Gegenoffensive

Russen lassen sich von Ukraine-Krieg nicht abschrecken – Tausende zum Urlaub auf der Krim

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Urlauber im Juli 2023 auf der Halbinsel Krim.
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Mitten im Ukraine-Krieg bleibt die umkämpfte Halbinsel Krim ein beliebtes Urlaubsziel. 50.000 russische Touristen kamen im Juli – auf teils abenteuerlichen Routen.

Sewastopol – Ukraine verteidigt sich seit knapp 18 Monaten gegen den russischen Angriffskrieg, wobei die völkerrechtswidrig besetzte Halbinsel Krim dabei immer wieder im Fokus steht. Russische Bürger strömen dennoch in Massen auf die Insel, um dort Urlaub zu machen. Die Gefahr ist größer als viele Reisende offenbar vermuten.

Tausende Russen zum Urlaub auf der Krim: Das sind die Hintergründe

Schon im Sommer vergangenen Jahres hatte Kiew die russischen Reisenden vor einem „unangenehm heißen Sommerurlaub“ auf der Krim gewarnt. Lange konnte die Ukraine die Halbinsel nur mit Drohnen erreichen. Seitdem Kiew aber über die reichweitenstarken Storm Shadow und Scalp/EG verfügt, rückte die Schwarzmeerinsel in greifbare Nähe. Die Krim-Brücken waren zuletzt wiederholt ein Angriffsziel der Ukraine. Und erst am Samstagmorgen meldete das russische Verteidigungsministerium, einen weiteren ukrainischen Raketenangriff auf die Halbinsel vereitelt zu haben.

Tausende russische Touristen lassen sich von all dem nicht beirren und treten mitten im Ukraine-Krieg weiterhin routiniert ihren Sommerurlaub auf die Insel an. Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Nowosti zufolge waren im Juli 50.000 Touristen auf der Krim. Flugverbindungen sind eingestellt, die meisten Urlauber reisen im Auto an und nehmen dafür auch teilweise lange Staus in Kauf. Aus der Ferne wirkt es befremdlich, in einem umkämpften Gebiet Urlaub zu machen. Umso interessanter sind die Beweggründe der Russen und Russinnen, die weiterhin auf die Krim reisen.

Urlauber auf der von Russland völkerrechtswidrig besetzten Halbinsel Krim im Juli 2023

Krim-Urlauber berichten über ihre Reise-Motivation: „Nicht ein einziges Mal gedacht, Urlaub abzusagen“

„Meine Frau und ich haben über ein Jahr unsere Krim-Reise mit unseren beiden Töchtern, 3 und 14 Jahre, geplant. Wir haben nicht ein einziges Mal daran gedacht, den Urlaub abzusagen“, sagte ein 38-jähriger Werkzeugmaschinenarbeiter dem Nachrichtenmagazin Spiegel, das auf der Krim Touristen zu ihrer Reise befragte. Viele Menschen hätten nicht mit einem westlichen Medium reden wollen und jene, die sich doch äußerten, wollten ihren vollen Namen nicht preisgeben, berichtete das Magazin. Entsprechend spiegeln die Äußerungen keinen Querschnitt der russischen Gesellschaft wider, sondern vermitteln nur Eindrücke.

Der 38-Jährige und seine Familie seien fünf Tage angereist und hätten erst auf der Fahrt erfahren, dass die Krim-Brücke angegriffen worden war. Es habe eine „Übung“ gegeben, habe es geheißen. Auf der Halbinsel angekommen habe er Probleme mit der Benzinversorgung bemerkt und die Straßen seien nicht überall gut gewesen. „Die Krim-Bewohner sagen, dass es weniger Touristen gebe als früher“, so der Mann weiter. „Für mich und viele andere war die Krim immer Russland, ich habe meine Kindheit hier verbracht, meine Eltern, meine Großmutter leben auf der Halbinsel. Niemand hasst die Ukrainer. Wir wollen doch alle Frieden“, ergänzte ein anderer Mann im Gespräch mit dem Spiegel und fügte hinzu: „Es ist traurig, wie viele junge Menschen schon gestorben sind.“

Reisende aus Jekaterinburg: „Menschen reden darüber, wo sie tanzen gehen wollen“

Als im Juli die Krim-Brücke getroffen und im Anschluss zeitweise gesperrt wurde, bildete sich ein langer Stau. Wer auf der Heimreise sei, könne eine alternative Route nehmen, schlugen die russischen Behörden deshalb vor. Die Alternativroute verlief allerdings teilweise in umkämpften Gebiet. Das Transportministerium der Krim hatte zur alternativen Reiseroute unter anderem geraten, Platz für Armeefahrzeuge und Kolonnen zu machen.

Eine 47-jährige Frau aus Jekaterinburg war eine der Touristen, die über diese Route anreiste, die „überhaupt nicht beängstigend“ war, wie sie sagte. „In Mariupol sieht man zerstörte Gebäude, aber es wird alles wieder aufgebaut. Die Straßen sind fast fertig, der Bau von Wohnungen geht voran“, so die Russin. Über die Region Saporischschja sagte sie, sie habe gesehen, dass die Leute zufrieden sind, dass sie russische Pässe bekommen haben, dass Renten und Löhne gestiegen seien. „Niemand will zurück in die Ukraine.“

Sie sei elf Tage auf der Halbinsel im Urlaub gewesen, über Sicherheit spräche man nirgends. „Die Menschen reden lieber darüber, welche Ausflüge sie machen, wo sie tanzen gehen und welche Cocktails sie trinken wollen“, sagte sie laut Informationen des Spiegels. Ein anderer Mann berichtete hingegen davon, dass Menschen mit Kindern nicht über die Krimbrücke fahren wollten. Das Risiko einer möglichen Explosion sei zu groß, so der 39-Jährige.

Diese Unsicherheiten schlugen sich am Ende offenbar doch in Zahlen nieder: In der zweiten Juli-Hälfte ging die Zahl der russischen Touristen auf der Krim drastisch zurück, wie Radio Free Europe/Radio Liberty berichtete. Im Vergleich zu den ersten beiden Juli-Wochen sanken die Hotelbuchungen um 45 Prozent.

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