VonSonja Thomaserschließen
Julia Nawalnaja, Witwe von Alexej Nawalny, wird zur neuen Stimme der Opposition. Ihr mutiger Kampf gegen das Putin-Regime in Russland geht weiter.
Update vom 20. Februar, 17.00 Uhr: Der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla hat der Witwe von Alexej Nawalny „Inszenierung“ vorgeworfen. Es sei wirklich bemerkenswert, dass Julia Nawalnaja nach dem Tod ihres Mannes als Erstes auf der Münchner Sicherheitskonferenz (Siko spreche, sagte Chrupalla. Diese „Inszenierung“ biete Anlass zum Nachdenken. „Wenn ich die Witwe von Herrn Nawalny sehe, mit Ursula von der Leyen sehe“, da müsse man sich fragen, wem so ein Auftritt nutzen solle. Es sei offenkundig, dass der Tod Nawalnys „ausgeschlachtet“ worden sei.
„Ich finde es teilweise schon unerträglich, wie die letzten Tagen bereits feststeht, wer für diesen Tod verantwortlich gemacht wird. Man redet von Mord, von sonstigen Dingen, obwohl man nichts weiß, obwohl man noch nicht mal die Ermittlungen abgewartet hat“, sagte der AfD-Vorsitzende weiter.
Nach Tod von Nawalny – neue Vorwürfe gegen Wladimir Putin
Update vom 20. Februar, 11.43 Uhr: Neue Vorwürfe von Nalwanys Freunden gegen Putin: Der inhaftierte russische Oppositionelle Ilja Jaschin schrieb in einem heute verbreiteten Brief: „Solange mein Herz in meiner Brust schlägt, werde ich gegen die Tyrannei kämpfen.“ Der 40-Jährige äußerte sich zudem überzeugt, dass Putin für Nawalnys Tod verantwortlich sei.
Zum vergangene Woche gestorbenen Nawalny schrieb Jaschin, dieser werde als „Mann mit außergewöhnlichem Mut“ in die Geschichte eingehen, der für seine Überzeugungen „mit einem Lächeln vorangegangen“ und „als Held gestorben“ sei. Der russische Präsident Putin werde hingegen ein „kleiner Mann“ bleiben, der „durch Zufall immense Macht erlangt hat“.
Alexej Nawalny ist tot: Protest, Anschläge, Gefängnis – sein Leben in Bildern




Nawalny-Witwe Julia: „Werde die Sache von Alexej fortsetzen“
Update vom 19. Februar, 15.57 Uhr: In einer emotionalen Kampfansage an Kremlchef Wladimir Putin hat die Witwe des im Straflager gestorbenen Oppositionsführers Alexej Nawalny eine Fortsetzung der Oppositionsarbeit ihres Mannes angekündigt. „Ich werde die Sache von Alexej Nawalny fortsetzen, kämpfen um unser Land. Ich rufe Euch auf, an meiner Seite zu stehen“, sagte Julia Nawalnaja in einer am Montag veröffentlichten Videobotschaft bei YouTube.
„Vor drei Tagen hat Wladimir Putin meinen Mann Alexej Nawalny getötet“
Unter Tränen warf die zweifache Mutter Putin in dem Video vor, nicht nur ihren Mann getötet zu haben. Putin habe so auch versucht, Russland die Hoffnung auf Freiheit und Gerechtigkeit zu nehmen. Deshalb wolle sie den Kampf ihres Mannes nun fortsetzen. In dem Video mit vielen privaten Bildern und Aufnahmen von Nawalnys öffentlichen Auftritten beschuldigte sie Putin des Mordes an ihrem Ehemann. „Vor drei Tagen hat Wladimir Putin meinen Mann Alexej Nawalny getötet“, sagte sie.
Ihr Mann sei im Straflager zu Tode gequält und gefoltert worden, indem er auch immer wieder in Einzelhaft in einem kleinen Betonkasten eingesperrt worden sei. Der Name desjenigen, der den Mord im Auftrag Putins ausgeführt habe, werde in Kürze veröffentlicht, kündigte sie an.
