Mysteriöse Todesfälle in Russland

Morde an Putin-Gegnern: „Verräter verrecken in der Gosse“

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Unerlaubtes Gedenken an Anna Politkowskaja 2019 am Solowezki-Stein in St. Petersburg.

Verbal macht Putin keinen Hehl aus seiner Reaktion auf Oppositionelle – real aber kann ihm keiner der mysteriösen Morde seiner bisherigen Herrschaft nachgewiesen werden. Eine Analyse von Frank Hölthohne.

Es sei naiv zu glauben, dass Putin irgendeine Art von Anstand besitze, schrieb Alexei Nawalny zum Absturz von Jewgenij Prigoschin. Aber selbst Putins Gerissenheit habe enge Grenzen. Sie reiche gerade aus, um ein Passagierflugzeug über Russland in die Luft zu jagen. Der darin sitzende Putin-Opponent Prigoschin ist ganz offenbar tot, am Sonntag behauptete das russische Ermittlungskomitee, man habe per DNA-Text nun den Beweis, dass der Oligarch an Bord der Maschine war.

Nawalny selbst hat einen Giftanschlag nur knapp überlebt, auch schon andere Gegnerinnen und Gegner des Putin-Regimes kamen durch zweifelhafte Umstände ums Leben. Und nicht nur Nawalny ist überzeugt, dass der Kreml dahintersteckt.

Putin-Gegnerin tot: Anna Politkowskaja

Anna Politkowskaja galt als eine der besten Reporterinnen Russlands, ihre Texte über Leid und Gewalt im zweiten Tschetschenienkrieg klagten die russische Armee ebenso an wie deren tschetschenische Hilfstruppen an. Tschetschenenchef Ramsan Kadyrow beschimpfte sie als Feindin. Sie selbst sagte 2006 in einem Interview, sie wolle Kadyrow ins Gefängnis bringen. Kurz darauf wurde sie im Treppenhaus ihres Moskauer Wohnhauses erschossen. Der Täter, ein junger Tschetschene, und auch mehrere Helfershelfer wurden vor Gericht gestellt. Aber die Auftraggeber fand man nicht.

Politkowskaja hatte Putin als Zyniker, Rassisten und Lügner kritisiert. Und ermordet wurde sie am 7. Oktober, ausgerechnet dem Geburtstag des Staatschefs.

Die Todesschüsse knallten demnach sehr signalträchtig: Seht ihr Schreiberlinge, was mit Euch geschieht, wenn ihr in unserer blutigen Wäsche wühlt! Gleichzeitig drängte sich der für seine Grausamkeit bekannte Kadyrow als Putins Leibrächer nach vorn: Putins Feinde sind auch meine Feinde. Und seht: Ich mache die Schmutzarbeit.

Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern

Wladimir Putin ist seit dem 24. Februar 2022 auch Kriegsherr – auch wenn in Russland nach offizieller Lesart nur von einer militärischen „Spezialoperation“ in der Ukraine gesprochen wird.
Am 24. Februar 2022 befahl Wladimir Putin den Angriff russischer Truppen auf die Ukraine. Setdem ist er nicht nur Präsident Russlands, sondern Kriegsherr – auch wenn in Russland der Ukraine-Krieg nach offizieller Lesart nur eine militärische „Spezialoperation“ genannt wird. © Mikhail Klimentyev/Imago
Wladmir Putin mit Flottenchef Kurojedow
Von 1975 bis 1982 war der am 7. Oktober 1952 geborene Putin KGB-Offizier, von 1984 bis 1985 besuchte er die KGB-Hochschule in Moskau. Ab 1985 war er in der DDR tätig, hauptsächlich in Dresden. Danach ging es wieder zurück nach St. Petersburg. Vom 25. Juli 1998 bis August 1999 war Putin Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB. In dieser Eigenschaft traf er sich im November 1998 mit Flottenchef Wladmir Kurojedow (rechts). © Stringer/dpa
So sah Wladimir Putin im Alter von 40 Jahren aus, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm.
Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Wladimir Putin im Jahr 1992 im Alter von 40 Jahren, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm. Zwei Jahre später wurde er von einem der Vizebürgermeister zum ersten Vizebürgermeister der Stadt ernannt. Sein politischer Aufstieg nahm Formen an. © Russian Look/IMAGO
Dieses Foto zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Jahr 1994 in seinem Büro. Damals war er 42 Jahre alt und Vizebürgermeister von St. Petersburg.
In seinem ersten Jahr als erster Vizebürgermeister der Stadt St. Petersburg im Jahr 1994 wurde Wladimir Putin in seinem Büro fotografiert. Damals war er 42 Jahre alt. Von körperlichen Beschwerden aus dieser Zeit ist nichts bekannt. Putin war zudem bereits seit seiner Jugend sportlich und ging unter anderem dem Kampfsport Judo nach, in dem er sich einen Schwarzen Gurt verdiente. © Russian Look/IMAGO
Drei Jahre später enstand dieses Foto von Wladimir Putin zusammen mit Anatoly Sobchak, ehemaliger Bürgermeister von St. Petersburg.
Dieses Foto entstand drei Jahre später, 1997, und zeigt Wladimir Putin – damals 45 Jahre alt – zusammen mit Anatoly Sobchak, dem ehemaligen Bürgermeister von St. Petersburg. © Russian Look/IMAGO
Wladimir Putin mit Boris Jelzin im Kreml.
Im Jahr 1999 übernahm Putin zum ersten Mal das Amt des Ministerpräsidenten – mit Option auf die Nachfolge von Präsident Boris Jelzin (links). Als Jelzin am 31. Dezember 1999 sein Amt niederlegte, übernahm Putin kommissarisch auch die Amtsgeschäfte des Präsidenten. Im Mai 2000 wurde Putin dann regulär zum Präsidenten Russlands gewählt. © dpa
Im Jahr 2000 wurde Putin zum ersten Mal Präsident der Russichen Föderation. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder in Berlin.
Im Jahr 2000 wurde Wladimir Putin erstmals zum Präsidenten der Russischen Föderation gewählt. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in Berlin. Die Beiden sollte im weiteren Verlauf eine innige Freundschaft verbinden, die auch über Schröders politische Karriere hinaus Bestand hatte. © Thomas Imo/IMAGO
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen.
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen. © Mikhail Metzel/Imago
Am 7. Mai 2000 legte Putin seinen Amtseid ab.
Am 7. Mai 2000 legte Putin unter den Augen von Boris Jelzin seinen Amtseid ab. Mit einer Ausnahme einer Zeit als Regierungschef von 2008 bis 2012 hat Putin seither das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation inne.  © Imago
Wladimir Putin und Bill Clinton bei der Unterzeichnung eines Vertrages in New York.
Im September 2000 führte Putin der Weg in die USA. Bill Clinton (rechts) war der erste US-Präsident, mit dem er es in den kommenden Jahren zu tun bekam. in seiner Mit dem damals noch amtierenden US-Präsidenten B © Imago
Mit einer Umarmung begrüßen sich Gerhard Schröder und Wladmir Putin im Foyer des Taschenbergpalais in Dresden.
Als Russlands Präsident reiste Putin im September 2001 zu einem dreitägigen Staatsbesuch nach Deutschland. Im Foyer des Taschenbergpalais in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden begrüßte ihn auch der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (links). Die beiden verstanden sich offensichtlich schon damals ausnehmend gut. Die Freundschaft hat auch heute noch Bestand. © Jan-Peter Kasper/dpa
