VonChristoph Gschoßmannschließen
Donald Trump und Adolf Hitler: zwei polarisierende Namen der Weltgeschichte. Der berühmte Psychoanalytiker Otto Kernberg hat sie beide erlebt.
Frankfurt – Was einst Sigmund Freud war, ist Otto Kernberg heute: der wohl bekannteste Psychoanalytiker der Gegenwart. Der 95-Jährige floh vor den Nazis und studierte Diktatoren wie Adolf Hitler und Josef Stalin. Mittlerweile lebt er in den USA, wo die vermutlich größte Gefahr für die Demokratie in Donald Trumps möglicher Wiederwahl schlummert. Kernberg kommt in einem Interview mit dem Spiegel nicht umhin, Parallelen zwischen dem Aufstieg Trumps und dem Hitlers zu sehen – und auch in deren Persönlichkeiten.
Psychoanalytiker Kernberg vergleicht Situation um Trump und Hitler: „Ähnlich“
Dass Trump überhaupt einmal zum Präsidenten wurde, sei „beängstigend“, so Kernberg. Nach dem Sieg über den Nationalsozialismus habe er gedacht: „Jetzt kommt das Zeitalter der Demokratie. Ich habe die Vereinigten Staaten immer als einen Ort der Freiheit empfunden. Es ist eine große Enttäuschung für mich, was dort gerade passiert.“ Trump will noch einmal Präsident werden.
Eine Ferndiagnose von Trump verbietet sich für Kernberg. Er sagt, er wolle „ganz klarmachen“, dass er Trump nicht die klinische Diagnose „bösartige narzisstische Persönlichkeit“ verpasse, weil er diesen nicht selbst untersuchen konnte. Deshalb wisse er nicht, „ob Trump in seinem Privatleben ganz anders ist.“ Trotzdem entspreche „sein politisches Verhalten eben diesen pathologischen Zügen“, weswegen es berechtigt erscheine, „von einer politischen, bösartigen, narzisstischen Struktur zu sprechen.“ Diese Art Persönlichkeiten gebe es aber auch in anderen Ländern.
Vergleichbar sei auch die Situation des Nazi-Aufstiegs und dem Trumps: Sie sei „ähnlich“. Kernberg erklärte im Gespräch mit dem Spiegel, es habe zu Beginn der Nazibewegung auch anderswo Anführer „extremer nationalistischer Gruppen“ gegeben. Mehr als das Problem einer einzelnen Persönlichkeit wie Trump interessiere ihn, wie man die Möglichkeit der Ansteckung von größeren Bevölkerungsgruppen diagnostizieren und verhindern könne.
Kernberg: „Durch die Identifikation mit einem Anführer fühlt man sich großartig“
Kernberg beruft sich auf Freud, der zu seiner Geburt 1928 in Wien dort noch diagnostizierte. Sein Kollege habe „gezeigt, dass man sich durch die Identifikation mit einem Anführer großartig fühlt – und frei darin, seinen Aggressionen freien Lauf zu lassen. Und, dass sich in solchen Großgruppen die Intelligenz des Einzelnen reduziert.“
Für ihn sei klar, dass die demokratischen Institutionen verteidigt werden müssten, ebenso wie das Recht der freien, unabhängigen Wahl und die Unparteilichkeit der Richter. Außerdem müssten bereits Jugendliche lernen, „welche Gefahren von der Verführbarkeit großer Gruppen ausgeht“. Trotz der populistischen Tendenzen aber hofft Kernberg aber auf eine Niederlage Trumps, und dass „das demokratische System diesen erneuten Angriff übersteht.“
Trump-Hitler-Vergleiche zuletzt schon Gegenstand von Rechtsfällen
Trump-Hitler-Vergleiche sorgten bereits kürzlich für Aufsehen und einen Rechtsfall in den USA: Ein Bundesrichter wies die Klage des Republikaners gegen den Sender CNN ab, in der Trump behauptete, man habe ihn im Zusammenhang mit der Berichterstattung über seine Bemühungen, die Wahl 2020 zu manipulieren, mit Hitler verglichen. Selbiges passierte jüngst auch Hubert Aiwanger. (cgsc)
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