Unklar, ob Nawalnaja nach Russland zurückkehrt
In dem Video zeigte Nawalnaja auch ein Bild der Mutter, die in der Polarregion nach ihrem toten Sohn sucht. Putin habe ihr den liebsten und wertvollsten Menschen genommen, die Hälfte ihrer Seele und ihres Herzens, sagte Nawalnaja. „Aber ich habe eine zweite Hälfte - und die sagt mir, dass ich kein Recht zum Aufgeben habe.“ Sie werde deshalb wie ihr Mann gegen Ungerechtigkeit und Korruption und für ein freies Russland kämpfen.
„Ich habe keine Angst“, sagte sie mit Blick auch auf eine Aussage Nawalnys, der die Menschen in Russland immer wieder zum Widerstand gegen Putin aufgerufen hatte. Diejenigen, die versuchen, Russlands Zukunft auszulöschen, müssten mit Wut und Hass verfolgt werden. Es ist unklar, ob die 47 Jahre alte Ökonomin für die Oppositionsarbeit nach Russland zurückkehren will. Sie würde dort ebenfalls Straflager riskieren, weil die Nawalny-Bewegung als extremistisch eingestuft ist.
Nach Nawalnys Tod: Julia Nawalnaja wird zur neuen Oppositionsfigur – Witwe bei EU-Außenministertreffen
Erstmeldung vom 19. Februar: Brüssel – Julia Nawalnaja, die Witwe des Kremlkritikers Alexej Nawalny, kämpft weiter. Nachdem ihr Mann in russischer Lagerhaft ums Leben gekommen ist, wendet sich Nawalnaja mit eindringlichen Botschaften an die Öffentlichkeit und tritt für ihren Mann und seine Sache ein – was viele als Zeichen dafür deuten, dass sie nun an seiner Stelle in die russische Oppositionspolitik einsteigen wird.
Am Montag (19. Februar) wird Nawalnaja zum EU-Außenministertreffen in Brüssel erwartet. Wie der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Sonntag (18. Februar) auf der Plattform X (früher Twitter) berichtete, wollten die EU-Außenminister bei ihrem Treffen „ein starkes Signal der Unterstützung für die Freiheitskämpfer in Russland senden“ und die Erinnerung an Nawalny ehren. EU-Ratspräsident Charles Michel will Nawalnaja nach Angaben seiner Sprecherin empfangen.
Nawalnaja mit klaren Worten gegen Putin
Sowohl Anhänger als auch Gegner Nawalnys fragen sich, ob Nawalnaja nun nach Russland zurückkehren und eine Rolle in der Oppositionspolitik und den von ihrem Mann geschaffenen Strukturen spielen wird. „Sie hat bereits auf der Münchner Sicherheitskonferenz gesprochen und die russischen Behörden für das Schicksal ihres Mannes verantwortlich gemacht“, schreibt die russische Tageszeitung Nesawissimaja Gaseta.
Kurz nach der Nachricht vom Tod ihres Mannes war Nawalnaja am Freitag (16. Februar) bei der Münchner Sicherheitskonferenz aufgetreten und hatte in einer viel beachteten Rede zum Kampf gegen den russischen Machtapparat von Präsident Wladimir Putin aufgerufen: „Ich möchte, dass Putin, sein ganzer Umkreis, Putins Freunde und seine Regierung wissen: Sie werden für das, was sie unserem Land, meiner Familie und meinem Mann angetan habe, zur Rechenschaft gezogen.“
Nawalnaja ist in Russland ebenso Person des öffentlichen Lebens wie ihr Mann
Ihre Rede in München hat ihren Ruf als starke Frau und Persönlichkeit noch verstärkt. Nawalny selbst sagte über seine Frau, ohne sie hätte er seinen erbitterten Kampf gegen den Kreml und Staatschef Putin nicht durchgehalten. Julia Nawalnaja ist inzwischen ebenso eine Person des öffentlichen Lebens wie ihr Mann.
