Gefangene im eigenen Land?

Ukraine-Krieg: Wehrpflicht hindert Männer an der Flucht

  • schließen

Die Ukraine hält dem Angriff von Russlands Präsident Wladimir Putin noch stand. Der Siegeswille vieler Ukrainer ist groß. Aber nicht jeder kämpft freiwillig im Krieg.

Berlin – Bunker, Barrikaden und Bombeneinschläge: Seit nunmehr acht Tagen herrscht Krieg in der Ukraine. Seitdem die russische Armee auf Befehl von Präsident Wladimir Putin hin zahlreiche Städte im Land angreift, werden immer mehr Ukrainer zu Helden. Auf Social Media werden Videos von Menschen geteilt, die sich unbewaffnet den russischen Panzern in den Weg stellen oder sich mit dem Bau von Molotov-Cocktails auf die Verteidigung ihrer Heimat vorbereiten. Eben diese Bilder erwecken bei vielen Menschen weltweit schnell den Anschein, dass jeder einzelne Ukrainer bereit ist, für sein Land zu sterben. Die Ukraine verwandelt sich im Krieg in ein Land voller Patrioten. Leider ist das aber nur die halbe Wahrheit. 

Land: Ukraine
Einwohner:rund 44 Millionen
Fläche: 603.548 km2
Regierungschef:Präsident Wolodymyr Selenskyj

Denn zur Realität gehört auch, dass sich in den vergangenen Tagen bereits Hunderttausende auf den Weg in die Nachbarländer der Ukraine gemacht haben, um dem schrecklichen Krieg zu entfliehen. Und unter den zahlreichen Flüchtlingen sind fast ausschließlich Kinder, Frauen und ältere oder kranke Menschen. Wehrfähige Männer mit der ukrainischen Staatsbürgerschaft zwischen 18 und 60 Jahren hingegen dürfen das Land nicht verlassen – sie sollen sich dem Kampf gegen Russland anschließen. Damit sind die Männer gefangen im eigenen Land. Seit der allgemeinen Mobilmachung durch Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj gab es immer wieder Fluchtversuche von betroffenen Männern. Wer erwischt wird, der wird vom Grenzschutz sofort an das Wehrkreisersatzamt übergeben. 

Wehrpflicht: Der Krieg gegen Russland zwingt Männer in der Ukraine zum Kriegsdienst – während Frauen und Kinder alleine flüchten müssen

Von Patriotismus kann in diesem Fall kaum die Rede sein. Flüchtende Frauen und Kinder müssen ihre Männer und Väter zurücklassen in einer ungewissen Zukunft. Männer, die bisher noch nie eine Waffe in der Hand gehalten haben, müssen jetzt ihr Land verteidigen – ob sie wollen, oder nicht. Möglich macht das alles das Kriegsvölkerrecht. Das gilt in der gesamten Ukraine, seitdem Selenskyj den Kriegszustand für sein Land ausgerufen hat. 

Ukrainische Soldaten fahren auf einem gepanzerten Mannschaftswagen, der während eines Luftangriffsalarms einen verlassenen Boulevard in Kiew entlangfährt.

Da die meisten Männer in der Ukraine einen Wehrdienst absolviert haben, gibt es im Land entsprechend viele einsatzbereite Menschen mit einer militärischen Grundausbildung. Die müssen nun zumindest theoretisch zur Verfügung stehen. Viele der Ukrainer wollen allerdings nicht darauf warten, dass das Militär sie in einen Dienst einteilt – sie melden sich lieber freiwillig für den Kriegseinsatz an der Front. 

Wehrpflicht Ukraine: Völkerrechtler warnt – „Werden die Zivilisten in die Streitkräfte eingegliedert – sind die Kombattanten“

Seit Tag eins des Ukraine-Krieges sind die Anlaufstellen der ukrainischen Armee für Freiwillige immer gut besucht. Auch ohne Wehrpflicht melden sich Frauen wie Männer zum Dienst für ihr Land. Wenn man sie fragt, warum sie in den Krieg ziehen wollen, dann antworten sie mit Patriotismus oder Hilflosigkeit. Die Wahrheit dürfte wie so oft irgendwo dazwischen liegen. Handelt es sich bei den Freiwilligen um Ukrainer, dann sind die Militärs jedenfalls nicht wählerisch. Wer kämpfen möchte, bekommt eine gelbe Armbinde und wird eingeteilt. Die Ausrüstung und Schutzkleidung müssen sie sich meist selbst besorgen. Und so wird aus einem Zivilisten im Handumdrehen ein Soldat – zumindest im Kriegsvölkerrecht.

„Werden die Zivilisten in die Streitkräfte eingegliedert – selbst wenn es sich nur um Milizen oder Guerillatrupps handelt –, dann werden sie damit zu offiziellen Kombattanten“, erklärt der Völkerrechtler Daniel-Erasmus Khan im Spiegel-Interview. Dieser Status hat im Kriegsgeschehen Vor- und Nachteile. Kombattanten, die in Gefangenschaft geraten, dürfen vom Gegner nicht für Tötungshandlungen bestraft werden, da diese unter das Kriegsrecht fallen. Khan gibt aber zu bedenken: „Wer töten darf, darf aber auch getötet werden.“ Wer sich im Krieg also an den Kampfhandlungen beteiligt, der verliere den Schutzstatus eines Zivilisten. 

