„Russische Kampagne“: Neuer Eklat in Litauen – „Rhythmologe“ wird Vize-Minister
VonFlorian Naumann
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Das Kulturministerium ist ein Zankapfel in Litauen. Ein neuer Vize-Ressortchef hat Verbindungen zu einer skurrilen Lehre. Es toben Deutungskämpfe.
Litauen und seine sozialdemokratisch-rechtspopulistisch geführte Regierung kommen nicht zur Ruhe: Seit Wochen sorgt die erneute Regierungsbeteiligung der scharf rechten Nemuno Aušra (NA) für Proteste – vor allem aber ein Streit um das Kulturministerium. Seit der NA-Vertreter Ignotas Adomavičius Anfang Oktober nach mehreren Eklats in Sachen Ukraine-Politik zurücktrat, ist der Ministerposten unbesetzt. Nun gibt es zumindest neue Vizeminister. Und in einem Fall direkt Sorge über Russlandverbindungen.
Die kommissarische Ressortchefin, Bildungsministerin Raminta Popovienė, ernannte am Dienstag (4. November) drei Stellvertretende Kulturminister. Einer von ihnen, der parteilose Aleksandras Brokas, gehört zwar nicht NA an, erregte aber dennoch medialen Argwohn. Denn Brokas ist nicht nur preisgekrönter Filmregisseur – sondern verdingte sich auch auf dem Gebiet der „Rhythmologie“. Die gelte „als Pseudowissenschaft und wird mit einer Sekte in Russland in Verbindung gebracht“, schreibt der öffentlich-rechtliche Senders LRT auf seiner Webseite. Der neue Vizeminister sieht die Lage allerdings ganz anders.
Regisseur und „Rhythmologe“ nach Lehre aus Russland – Wirbel um neuen Vize-Kulturminister
Unstrittig ist, dass die „Rhythmologie“ ihre Wurzeln in Russland hat. Begründet hat die Lehre die russische Schriftstellerin Jewdokia Lutschezarnowa, teils auch Martschenko genannt. Medienberichte beschreiben die Lehren Lutschezarnowas tatsächlich als „okkult“, ihr Institut „Radasteja“ als „Sekte“ – sie selbst behauptet etwa, durch die Zeit reisen zu können. Brokas hat unter anderem im Jahr 2016 einen Vortrag zum Thema „Rhythmologie“ gehalten, wie er selbst einräumte. Das alleine könnte in der Biografie eines Ministers als problematisch empfunden werden. Unklarer scheint allerdings, was das über mögliche Verbindungen Brokas‘ in Russlands Staatsapparat aussagt: Als Quelle für die Vorwürfe gegen Lutschezarnowa nutzen litauische Medien unter anderem einen mehrere Jahre alten Bericht des in Gazprom-Besitz befindlichen russischen TV-Senders NTW.
Brokas verteidigte sich am Mittwoch. „Was mich faszinierte, war nicht die sogenannte ‚Methode‘, sondern die Persönlichkeit der Schriftstellerin Jewdokia Lutschezarnowa“, schrieb der neue Vizeminister auf Facebook. Die stamme „aus dem russischen militärisch-industriellen Komplex“ und sei später zu einer Künstlerin geworden, die sich „mutig für die Freiheit des menschlichen Bewusstseins, für Verantwortung und für den Frieden in der Welt einsetzte“. Gerade deswegen werde Lutschezarnowa in Russland „systematisch diskreditiert“.
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Das Portal 15min.lt hob hingegen hervor, Lutschezarnowa genieße „offensichtlich hohes Ansehen bei den russischen Behörden“. Einer Online-Biografie zufolge sei sie nicht nur Mitglied des Russischen Schriftstellerverbandes – in Russland grassiert auch in der Literatur die Zensur – und des St. Petersburger Wissenschaftlerverbandes. Sondern auch Vollmitglied der Akademie für Sicherheit, Verteidigung und öffentliche Ordnung. Als Beleg verlinkte 15min.lt eine Webarchivierung aus dem Jahr 2021; also zumindest aus einer Zeit vor Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine.
In seiner Reaktion auf den Wirbel bemühte sich Brokas, den Spieß umzudrehen. Er appelliere an alle, „Desinformationen, die von russischen Diensten verbreitet werden, kritisch zu hinterfragen und verantwortungsvoll damit umzugehen“, sagte er. Mit anderen Worten: Brokas sieht sich selbst als Opfer einer russischen Kampagne. Der Kampf gegen Desinformation gehört auch zum Aufgabengebiet des Kulturministeriums. In Brokas‘ Tätigkeitsfeld soll sie nach offiziellen Angaben aber nicht fallen – dafür soll sich der Anhänger der selbsternannten Zeitreisenden unter anderem um die „Interpretation kultureller und historischer Ereignisse“ kümmern.
Russland entzweit Litauen – Regierungschefin überrascht über Vizeminister-Biografie
Regierungschefin Inga Ruginienė betonte laut diena.lt, eine behördliche Überprüfung habe nichts „sehr Schlimmes“ über Brokas zu Tage gebracht. Von einer Verbindung zur „Rhythmologie“ und ihrer Gründerin habe sie zuvor nichts gehört. Gleichwohl sei es noch zu früh für eine Beurteilung, ob Brokas auch mit Verschlusssachen arbeiten dürfe. Voraussetzung dafür ist ein positives Urteil des Sonderermittlungsdienstes STT. Zuletzt hatte Ruginienė ihre Verteidigungsministerin verloren – in einem Streit um das Verteidigungsbudget, in dessen Zuge Vorwürfe russischer „Sabotage“ aufkamen. NA hatte sich für einen verkleinerten Verteidigungshaushalt ausgesprochen und sich skeptisch etwa über die Rolle der ukrainischen Flagge in Litauens Straßenbild geäußert.
Die Frage möglicher Verbindungen nach Russland schlägt immer wieder hohe Wellen in den politischen Debatten Litauens. Das Land hat Grenzen zu Belarus und zur russischen Exklave Kaliningrad. Mehrfach meldete Litauen Überflüge russischer Kampfjets, zuletzt führten aus Belarus einfliegende Ballons zu Flughafensperrungen. 15min.lt zitierte einen russischen Experten mit der Einschätzung, Lutschezarnowas „Radasteja“ strebe in Russland wie im Ausland nach politischer Macht. „Es überrascht mich überhaupt nicht, dass Politiker im Bekanntenkreis dieser Bewegung in Litauen aufgetaucht sind“, sagte Dmitry Sawin dem Portal. Informationen zu Sawin lassen sich im deutsch- und englischsprachigen Netz nicht finden. (Quellen: Kulturministerium Litauen, LRT, 15min.lt, diena.lt)(fn)