Der schwarze Labrador von Wladimir Putin läuft beim Treffen seines Herrchens mit Angela Merkel durchs Zimmer.
Putin spielt gerne psychologische Spielchen – so auch 2007 mit Kanzlerin Angela Merkel. Bei ihrem Treffen in Sotschi am Schwarzen Meer ließ Putin während einer gemeinsamen Pressekonferenz eine Labradorhündin ohne Leine herumlaufen. Merkel, einst in ihrer Jugend von einem Hund gebissen worden, fühlte sich sichtlich unwohl.  © Dmitry Astakhov/dpa
George Bush und Wladimir Putin spazieren auf dem Gelände von Putins Sommerresidenz Bocharov Ruchei.
George W. Bush (rechts) war der zweite US-Präsident, mit dem es Putin zu tun bekam. Im April 2008 trafen sich beiden Staatschefs auf dem Gelände von Putins Sommerresidenz Bocharov Ruchei. © Imago
Wladimir Putin neuer russischer Regierungschef.
Am 7. Mai 2008 löste Dmitri Medwedew nach zwei Amtszeiten Putin im Amt des russischen Präsidenten ab. Einen Tag danach wählte die Duma Putin auf Vorschlag des neuen Präsidenten zum neuen Regierungschef. Putin blieb auch in dieser Position der starke Mann. © dpa
Im Jahr 2009 ließ sich Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend zur Demonstration von Macht fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt.
Im Jahr 2009 ließ sich Wladimir Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt. Mit solchen Fotos pflegte Putin sein Macho-Image. Er wollte er laut Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ Wirkung in der russischen Bevölkerung erzielen und auch international demonstrieren, dass er ein starker Gegner ist. © epa Alexey Druzhinyn
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben.
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben. Das gilt für Reiten wie offenbar auch fürs Angeln. © Aleksey Nikolskyi/Imago
Putin und Obama stoßen miteinander an.
Am 7. Mai 2012 wurde Putin erneut zum Präsidenten gewählt. Sein Verhältnis zu US-Präsident Barack Obama war von Distanz geprägt. Das war auch im September 2015 bei einer Veranstaltung der Vereinten Nationen in New York der Fall.  © Amanda Voisard/dpa
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause.
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause. © Alexei Nikolsky/Imago
Putin trifft Trump beim Apec-Gipfel in Vietnam.
Als Donald Trump die US-Wahl 2016 gegen Hillary Clinton gewann, hatte Russland wohl seine Hände mit im Spiel. Putin hatte sicher seinen Grund. Mit Donald Trump kam er jedenfalls gut zurecht. Im November 2017 begrüßten sie sich Familienfoto im Rahmen des Gipfeltreffens der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) in Da Nang (Vietnam) herzlich.  © Mikhail Klimentyev/dpa
Der chinesische Präsident Xi Jinping (r) und der russische Präsident Wladimir Putin (l) geben sich am 04.07.2017 im Kreml in Moskau (Russland) bei einem Gespräch die Hände
Unter Putin sind sich Russland und China zuletzt immer nähergekommen. Ein wichtiger Termin war der 4. Juli 2017, als der chinesische Präsident Xi Jiping im Kreml in Moskau zu Besuch war. Damals wurden mehrere Verträge und Wirtschaftsabkommen unterzeichnet. © Sergei Ilnitsky/dpa
Wladimir Putin und Olaf Scholz am Tisch im Kreml.
So pflegt Putin inzwischen seine Gäste zu empfangen – vor allem die aus dem Westen. Am 15. Februar 2022 reiste Kanzler Olaf Scholz nach Moskau. Damals hatte der Ukraine-Krieg noch nicht begonnen. Putin ließ sich von Scholz aber nicht beeindrucken. © Kremlin Pool/Imago
Wladimir Putin im Kreml.
Putin forcierte in seiner dritten Amtszeit die kriegerischen Auseinandersetzungen. Seit dem 21. März 2014 betrachtet Russland die Krim als Teil des eigenen Staatsgebiets, seit September 2015 unterstützt die russische Luftwaffe im Militäreinsatz in Syrien den syrischen Präsidenten Assad im dortigen Bürgerkrieg.  © Sergei Ilnitsky/dpa
Wladimir Putin (links) und Joe Biden schütteln sich bei ihrem Treffen in der „Villa la Grange“ die Hand.
Anlässlich der Genfer Gipfelkonferenz traf sich Putin am 16. Juni 2021 mit US-Präsident Joe Biden zu einem Gespräch. Schon damals waren die russischen Truppenaufmärsche an der Grenze zur Ukraine ein Thema. © Denis Balibouse/dpa
Wladimir Putin lacht
Genutzt hat das Gipfelgespräch wenig. Am 24. Februar 2022 begann mit dem Einmarsch der russischen Truppen ins Nachbarland der Ukraine-Krieg. Putin wusste es wohl schon in Genf.  © Denis Balibouse/dpa
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen.
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen. © Alexei Nikolsky/Imago

