026 gilt. 

Bestimmung sicherer Herkunftsstaaten: Migrationsexperte warnt vor „Prekarisierung in Deutschland“

Allgemein, erklärt der Migrationsexperte, bringe die Bestimmung sicherer Herkunftsstaaten nur dann etwas, „wenn ich mit diesen Staaten auch so diplomatische Beziehungen habe, dass ich in diese Staaten dann auch Rückführungen wirklich realisieren kann“. Darüber hinaus führe die Bestimmung „nur zu Prekarisierung in Deutschland und zu Problemen für die Behörden: wenn die Personen dann nicht arbeiten dürfen, wenn die Personen weniger Leistungen bekommen“. Zudem, warnt der Migrationsexperte: „Es führt zu schwierigen Umsetzungsprozessen, weil man genau schauen muss, wer bekommt welche Leistungen, wann, wie lange. Das ist alles sehr ressourcenintensiv.“

Das für das Thema zuständige Bundesinnenministerium sagte zunächst nichts zu konkreten Auswirkungen des EuGH-Urteils für Deutschland. Man werde die Entscheidung des EuGH auswerten, teilte ein Sprecher laut Bericht der Deutschen Presse-Agentur mit.

Migration: SPD-Politiker fordert Merz-Regierung zu Rückkehr von „Pfad der Abschreckung“ auf

In dem Urteil des EuGH sieht der Bundesvorsitzende der AG Migration und Vielfalt der SPD ein positives Zeichen: „Es ist erstmal gut, dass der EuGH einen Riegel vorschiebt, dass man Länder einfach mit fadenscheinigen oder nicht allumfassend transparent gemachten Gründen als sichere Herkunftsländer definiert.“

Was den Migrationskurs der Regierung angeht, äußert sich Bozkurt auch zur Rolle seiner eigenen Partei: „In der Ressortzuständigkeit gibt es da natürlich Grenzen, aber die SPD hat natürlich jetzt die Verantwortung, an der Stelle auch mal dagegen zu wirken.“ Im Gespräch verweist der Sozialdemokrat dabei auf Beschlüsse des SPD-Parteitags: „Ehrlicherweise ist die Aktion in die Richtung, die sichtbar sein könnte, gleich null.“ Jeder der Regierungspartner trage Verantwortung: „Und gerade wirkt das so, als könnte Dobrindt tun, was er will. Das ist bei weitem nicht okay.“ Von der Bundesregierung fordert Bozkurt, „von dem symbolischen Pfad der Abschreckung“ zurückzukehren – „auf eine rechtsstaatliche Basis“. (pav)

Rubriklistenbild: © IMAGO / dts Nachrichtenagentur, IMAGO / Bernd Elmenthaler

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