Dem Sieger gehört die Beute: Ob Kohle, Atomstrom oder Seltene Erden – die Ukraine wird gerade gefleddert. Um die Ernte der Kohle-Kumpel oder der anderen Minenarbeiter streiten sich Russland und die USA; die Ukraine selbst hat dabei höchstens eine Nebenrolle.
Russland greift nach ukrainischem Lithium. Die USA auch.Putin mit Waffen, Trump mit Drohungen. Die Ukraine wird in die Rolle des Verlierer gedrängt.
Kiew – „Öffnen Sie nicht Ihr Maul für das Essen anderer. Die Mineralien der Ukraine gehören dem russischen Volk und niemand anderem“, schreibt „Starshe Eddy“ auf seinem Telegram-Kanal, wie ihn Reuters zitiert. Laut der Nachrichtenagentur missfällt dem russischen Militärblogger, seinen 600.000 Followern sowie russischen Nationalisten, dass die Bodenschätze der Ukraine plötzlich auch den Appetit des US-Präsidenten Donald Trump angeregt haben. Allerdings rücken Wladimir Putins Invasionstruppen unbeirrbar auf die Schatztruhen der Ukraine vor und sind kurz davor, ihren Claim abzustecken.
Russische Soldaten scheinen bis auf wenige Kilometer an eines der größten Lithium-Vorkommen der Ukraine herangerückt zu sein. Während Trump noch einen Deal mit der Ukraine herbei zu diktieren versucht, scheint der russische Aggressor bereits Fakten zu schaffen. Verschiedene Medien berichten unter Berufung auf den ukrainischen Militärblog „Deep State“ und dessen ungenannte Insider-Informationen, dass russische Truppen, die Lithium-Vorkommen bei Schewtschenko von drei Seiten aus angreifen würden. Lithium ist der wichtigste Bestandteil von Batterien für moderne Kommunikations- und Mobilität-Technologie.
Ukraine-Krieg um Rohstoffe: Lithium ist der Stoff der digitalen Träume
Ohne Lithium keine Energie für Smartphones, Tablets, Elektroautos. Lithium ist der Stoff der digitalen Träume. Der Bedarf wächst und wächst – und die Ukraine kann ihn befriedigen. Oder besser: Konnte. Laut RadioFreeEurope/RadioLiberty hat sich Wladimir Putin schon profunde Lithium-Vorkommen unter den Nagel gerissen: „Anfang 2022 hätten russische Streitkräfte in der südöstlichen Region Saporischschja ein Lithiumvorkommen aufgebracht. Seitdem habe Moskau auch in der benachbarten Region Donezk Gebiete erobert, in denen Lithium vermutet wird, berichten Wojtek Grojec und Kian Sharifi.
„Der Widerstand der Ukraine gegen den Mineraliendeal und gegen Trumps Führung der Friedensgespräche sei angesichts all dessen, was die Vereinigten Staaten für die Ukraine getan hätten, schlicht inakzeptabel.“
Geologischen Untersuchungen zufolge verfüge die Ukraine über schätzungsweise 500.000 Tonnen unerschlossenen Lithiums, berichten die Autoren. Das sei eine der größten Reserven Europas. „Die natürlichen Ressourcen der Ukraine stehen im Mittelpunkt des anhaltenden Krieges und werden es wahrscheinlich auch bleiben“, schreibt Nino Antadze. Für The Conversation benennt die Stadtplanerin, dass offenbar neben den politischen Begründungen Putins vor allem die wirtschaftlichen Aspekte die Antriebsfeder Putins sind. Kurz gesagt: Ihn treibt die Gier. Oder die schiere Not.
Die strategische Bedeutung der kritischen Rohstoffe der Ukraine könne gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, schreibt Aigars Liepins. Der Autor für ENSEC COE (Nato Energy Security Centre of Excellence)beschäftigt sich mit Energiesicherheit im Nato-Raum und der Sicherheit von Lieferketten sowie der Energie-Autonomie gegenüber nichtdemokratischen Ländern. Unter dem Aspekt ist die Ukraine ein Gralshüter wichtiger Ressourcen für das westliche wirtschaftliche Wachstum. Kurz gesagt. Je mehr Zugriff Wladimir Putins Russland auf die ukrainischen Bodenschätze bekommt, desto gefährdeter der Wohlstand im Westen. Bisher war davon ausgegangen worden, in der Ukraine würde die künftige Freiheit des Westens verteidigt werden; mittlerweile scheint allen Verantwortlichen zu dämmern, dass auch der künftige Wohlstand des Westens vom Ausgang des Ukraine-Krieges abzuhängen scheint.
Putins Krieg: Eroberung ukrainischer Minen kein operatives, dafür aber für ein strategisches Ziel
Möglicherweise hat Donald Trump das als Erster im Westen vollends begriffen. Aigars Liepins benennt die Ukraine als wichtige Quelle für Seltene Erden. Ihm zufolge stecken dort fünf Prozent der weltweiten Quellen. „Das Land besitzt rund 20.000 natürliche Lagerstätten 116 verschiedener Arten. Vor der groß angelegten russischen Invasion wurden 15 Prozent dieser Lagerstätten aktiv ausgebeutet, darunter 147 metallische und 4.676 nichtmetallische Erzlagerstätten“, schreibt Liepins. Titan, Lithium, Beryllium, Mangan, Gallium, Uran, Zirkonium, Graphit, Apatit, Fluorit und Nickel, sollen in ukrainischem Boden stecken. Laut Liepins verfüge das Land über die größten Titananhäufungen Europas – sieben Prozent der weltweiten Reserven. Die Luft- und Raumfahrt, Medizin, Automobilindustrie und Schifffahrt schielen angstvoll auf jeden Meter Boden, den Russland in der Ukraine gut macht.