Mitstreiter Nawalnys träumten gar von einer Zukunft Nawalnajas als Politikerin, schon bevor Nawalny selbst hinter Gittern saß. Sie selbst wies das damals aber stets von sich und betonte, sie sei vor allem Mutter und Ehefrau.
Rückkehr nach Russland endete mit Gefängnis für Nawalny
Nachdem Nawalny im August 2020 in Sibirien mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet wurde und ins Koma fiel, kämpfte Julia Nawalnaja tagelang darum, dass ihr Mann in Deutschland statt in Russland behandelt wird. Tagelang weigerten sich die russischen Ärzte, doch schließlich gelang es, Nawalny nach Berlin auszufliegen. „In jedem Augenblick habe ich gedacht, ‚ich muss ihn hier rausholen‘“, berichtete Nawalnaja später.
Fünf Monate später zeigte sie erneut Stärke, als das Paar nach Moskau zurückkehrte – wohl wissend, dass die Reise im Gefängnis enden würde. „Kellner, bringen Sie uns Wodka, wir gehen nach Hause“, sagte Nawalnaja während des Fluges und zitierte damit eine Zeile aus einem russischen Kult-Film. Nach der Landung, an der Passkontrolle, wurde das Paar getrennt und sah sich danach nicht mehr in Freiheit wieder. Eine Menschenmenge empfing Nawalnaja damals vor dem Flughafen mit „Julia!“-Rufen.
Russland gegen Nawalny und Nawalnaja: Sympathiebekundungen unterdrücken
Nach dem Tod von Alexej Nawalny fragen sich viele, wer außer Nawalnaja die durch zahllose Festnahmen dezimierte oder ins Exil getriebene russische Opposition als Führungsfigur hinter sich vereinen könnte. Manche setzen auf Nawalnaja und die gemeinsame Tochter Darja als neue Leitsterne der russischen Opposition. „Es gibt nichts Stärkeres in der Welt als Mutter und Tochter, die wegen des Todes von Mann und Vater gegen das System kämpfen“, schreibt zum Beispiel die bekannte Frauenrechtlerin Aljona Popowa auf Instagram.
Die Politologin Tatjana Stanowaja prognostiziert, der russische Machtapparat werde den Tod Nawalnys weiter so gut es gehe „ignorieren und vertuschen“ und jegliche Sympathiebekundungen für den Oppositionellen unterdrücken. Die Lage sei für den Kreml nämlich durchaus riskant, führt sie aus: „Die Behörden müssen Anstrengungen unternehmen, damit sich der heutige Schock (…) nicht zu einer politischen Bewegung entwickelt“, schreibt sie.
„Julia Nawalnaja wird eine politische Figur werden, ob sie das will oder nicht“
„Bisher haben Putin- und Kriegsgegner pragmatisch still gesessen und die Sinnlosigkeit von Protesten verstanden. Jetzt könnten Emotionen eine Rolle spielen.“ Mit Blick auf Nawalnaja ist sich Stanowaja sicher: „Julia Nawalnaja wird eine politische Figur werden, ob sie das will oder nicht. Ihren Worten kommen jetzt besondere Bedeutung und Gewicht innerhalb der oppositionellen Umgebung zu (…). Diese Ressource muss sie verwalten.“
Russland ist für Nawalnaja ohne Frage gefährlich. Über ihren Aufenthaltsort ist nichts bekannt, außer dass sie irgendwo außerhalb Russlands lebt, berichtet unter anderem die NZZ.
Russland geht hart gegen Nawalny-Sympathiebekundungen vor
Der russische Machtapparat geht hart gegen jede Form von Solidaritätbekundung gegenüber Nawalny vor. Russische Gerichte haben seit dem Tod des Kremlkritikers schon mehr als 150 Menschen wegen öffentlicher Trauerbekundungen zu Haftstrafen verurteilt. Wie aus Gerichtsdokumenten hervorgeht, wurden am Samstag und Sonntag allein in St. Petersburg 154 Menschen wegen Verstößen gegen die strengen russischen Versammlungsgesetze zu bis zu zwei Wochen Haft verurteilt. (sot mit dpa/afp)
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