Putin-Gegner tot: Alexander Litwinenko

Der ehemalige Geheimdienstoffizier Alexander Litwinenko emigrierte 2000 aus Russland nach London, dort schrieb er das Buch „Der FSB jagt Russland in die Luft“, behauptete darin, die Staatsmacht habe die Wohnhausexplosionen von 1999 organisiert, die Putin an die Macht halfen. Er warf Putins FSB (Federalnaja Sluschba Besopasnosti, russischer Inlandsgeheimdienst) vor, hinter dem Mord an Anna Politkowskaja zu stehen. Und dann schrieb er noch, Putin sei pädophil.

Litwinenko starb am 23. November 2006 in einem Londoner Krankenhaus, wo er mit starken Vergiftungserscheinungen eingeliefert worden war. In seinem Urin fand man große Mengen des radioaktiven Polonium 210. Die Polizei kam zu dem Schluss, zwei Russen hätten ihn in einer Hotelbar mit einer Tasse Tee vergiftet. Ein britischer Richter befand abschließend, Präsident Putin habe die Ermordung Litwinenkos durch den FSB gebilligt.

Putin-Gegner tot: Alexander Litwinenko

Der Öl- und Medienmagnat Boris Beresowskij galt als der Königsmacher Putins 1999, zerstritt sich aber mit dem jungen Präsidenten, der ihm schnell die Kontrolle über den Staatssender ORT streitig machte. Beresowskij, dem in Russland ein Strafverfahren drohte, floh nach London, wo er weiter gegen Putin opponierte – und erklärtermaßen einen Umsturz in Russland vorbereitet; für die Festnahme Putins lobte er ein Kopfgeld von umgerechnet mehr als zwölf Millionen Euro aus. Er wurde am 23. März 2013 tot in seinem von innen abgeschlossenen Badezimmer gefunden. Beresowskij war damals verarmt und galt als depressiv. Die Gerichtsmedizin stritt untereinander, ob er sich aufgehängt hatte oder erdrosselt worden war. Noch ein Putin-Intimfeind, der unter mysteriösen Umständen den Tod fand.

Putin-Gegner tot: Boris Nemzow

Boris Nemzow wurde am Abend des 27. Februars 2015 auf der Moskwa-Brücke am Kreml getötet, ein tschetschenischer Killer feuerte sechs Kugeln auf ihn ab. Nemzow, unter Jelzin Vizepremier, war damals Führer der liberalen Opposition; seine notorische Schelte für Putins Politik eskalierte nach der Besetzung der Krim durch russische Truppen 2014, Nemzow bezeichnete Putin als „durchgeknallt“ und „psychisch krank“.

Der Mordschütze wurde gefasst und kam vor Gericht und beteuerte dort, er habe Nemzow nur aus Wut über dessen gemeine Sprüche über den Islam getötet. Aber wie im Fall Politkowskaja verloren sich auch hier Spuren von Drahtziehern in der Umgebung Kadyrows. Und wieder wurde gemutmaßt, ob die Tschetschenen einen Auftrag des Kreml erfüllt hatten oder Putins geheimen Wünsche zuvorkommen wollten.

Putin-Gegner im Visier: Alexei Nawalny

Der liberale Politiker Alexei Nawalny, der Putins Regime immer wieder Korruption vorgeworfen hatte, brach am 20. August 2020 im Flugzeug von Tomsk nach Moskau zusammen, eine Nowitschok-Vergiftung wurde diagnostiziert. Schon 2018 war auch der ausgetauschte Doppelagent Sergej Skripal mit dem sowjetischen Nervenkampfstoff attackiert worden. Ihn beschimpfte der Herr im Kreml einmal als „Dreckskerl“. Und, so Putin, Verräter „verrecken in der Gosse“.

Die Online-Recherche-Plattform Bellingcat und andere Medien veröffentlichten erdrückende Indizien, dass FSB-Agenten in die Anschläge auf Skripal und Nawalny verwickelt waren. Aber endgültige Beweise gibt es in keinem Fall. Umso mehr Ängste kreisen. Manche Oppositionelle glauben, der Kreml lasse morden, weil es auch für „Staatsfeinde“ keine Todesurteile mehr gibt. Andere sind überzeugt, dass politischer Unmut, der in aktive Opposition umschlagen könnte, durch manchmal mörderische, aber immer latent drohende Gewalt in angstvolle Passivität verwandelt werden soll.

Putin nannte auch Jewgenij Prigoschin vor zwei Monaten einen Verräter. Bei dessen Meuterei unter dem Namen „Marsch der Gerechtigkeit“ Ende Juni schossen seine „Wagner“-Söldner ein Flugzeug und sechs Hubschrauber der russischen Streitkräfte ab. Jeder russische Richter hätte Prigoschin als Hochverräter lebenslänglich gegeben. Aber Putin kündigte am Donnerstag andere juristische Rituale an: „Die Ermittlungen haben schon begonnen, sie werden in vollem Umfang zu Ende geführt werden.“ Auch der Fall Prigoschin wird wohl ungelöst bleiben. (Frank Hölthohne)

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