FRIEDENSFRAGEN

Spaltet Prigoschins Putschversuch Russland?

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Dass Wladimir Putins Gewaltmonopol in Russland nach dem von Jewgeni Prigoschin (rechts) angeführten Aufstand enorm beschädigt wurde, steht außer Frage.

„Dass Putins Gewaltmonopol im Lande enorm beschädigt wurde, steht außer Frage“, sagt Konfliktforscher Mikhail Polianskii.

Frankfurt - Das moderne Russland blickt nicht auf eine lange Geschichte erfolgreicher Militärputsche zurück. Der 24. Juni 2023 könnte jedoch als erfolgversprechender bewaffneter Putschversuch der jüngeren Geschichte in die russischen Geschichtsbücher eingehen.

Er wird neben dem Versuch der Konservativen, Michail Gorbatschow 1991 zu stürzen, und der Konfrontation zwischen Boris Jelzin und dem Parlament im Jahr 1993 stehen. Jewgenij Prigoschins selbst ernannter „Marsch der Gerechtigkeit“ nach Moskau war zwar von kürzerer Dauer als die beiden vorangegangenen Putsche in der Hauptstadt, umfasste aber praktisch den gesamten Süden Russlands, einschließlich der beiden Millionenstädte Rostow am Don und Woronesch (der Heimatstadt des Autors).

Die Folgen dieser Ereignisse können und sollten jetzt diskutiert werden. Die zentrale Frage, die viele Expert:innen in diesem Zusammenhang aufwerfen, hat mit der Integrität des Putin-Regimes zu tun. Dass Putins Gewaltmonopol im Lande enorm beschädigt wurde, steht außer Frage.

Wagner-Gruppe marschiert in Richtung Moskau: Bilder zum Putschversuch in Russland

Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern.
Söldner der Wagner-Gruppe posieren in Rostow am Don vor Panzern. © IMAGO/Erik Romanenko
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen.
Die Stadt Rostow am Don wurde von der Wagner-Gruppe besetzt. Hier stehen zwischen den Zivillisten bewaffnete Soldaten und Panzer auf den Straßen. © Sergey Pivovarov/IMAGO
Nahaufnahme der Ausrüstung. Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet.
Die Soldaten in Rostow am Don sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet und schwer bewaffnet. © Erik Romanenko/IMAGO
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator)
Auf der schusssicheren Weste eines Soldaten in Rostow am Don steht auf einem Aufnäher: „Mama hat gesagt: Anziehen“. (Yandex Image Translator) © Erik Romanenko/IMAGO
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt.
Die bewaffneten Wagner-Söldner in Rostow am Don bewachen auch mit militärischen Fahrzeugen die Stadt. © Erik Romanenko/IMAGO
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen.
Die Soldaten in Rostow am Don stehen inmitten der Bevölkerung wache und werden teilweise von Zivilisten angesprochen. © IMAGO/Erik Romanenko
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen.
Soldaten der Wagner-Gruppe bewachen das südliche militärische Hauptquartier in Rostow am Don mit Scharfschützen. © IMAGO/Erik Romanenko
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht.
In Moskau sind rund um den Kreml alle Straßen und Kreuzungen weiträumig abgesperrt und bewacht. © Kirill Zykov/IMAGO
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls. Zusätzlich zu den üblichen Wachen in prunkvoller Uniform sind hier Polizisten postiert.
Das Moskauer „Grabmal des unbekannten Soldaten“ an der Mauer des Kremls wird zusätzlich zu den üblichen Wachen von der Polizei bewacht. © Ilya Pitalev/IMAGO
Eine Polizistin in Moskau steht hinter der Absperrung des Roten Platzes neben einem Einsatzwagen. Im Hintergrund sind die farbigen Kuppeln der Basilius Kathedrale zu sehen.
Der Rote Platz in Moskau ist weiträumig abgesperrt und wird von der Polizei bewacht. © IMAGO/Ilya Pitalev
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht.
Wagner-Gebäude in mehreren russischen Städten, wie hier in St. Petersburg, werden von Polizisten bewacht. © IMAGO/Alexander Galperin
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten.
Die russische Polizei sperrt Straßen in der Region Moskau und kontrolliert die Dokumente von Fahrzeugen, die sie passieren möchten. © IMAGO/Kirill Kallinikov
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert.
In der Region Moskau wird die Autobahn M2 bei Podoslk von mehreren LKW blockiert. © IMAGO/Vitaliy Belousov
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt.
Den Menschen, die in Staus auf russischen Autobahnen festsitzen, wird Trinkwasser zur Verfügung gestellt. © IMAGO
In der russischen Stadt Rostow am Don stehen Soldaten in den Straßen Wache und beobachten die Lage.
Die Soldaten stehen in den Straßen Wache und beobachten die Lage. © IMAGO/Erik Romanenko

Wagner-Aufstand schockiert Machthaber in Russland

Trotz der Tatsache, dass sein Aufstand, wie Jewgenij Prigoschin selbst sagt, nicht darauf abzielte, die Macht an sich zu reißen, hat er doch der Stabilität des Putinschen Systems einen kolossalen Schlag versetzt. Er hat die Machthaber nicht nur schockiert, sondern auch gespalten. Sie wurden schockiert durch die Tatsache, dass so etwas überhaupt in Russland möglich ist.

