Informationskrieg

Russischer „Metallschrott“ explodiert: Putins Verluste im Video

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Ein ukrainischer Soldat untersucht ein russisches Panzerwrack – ein Motiv zum „Liken“ noch „Sharen“: Die Ukraine befeuert die Sozialen Medien vor allem mit Videos von vermeintlichen Erfolgen gegen russische Einrichtungen oder Panzer. Die Absender suchen damit nach Solidaritätsbekundungen der Nutzer (Symbolfoto).
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Neue Aufnahmen auf Social Media: Die Ukraine versucht, die Unterstützung im eigenen Land zu stärken – Psychologen sagen, es wirkt. Dennoch fehlen Truppen.

Kiew – „Gegen moderne Technologie hat alter russischer Metallschrott keine Chance“, schreibt das ukrainische Verteidigungsministerium in einem aktuellen Beitrag auf X. Darunter ein Video – 57 Sekunden pfeilschnelle Kamerafahrten auf undefinierbare Fahrzeuge. Explosionen, Rauch, Schnitt, nächste rasante Kamerafahrt „Nirgendwo ist das digitale Schlachtfeld so präsent wie im Informationskrieg“, schreibt Magdalene Karalis. Die Ukraine füttert die sozialen Medien mit Bildern auch des kleinsten Erfolgs gegen die Invasionstruppen Wladimir Putins. Dort ja ein Erfolg der Ukraine den nächsten – anders als in der realen Welt, wie die Autorin des Georgetown Journal of International Affairs nahelegt.

Ukrainische Drohnenpiloten griffen „die meisten oder alle russischen Panzerfahrzeuge drei bis sechs Kilometer von der Front entfernt an“, schreibt The New Voice of Ukraine unter Bezug auf einen russischen Militärblogger – das seien offenbar Sektoren, „in denen mindestens zwei ukrainische Kompanien für FPV-Angriffsdrohnen (First-Person-View) und zwei ukrainische Kompanien für Aufklärungsdrohnen stationiert sind“, ergänzt das Magazin. Bereits Mitte Januar hatte der Thinktank Institute for the Study of War (ISW) festgehalten, dass die ukrainischen Drohnen die Panzerverbände Russlands effektiv ausgedünnt und von der Front zurückgedrängt hätten.

Selenskyjs Trumpf: Beiträge, die die nationale und kulturelle Einheit seines angegriffenen Landes feiern

In den Videos sind offenbar auch hauptsächlich einzeln fahrende Fahrzeuge zu sehen, möglicherweise kann sich die Invasionsarmee unter den herrschenden Gefechtsfeldbedingungen auch keine Massierung von Fahrzeugen mehr erlauben. Was wiederum der Ukraine ermöglicht, einfacher zu Erfolgen zu kommen und diesen in sozialen Netzwerken einen größeren Wert beizumessen, als sie den strategisch wirklich haben. Wie Psychologen an der britischen Cambridge University herausgefunden haben wollen, förderten Beiträge, die die nationale und kulturelle Einheit eines angegriffenen Landes feierten, das Online-Engagement deutlicher als abfällige Beiträge über die Aggressoren. Die Forscher haben ihre Ergebnisse anhand von Umfragen Ende vergangenen Jahres veröffentlicht.

„Emotionen, die an die Gruppenidentität appellieren, können Menschen stärken und die Moral heben. Diese Emotionen können in Zeiten aktiver Bedrohung ansteckender sein und zu größerem Engagement führen – wenn die Motivation, sich für die eigene Gruppe vorteilhaft zu verhalten, größer ist. ... Soziale Medienplattformen ermöglichen es, dass der Ausdruck des nationalen Kampfes, der sonst privat geblieben wäre, Millionen Menschen erreicht.“

Yara Kyrychenko, Cambridge University

„Pro-ukrainische Stimmungen, Phrasen wie ‚Ruhm der Ukraine‘ und Posts über ukrainischen Militärheldentum erhielten enorme Mengen an Likes und Shares, feindselige Posts gegen Russland fanden dagegen kaum Beachtung“, sagt Yara Kyrychenko. Die Psychologen vom Social Decision-Making Lab (SDML) der Fakultät für Psychologie der Universität Cambridge hätten in den sieben Monaten vor dem völkerrechtswidrigen Einmarsch Russlands im Februar 2022 sowie in den sechs Monaten darauf insgesamt 1,6 Millionen Beiträge ukrainischer Nachrichtenagenturen auf Facebook und Twitter (jetzt X) analysiert.

