Rückzug aus Syrien: Russland verlegt Militär in neues Mittelmeer-Land
VonJan-Frederik Wendt
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Es sieht so aus, als würde Russland seine Streitkräfte aus Syrien in ein benachbartes Land verlegen, um seinen Mittelmeer-Zugang nicht zu verlieren.
Moskau – Nach dem Sturz des Ex-Diktators Baschar al-Assad und der Machtübernahme der HTS-Rebellen um Abu Mohammed al-Dscholani bleibt unklar, ob Russland seine zwei Militärstützpunkte in Syrien behalten wird. Das schreibt die Moscow Times. In den vergangenen Tagen berichteten internationale Medien, dass der russische Präsident Wladimir Putin seine Streitkräfte wohl weiterhin in Syrien behalten könnte. Diese Behauptung könnte sich nun als Kreml-Propaganda erweisen.
Denn: Satellitenbilder zeigen, wie sich russische Militärtransporte innerhalb Syriens bewegen, berichtet unter anderem die Tagesschau. Russland ziehe wohl Fahrzeuge und Luftabwehrsystems aus anderen syrischen Gebieten auf dem Luftwaffenstützpunkt Hmeimim zusammen. Ob die Transporter und Waffen das Land verlassen werden, ist zurzeit unklar.
Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels
Bereits die Sowjetunion nutzte Tartus als Marinestandort. Putins Armee unterstütze den mittlerweile nach Moskau geflohenen Assad – der sich nun erstmals zu Wort meldete - im Bürgerkrieg in Syrien. Der Hafen ist der einzige direkte Mittelmeer-Zugang für Moskau. Falls der Kreml den Standort verlieren würde, wäre das ein großer geopolitischer Rückschlag für Russland – auch für die Aktivitäten in Afrika.
Vor Kurzem hatte Peskow davon gesprochen, dass es eine Weile dauern werde, bis die Instabilität in Syrien vorüber sei. Erst dann seien ernsthafte Gespräche mit den neuen Machthabern möglich. Zur Frage der Militärstützpunkte hatte Peskow erklärt, dass es „keine endgültigen Entscheidungen in dieser Angelegenheit“ gebe. Die russische Führung stehe in Kontakt mit „Vertretern jener Kräfte, die derzeit die Lage im Land kontrollieren“ – und: „All das“ werde „im Rahmen des Dialogs geklärt“, so Kreml-Sprecher.
Sprecher in Syrien: Russland sollte seine Präsenz und Interessen überdenken
Nun hätten russische Diplomaten der Moscow Times erklärt, dass ein vollständiger Abzug Russlands aus Syrien – einschließlich der Militärstützpunkte - wahrscheinlich sei.
„Wir fühlen uns nicht unsicher und hoffen auf freundschaftliche Beziehungen mit der neuen Regierung, sobald sie eine rechtmäßige Regierung ist“, sagte ein Vertreter des russischen Militärs in Hmeimim in einem Guardian-Interview.
Die neuen starken Kräfte in Syrien scheinen Russland sehr kritisch gegenüberzustehen. Sie haben nicht vergessen, wie rücksichtslos vor allem Putins Luftwaffe politische Gegner und die syrische Zivilbevölkerung bombardiert hatte, um Assad an der Macht zu halten. Der Sprecher der syrischen Übergangsregierung, Obeida Arnaout, sagte:
Ich denke, dass Russland seine Präsenz auf syrischem Territorium und seine Interessen überdenken sollte. Seine Interessen waren mit dem kriminellen Assad-Regime verbunden.
Russland verlegt seine Streitkräfte offenbar nach Libyen
Aber: Offenbar will Russland seine Ambitionen im Mittelmeer nicht aufgeben. Putins Streitkräfte verlegen Truppen von Syrien nach Lybien, berichtet CNN – unter Berufung auf anonyme US-amerikanische Beamte. Russland betrachte den Seehafen von Benghazi als Alternative zum syrischen Marinestützpunkt Tartus und den libyschen Luftwaffenstützpunkt Al Khadim als Ersatz für Hmeimim.
Putin versucht den Befehlshaber der libyschen Armee, Khalifa Haftar, unter Druck zu setzen. Haftar ist der starke Mann im Osten Libyens. Im Westen regiert Premierminister Abdul Hamid Dbeiba. Der Kreml hat Haftar mehrmals unterstützt – insbesondere mit Waffen und Söldnern, schreibt Defense Express. (Jan-Frederik Wendt)