Das Schicksal der ukrainischen Bodenschätze ist also eng gekoppelt mit der Entwicklung des Konflikts und der einzelnen Punkte in einem Friedensschluss. Insofern darf die Betonung der Nationalitätenfrage als Auslöser des Ukraine-Krieges stark in Zweifel gezogen werden. „Die ukrainischen Kommandeure, mit denen ich gesprochen habe, sagten, wenn sie sich ansahen, in welche Richtung und auf welcher Achse die Russen angriffen, sei klar gewesen, dass ihr Ziel auch die Eroberung der Bodenschätze war“, sagte Konrad Muzyka gegenüber dem Tagesspiegel. Der Verteidigungsanalyst von Rochan Consulting hält die Eroberung ukrainischer Minen für kein operatives, dafür aber für ein strategisches Ziel.
Russland hätte mit der Eroberung der Minen auch wieder ein international höheres wirtschaftliches Gewicht als Rohstofflieferant und könnte sich diplomatisches Wohlwollen erkaufen. Anders Donald Trump. Mit jedem Meter russischen Vormarsches auf die ukrainischen Bodenschätze wird seine Chance auf einen für ihn gedeihlichen Deal geringer. Seine Rhetorik verpufft. Möglicherweise pokert er bereits zu hoch, indem er die Zusage auf für ihn günstige Konditionen abhängig macht für militärische Hilfe. Russland verhandelt nicht, Russland marschiert, Trump verplempert offenbar Zeit.
USA-Debakel: Trump wird in Verhandlungen von Putin am Nasenring durch die Manege geführt
Wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj offenbar zugibt, habe Russland genaues Wissen, wo in der Ukraine Bodenschätze zu holen seien, aktuell scheinen viele dieser Vorkommen auf russischer Seite der Frontline zu sein – vor allem im Donzek. „Unbestritten ist jedoch, dass die Ukraine allmählich die Kontrolle über ihre Bodenschätze verliert“, schreibt Reuters-Autor Andrew Osborn. Obwohl die Schätzungen der tatsächlichen Zugewinne Russlands noch vage sein sollen. Grundsätzlich sind sind sich Beobachter einig, dass der selbst ernannte Dealmaker Donald Trump in Verhandlungen von Wladimir Putin am Nasenring durch die Manege geführt würde. Bezüglich der ukrainischen Rohstoffe, die eventuell zur Disposition stünden, scheint Russland auf unmissverständliches Handeln fokussiert zu sein.
Entsprechend äußert sich Moskau geharnischt: Maria Sacharowa habe Selenskyj vorgeworfen, den USA Ressourcen anzudienen, die die Ukraine angesichts des aktuellen Frontverlaufs gar nicht mehr unter Kontrolle habe, wie der Tagesspiegel die Sprecherin des Außenministeriums zitiert. Sie soll in dem Zusammenhang geäußert haben, die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg hätten die Ukraine ebenso auszuplündern versucht, wie das die US-Amerikaner jetzt planten.
Krieg um Seltene Erden: Letztendlich steht die Ukraine gelackmeiert da
Auch an Gas ist die Ukraine reich. Die Bestrebungen der Regierung laufen darauf hinaus, den europäischen Partnern Kooperationsabkommen anzubieten. Insofern hat der Ausverkauf der Ukraine möglicherweise schon begonnen. Auch Atomstrom könnte reichlich aus der Ukraine fließen. Oder Erdgas. Und nicht zu vergessen: Weizen. Wie Nino Antadze formuliert, scheinen allein die ukrainischen Vorkommen wichtiger Mineralien Billionen von Dollar wert sein. Donald Trump hat angekündigt, dass die Ukraine dem US-amerikanischen Volk 500 Milliarden Dollar schulden könnte.
Franziskus-Nachfolge: Die Favoriten unter den Papst-Kandidaten – Deutscher mischt mit
Wie der Kiew Independent mutmaßt, will – oder muss – Trump den Chinesen hinterher hecheln. Demnach kontrolliere China kontrolliere 70 Prozent der weltweiten Abbau- und 90 Prozent der Verarbeitungskapazität für Seltene Erden – von „America First“ ist Trump noch Lichtjahre entfernt. Allerdings ist die Ukraine ob des Wahlsieges der Republikaner erpressbar geworden. Russland greift militärisch zu, die USA langen diplomatisch zu. Letztendlich steht die Ukraine gelackmeiert da. Putin besteht auf die Ressourcen, weil ihm, geschichtlich betrachtet, ohnehin alles gehöre; Trump beharrt darauf, dass er einfach nur die Rechnung kassiere für das, was die Ukraine bestellt habe.
Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, sieht der US-Sicherheitsberater Mike Waltz deshalb auch keinen Grund für eine schlechtes Gewissen: „Der Widerstand der Ukraine gegen den Mineraliendeal und gegen Trumps Führung der Friedensgespräche sei angesichts all dessen, was die Vereinigten Staaten für die Ukraine getan hätten, schlicht inakzeptabel.“