Beiträge, die die Forscher als Ausdruck nationaler ukrainischer „Gruppensolidarität“ einstuften, führten auf Facebook zu 92 Prozent mehr Reaktionen und auf X zu einem Plus von 68 Prozent als vor dem Einmarsch. Beiträge mit aggressivem Unterton gegenüber Russland – im Wissenschaftsdeutsch „Feindseligkeit von Fremdgruppen“ – erzielten lediglich ein Plus von einem Prozentpunkt auf Facebook und zu keinem nennenswerten Unterschied auf X. Insofern bedeutet jedes Video mit dem Hintergrund militärischen Erfolgs das Schüren des ukrainischen Durchhaltewillens.

Allianz gegen Putin: Emotionen, die an die Gruppenidentität appellieren, können die Moral heben

„Emotionen, die an die Gruppenidentität appellieren, können Menschen stärken und die Moral heben. Diese Emotionen können in Zeiten aktiver Bedrohung ansteckender sein und zu größerem Engagement führen – wenn die Motivation, sich für die eigene Gruppe vorteilhaft zu verhalten, größer ist. […] Soziale Medienplattformen ermöglichen es, dass der Ausdruck des nationalen Kampfes, der sonst privat geblieben wäre, Millionen Menschen erreicht“, sagt Co-Autorin Kyrychenko. Denn die Botschaften gehen auch nach draußen: an die geflüchteten Exil-Ukrainer, die zum Zurückkommen verlockt werden sollen; und an die ausländischen Geldgeber, die den Ukraine-Krieg mit Geld befeuern sollen.

Die wichtigste Botschaft wird wahrscheinlich sein, dass sich die Ukraine noch immer tapfer wehren kann. Insofern hat Sofia Syngaivska recht, wenn die Journalistin im ukrainischen „Propaganda-Kanal“ Defense Express davon berichtet, die verschiedenen Einheiten können sich an die jederzeit verschärfende Lage anpassen und effizient zurückschlagen. Tatsächlich ist die Ukraine inzwischen ein Land der Transformation geworden – der politischen genauso wie der technischen, wie auch das Wadym Sucharewski gegenüber dem Economist ausgedrückt hat.