Ukraine-Krieg: Kommt die Wehrpflicht in Deutschland zurück?

Angesichts des Krieges in der Ukraine denkt man auch in Deutschland über die Wiedereinführung der Wehrpflicht nach. Die Wehrpflicht wurde eigentlich nie abgeschafft, sondern nur ausgesetzt. Das bedeutet, dass sie durch einen Beschluss im Parlament wieder eingeführt werden könnte. Bevor das allerdings ein realistisches Szenario wird, müsste der Bundestag erstmal die militärische Alarmstufe „Spannung“ ausrufen. Für einen echten Einsatz der wehrfähigen Männer in Deutschland brauchen wir dann mindestens die Alarmstufe „Verteidigungsfall“. Davon sind wir aktuell noch weit entfernt. 

In den meisten Ländern ist es deshalb nicht vorgesehen, dass sich Zivilisten in die Kriegshandlungen einmischen. In der Ukraine sieht das allerdings anders aus. Erst im Januar 2022 hat die Regierung das Gesetz der „Territorialen Verteidigung“ eingesetzt. Demnach können sich alle Frauen und Männer im wehrfähigen Alter für die entsprechenden Verteidigungsverbände freiwillig melden. Die einzige Voraussetzung: Sie müssen körperlich gesund und dürfen nicht wegen schwerer Verbrechen vorbestraft sein. 

Ukraine-Krieg: Ukrainer stellen sich den Panzern von Russlands Präsident Wladimir Putin in den Weg

In den vergangenen Tagen wurden aber auch immer wieder Videos auf Social Media geteilt, die Zivilisten zeigen, wie sie sich den russischen Panzern entgegenstellen oder Molotov-Cocktails mischen. Was ihnen dabei vermutlich nicht bewusst ist: Selbst das ist laut Völkerrechtler Khan bereits eine Einmischung in das Kriegsgeschehen – und kann sogar zum Kriegsverbrechen werden, wenn das Ganze heimtückisch geschieht. 

Wenn es aber einem Volk gelingt, mit zivilem Widerstand einen Krieg zu gewinnen, dann der Ukraine. Die Landsleute haben nämlich bereits Erfahrungen mit privaten Unterstützernetzwerken der Armee. Im Jahr 2014 besetzte Russland die Krim, woraufhin ein Krieg gegen prorussische Separatisten im Donbass ausbrach. Weil die ukrainische Armee in einem schlechten Zustand war, bekam sie kurzerhand Unterstützung von privaten Initiativen. Bis heute haben sie einen erheblichen Anteil an den militärischen Erfolgen des Landes. 

Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj geht in diesem Krieg als starke Führungspersönlichkeit voraus. Er selbst weigert sich, sein Land zu verlassen – stattdessen ruft er seine Landsleute immer wieder zum Widerstand gegen die russische Invasion auf. Und keine Frage, viele Ukrainer folgen ihrem Staatschef auf diesem Weg sicherlich freiwillig und voller Hoffnung auf eine Zukunft in Freiheit. Aber nicht jeder Ukrainer ist an erster Stelle Patriot. Manch einer wäre vielleicht lieber als Vater bei seinen Kindern oder als Mann an der Seite seiner Frau in Sicherheit. 

Trotz Flüchtlingen: Russlands Präsident Wladimir Putin hält laut Militärexperte an seinem Plan fest

Ein Blick auf die Zahlen zeigt aber auch, dass ein Großteil der Ukrainer zumindest bisher an Ort und Stelle bleibt, um entweder auszuharren oder zu kämpfen. In dem osteuropäischen Land leben rund 44 Millionen Menschen, von denen laut aktuellen Schätzungen rund eine Millionen Menschen auf der Flucht sind. Im ganzen Land demonstrieren die Ukrainer ihren unbedingten Widerstandswillen. Damit haben die Ukrainer es bislang sogar geschafft, den Vormarsch der Russen etwas ins Stocken zu bringen. 

Militärexperten sind sich allerdings weitgehend einig: Russlands Präsident Wladimir Putin wird nicht so schnell von dem Plan abweichen, das Land unter seine Kontrolle zu bringen. Zwar „wurde der Kampfeswillen, aber auch die Qualität der ukrainischen Armee unterstützt“, wie Ed Arnold vom Königlichen Institut der Vereinigten Streitkräfte für Verteidigungs- und Sicherheitsstudien (RUSI) im Gespräch mit dem Spiegel sagte, aber ein gutes Zeichen sei das trotzdem nicht. Es sei abzusehen, dass Russland nun die Schlagkraft der Armee noch einmal erhöhe

Mit unserem Newsletter verpassen Sie nichts mehr aus ihrer Umgebung, Deutschland und der Welt – jetzt kostenlos anmelden!

Das Hauptziel der russischen Streitkräfte ist noch immer die ukrainische Hauptstadt Kiew. Die Menschen in der Metropole bereiten sich seit Tagen auf den anrollenden Konvoi des Gegners vor. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko macht seinen Landsleuten per Social Media Mut: „Kiew steht und wird stehen.“ Die Frage ist eben nur, welchen Preis die Ukrainer dafür zahlen werden. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Vadim Ghirda/dpa

Kommentare