Die Spaltung der Eliten resultiert aus der Frage, was mit der Wagner-Truppe jetzt geschehen soll. Einige wie der Generaloberst und derzeitige Duma-Abgeordnete Andrej Kartapolow sind sich bewusst, dass die Wagner-Gruppe eine der kampfbereitesten russischen Militäreinheiten ist. Deswegen versuchen sie, sie zu schützen, und widersetzen sich ihrer Auflösung.

Andere, wie Wiktor Sobolew, ein weiterer Staatsduma-Abgeordneter, kennen die politische Gefahr, die die Wagner-Gruppe für das Verteidigungsministerium darstellt, und drängen auf ihre vollständige Abrüstung. Viele staatliche Medien und patriotische Fernsehsender kritisieren die Führung ebenfalls hart dafür, dass sie zu nachsichtig mit den Rebellen umgegangen sei, die der Präsident selbst als Verräter bezeichnet hat.

Zur Serie

Die Menschen in der Ukraine brauchen Frieden, aber es herrscht Krieg. Welche Wege können zum Frieden führen? Welche Rolle soll Deutschland dabei spielen?

In der Serie #Friedensfragen suchen Expertinnen und Experten nach Antworten auf viele drängende Fragen. Dabei legen wir Wert auf eine große Bandbreite der Positionen – die keineswegs immer der Meinung der Redaktion entsprechen. FR

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Könnte Putin die Kämpfe auf ukrainischem Territorium beenden?

Vielen schien es, als habe Prigoschin mit seiner Rebellion den Rubikon überschritten, da er sich nicht nur der russischen Militärführung widersetzte, sondern auch Putin persönlich herausgefordert hat. Wagners Telegrammkanäle schrieben nach Putins Rede am Morgen des 24. Juni, dass der Präsident einen „Fehler gemacht habe“, indem er sich auf die Seite von Verteidigungsminister Sergej Schoigu gestellt und damit das russische Soldatentum verraten habe.

Trotz der scheinbaren Abscheulichkeit des Geschehens ist Prigoschin mit heiler Haut davongekommen. Der Status der Gruppe Wagner ist in Russland zwar infrage gestellt, sie kann aber ihre Tätigkeit auf dem Territorium des russischen Verbündeten Belarus fortsetzen und anscheinend in Russland weiter Soldaten rekrutieren.

Angesichts der zunehmenden Instabilität Russlands stellt sich auch die Frage, ob Putin die Kämpfe auf ukrainischem Territorium beenden könnte. Der bewaffnete Aufstand hat gezeigt, dass sich bewaffnete Gruppierungen ungehindert Hunderte von Kilometern quer durch das Land bewegen können, ohne auf Widerstand zu stoßen. Da sich die meisten militärischen Formationen an der Front befinden, ist der Schutz in die Hände der „Rosgvardia“ (Nationalgarde) und der Wehrpflichtigen gefallen, die einer Gruppe erfahrener Wagner-Kämpfer kaum etwas entgegenzusetzen haben.

Putin hat wiederholt gezeigt, dass er bereit ist, den Einsatz zu erhöhen

Es ist nicht auszuschließen, dass viele russische Soldaten die Kritik der Wagner-Gruppe am Verteidigungsministerium und dessen Art der Kriegsführung tatsächlich teilen. Auch eine gewisse demoralisierende Wirkung ist nicht auszuschließen. Allerdings sind militärische Einheiten nicht aktiv auf die Seite Wagners übergewechselt (obwohl Nichtstun auch als passive Unterstützung interpretiert werden könnte), und einige Einheiten haben den Befehl ausgeführt, Wagners Konvois anzugreifen. Ob dies jedoch zu einer Reduzierung russischer Truppen in der Ukraine führen wird, um die innere Sicherheit zu stärken, ist noch schwer zu sagen. Nach den ersten Reaktionen von Putin und seinem Zirkel lässt sich eher das Gegenteil vermuten.

Putin hat wiederholt gezeigt, dass er bereit ist, den Einsatz zu erhöhen. Wenn sich die Frage eines Mangels an Soldaten zur gleichzeitigen Gewährleistung der inneren und äußeren Sicherheit stellt, wird er eher eine weitere Mobilisierungswelle ankündigen, als seinen bisherigen Kurs aufzugeben. In dieser Hinsicht ist die Wahrscheinlichkeit eines Friedens oder sogar Waffenstillstands auf kurze Sicht als gering einzuschätzen.

Mikhail Polianskii ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand im Programmbereich „Internationale Institutionen“ des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung.

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