Wolodymyr Selenskyj – Vom Komödianten zum Symbol des Widerstands

Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion. Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland.
Als am 24. Februar 2022 russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, sah zunächst alles nach einem leichten Sieg Russlands aus. Doch daraus wurde nichts. Die Ukraine leistete vom ersten Tag an erbitterten Widerstand und wehrte sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj
Das liegt auch an ihrem Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj überraschte mit seinem Auftreten im Krieg von Beginn an die ganze Welt – vor allem den Aggressor aus Russland. © Imago
Selenskyj kandidiert in der Ukraine
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig.  © dpa
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj wurde am 25. Januar 1978 als Sohn jüdischer Eltern in Krywyj Rih im Südosten der damals noch sowjetischen Ukraine geboren. Er schloss erfolgreich ein Jurastudium ab, war aber nie als Jurist tätig. Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland.
Stattdessen gründete er zunächst eine Kabarettgruppe, die fünf Jahre lang von Moskau aus durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Als Komiker und Schauspieler erlangte er große Popularität – in der Ukraine und in Russland. © Alexander Gusev/Imago
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während ihres Studiums des Bauingenieurwesens an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen. Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann.
Seit 2003 ist Selenskyj mit Olena Wolodymyriwna Kijaschko verheiratet. Sie gingen auf dieselbe Schule, lernten sich aber erst während des Studiums an der Universität in ihrer Heimatstadt Krywyj Rih kennen.  © Vadim Ghirda/dpa
Stichwahl um Präsidentenamt in der Ukraine
Das Paar hat zwei Kinder, Tochter Oleksandra (geboren 2004) und Sohn Kyrylo (geboren 2013). Im Dezember 2019 landete Olena Selenska auf einer Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Ukraine auf Platz 30. Nummer eins war ihr Ehemann. © dpa
Arte - Diener des Volkes
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. © Arte/dpa
Mit Politik hatte Selenskyj lange nichts am Hut. Dann legte eine populäre Fernsehserie den Grundstein für seinen politischen Durchbruch. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“, die im April 2022 auch auf Arte lief, trat Selenskyj 2015 als Geschichtslehrer auf. Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.
Von der Korruption in der ukrainischen Politik angewidert, stürzt sich seine Figur in den Wahlkampf und wird zum Präsidenten gewählt. Selenskyj nahm sich das Drehbuch zum Vorbild und verkündete am Silvesterabend 2018 seine Kandidatur für die Wahl Präsidentschaftswahl.  © Arte/dpa
Vereidigung von Selenskyj als neuer Präsident der Ukraine
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein.  © Evgeniy Maloletka/dpa
Die Unzufriedenheit mit dem damaligen Staatschef Petro Poroschenko verhalf Selenskyj zum Sieg. Am 20. Mai 2019 trat er das Amt des ukrainischen Präsidenten an. Er erhielt zahlreiche Gratulationen aus dem Ausland, so zum Beispiel von Donald Trump, Emmanuel Macron oder Justin Trudeau. Auch Kanzlerin Angela Merkel sprach ihm ihre Glückwünsche aus und lud ihn nach Berlin ein. Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau.
Anders fiel die Reaktion in Russland aus. Von Ministerpräsident Dmitri Medwedew erhielt er herablassende Ratschläge, für eine Gratulation sei es dagegen „zu früh“. Auch bei der Amtseinführung gab es keine Gratulation aus Moskau. © Wolfgang Kumm/dpa
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab. Steueroasen sind in der Ukraine nicht illegal.
Vor der Wahl hatte Selenskyj seinen Vorgänger Petro Poroschenko dafür kritisiert, Briefkastenfirmen in Steueroasen zu unterhalten. Diese sind in der Ukraine allerdings nicht illegal. © Sergei Chuzavkov/afp
Bitter End Yacht Club auf Virgin Gorda auf den Britischen Jungferninseln
Als im Oktober 2021 dann aber die Pandora Papers veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass auch Selenskyj selbst Anteile an einer solchen Firma auf den britischen Jungferninseln besessen hatte. Zum Zeitpunkt seiner Wahl 2019 gab er seine Anteile ab.  © Imago
Selenskyj
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann. © Evgen Kotenko/Imago
Selenskyj war der erste Präsident in der Geschichte der Ukraine, der eine konfrontative Politik gegenüber Oligarchen führte. Unter anderem gründete er einen Nationalen Sicherheitsrat, der Sanktionen gegen Oligarchen verhängen kann – und dies zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk tat. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben.
Er setzte das Mittel zum Beispiel gegen Wiktor Medwedtschuk ein. Der wies alle Anschuldigungen zurück. Die Sanktionen froren seine Vermögenswerte ein und hinderten ihn daran, Geschäfte in der Ukraine zu tätigen. Medwedtschuk, der aufgrund einer Anklage wegen Hochverrats unter Hausarrest stand, tauchte im Februar 2022 unter. Im April 2022 wurde er vom Inlandsgeheimdienst festgenommen und im September 2022 bei einem Gefangenenaustausch Russland übergeben. © Instagram Account of Volodymyr Zelensky/afp
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten. Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden, der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus.
Schon früh in seiner Amtszeit musste sich Selenskyj mit den Wünschen und Forderungen des damaligen US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen. So soll Trump seinen ukrainischen Amtskollegen in einem Telefonat am 25. Juli 2019 aufgefordert haben, als Gegenleistung für Militärhilfe in Höhe von fast 400 Millionen Dollar Ermittlungen gegen Joe Biden, Trumps möglichen Gegenspieler bei der US-Wahl 2020, einzuleiten.  © Saul Loeb/afp
Joe Biden Hunter
Biden soll einst als US-Vizepräsident die Entlassung des ukrainischen Generalstaatsanwalts veranlasst haben, um seinen Sohn Hunter Biden (hinten), der bei einem ukrainischen Erdgaskonzern tätig war, vor Korruptionsermittlungen zu schützen. Das Telefonat, das im August 2020 bekannt wurde, löste in den USA später die „Ukraine-Affäre“ aus. © Imago
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin.
Selenskyjs Amtszeit wurde von Beginn an vom Verhältnis zu Russland überschattet. Schon in seiner Antrittsrede bezeichnete Selenskyj die Beendigung des Krieges im Donbass als seine vorrangige Aufgabe. Während des Ukraine-EU-Gipfels im Juli 2019 in Kiew schlug Selenskyj in einer Videobotschaft an Wladimir Putin direkte Gespräche in der belarussischen Hauptstadt Minsk vor. © Ukraine Presidential Press Service/afp
Nach der Präsidentenwahl in der Ukraine
Daran sollten nach Selenskyjs Plan auch US-Präsident Donald Trump, die britische Regierungschefin Theresa May, der französische Präsident Emmanuel Macron sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnehmen. Am 11. Juli 2019 kam es immerhin zu einem ersten Telefongespräch zwischen Selenskyj und Putin. © dpa
Trump, Macron, Selenskyj - Paris
Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, dass Selenskyj mit Putin zusammentraf.  © Lafargue Raphael/Imago
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren. Die Gespräche führten zu einem kurzfristigen Waffenstillstand in der Ostukraine, einem Gefangenenaustausch sowie zu einem Truppenrückzug in drei Gebieten an einer Demarkationslinie bis Ende März 2020. Es war das einzige Mal, das Selenskyj mit Putin zusammentraf.
Am 9. Dezember 2019 in Paris nahm Selenskyj an Verhandlungen im Normandie-Format teil, an denen der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin beteiligt waren.  © Charles Platiau/afp
Selenskyj
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation weiter. Immer häufiger besuchte Selenskyj (Mitte) Militärübungen der ukrainischen Armee, so auch am 16. Februar 2022 in der Stadt Riwne. © Imago
Alle Bemühungen um einen Frieden nützten aber nichts. Im Lauf des Jahres 2021 verschärfte sich die Situation immer weiter. Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.
Am 23. Februar 2022 versuchte Selenskyj noch einmal in einer Ansprache, den drohenden Krieg abzuwenden. Darin wendete er sich vor allem an die Menschen in Russland: „Wenn wir angegriffen werden, wenn man unser Land, unsere Freiheit, unser Leben und das Leben unserer Kinder zu nehmen versucht, werden wir uns verteidigen“, sagte Selenskyj auf Russisch. Es war das vorerst letzte Mal, dass man Selenskyj glatt rasiert und mit Anzug und Krawatte sah.  © Ukrainian Presidents Office/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion eskalierte der Ukraine-Krieg.
In der Nacht zum 24. Februar 2022 begann der russische Angriff auf die Ukraine. In Kiew kam es zu den ersten Krisensitzungen. Acht Jahre nach der Krim-Annexion im März 2014 eskalierte der Ukraine-Krieg.  © Imago
London, United Kingdom
Im Westen war die Solidarität mit der überfallenen Ukraine groß. Der Regierungssitz im Vereinigten Königreich leuchtete in den ukrainischen Farben.  © Hesther Ng/Imago
In der Nacht zum 24. Februar begann der russische Angriff auf die Ukraine. Danach sollen die USA Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden.
Die USA sollen Selenskyj angeboten haben, ihm bei der Flucht zu helfen. Selenskyj lehnte an, er und seine Regierung blieben in Kiew, auch als russische Truppen auf die Hauptstadt vorrückten. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete Selenskyjs Antwort: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Seitdem ist er zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden. © Ukraine Presidency/afp

Ukraine blutet aus – ihre fehlen Menschen: Zum Wiederaufbau, zum Wiederbevölkern zum Weiterkämpfen

„Die Ukraine sei ein ‚Außenposten […] zwischen der zivilisierten und der autoritären Welt‘, aber sie wisse nicht, was sie von ihren Geldgebern erwarten könne“, sagt der Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitkräfte – einer militärischen Einheit, die weltweit ihresgleichen sucht. Denn diese Geldgeber hätten selbst enorme Schwierigkeiten, die Ukraine zu verorten, technisch wie politisch. Möglicherweise wird die Ukraine zum führenden Drohnenland der Welt; möglicherweise wird ein kommender Krieg doch eher mit Raketen geführt, möglicherweise wird die Zahl zum Umbau verfügbarer ziviler Drohnen drastisch sinken, möglicherweise werden auch elektronische Störsysteme ausgefeilter.

Die Glorifizierung dieser Waffengattung mag in der digitalen Welt enorme Ausmaße annehmen, auf den realen Bodenkrieg haben offenbar weder „Liken“ noch „Sharen“, also Zustimmen und Teilen großen Einfluss: Der Ukraine fehlen in der analogen Welt Tag für Tag mehr reale Menschen. Zum Wiederaufbau, zum Wiederbevölkern zum Weiterkämpfen.

Bereits Ende 2023 hatte das ISW einen russischen Militärblogger dahingehend wiedergegeben, dass die russischen Streitkräfte kurz vor einer „wahren Renaissance des Infanteriekampfes“ stünden. Die Quelle führte das bereits zu diesem Zeitpunkt zurück auf die Verluste an Panzern, Schützenpanzern und gepanzerten Mannschaftstransportwagen. „Drohnenpiloten sind zu den Scharfschützen des modernen Militärs geworden“, schreibt Tim Mak. Sie operierten im Dunkeln und versteckten sich vor aller Augen – sie seien für die Streitkräfte von entscheidender Bedeutung – sowohl als Machtmultiplikator für die eigene Seite als auch als Tiefschlag für die Moral der Gegner, führt der Autor des ukrainischen Blogs Counteroffensive.News aus.

Rekrutierungs-Offensive: „Es ist die Pflicht jedes ukrainischen Bürgers und seine Verpflichtung.“

Nur können „Scharfschützen“ allein keinen Krieg gewinnen, und der Verlust einzelner Panzer führt zu keiner Niederlage. Jedenfalls für kein militärisches System unter Wladimir Putin. Dennoch scheinen die Videos einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen: Die Cambridge-Psychologin Yara Kyrychenko weist zwar darauf hin, dass Hassreden und Verschwörungstheorien im Internet in der Ukraine noch immer florierten, wie die Universität publiziert; sie argumentiere jedoch, „dass die in den sozialen Medien geförderte Solidarität einige der frühen Versprechen dieser Plattformen widerspiegelt, die Menschen gegen die Tyrannei zu vereinen“, wie sie schreibt.

Für die Ukraine sei die große Frage, ob sie in ihre Heimat zurückkehren werden, von entscheidender Bedeutung für die Zukunft des Landes, schreibt auch Kateryna Odarchenko. Neben allen anderen Folgen hat die Ukraine einen Aderlass von rund zehn Millionen Geflüchteten zu verkraften, so die Analystin des Thinktanks Center for European Policy Analysis (CEPA). Ein Fünftel davon sollen erwachsene Männer sein – die meisten vermutlich in einem mehr oder minder wehrfähigen Alter. Aber auch 18- bis 25-jährige Ukrainer werden verstärkt umworben – die Videos verdampfender russischer Panzer mögen ein Teil der Bemühungen sein. Die Menge sowie die kurze Taktung dieser Botschaften liegt irgendwo zwischen Engagement und Verzweiflung – und die Inhalte verschweigen wahrscheinlich mehr als was sie offenlegen.

Oberst Pavlo Palisa ist der Kopf der neuen ukrainischen Rekrutierungsbemühungen, wie Associated Press aktuell schreibt. Der ins Büro des Präsidenten berufene ehemalige Gefechtsfeldkommandeur argumentiert blumig, aber hoffnungsvoll gegenüber der Nachrichtenagentur: „Meiner Ansicht nach müssen wir jetzt einen offenen Dialog mit der Gesellschaft beginnen. Denn die Verteidigung des Staates ist nicht nur die Verantwortung der Streitkräfte. Es ist die Pflicht jedes ukrainischen Bürgers und seine Verpflichtung.“

 

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