Erfolg gegen Russland möglich?

Noch gut 30 Tage „Kampfwetter“: Zeitfenster für die Ukraine schließt sich – US-Fachleute bangen

  • schließen

Kann die Ukraine vor dem Winter noch den Durchbruch schaffen? Experten sind sich bemerkenswert uneins. Klar ist: Das Zeitfenster schließt sich.

Kiew/Washington, D.C. - Bei Robotyne im Süden des Landes hat die Ukraine zuletzt endlich einen kleinen Durchbruch bei ihrer Gegenoffensive erzielt. Doch eine große Frage bleibt: Ist der Erfolg zu spät gelungen?

Dabei geht es auch, aber nicht nur um wachsende Ungeduld des Westen im Ukraine-Krieg. Das erklärte Ziel ist schließlich, tief hinter die Verteidigungslinien vorzudringen - und in Schussweite zu den russischen Versorgungslinien unter anderem für die Krim zu gelangen. Das, so meinen Experten, könnte Russlands Front zum Zusammenbruch bringen. Beim großen Verbündeten in den USA mischen sich offenbar Hoffen und Bangen. Laut Generalstabschef Mark Milley könnten den Truppen der Ukraine noch 30 bis 45 Tage zeit für die große Aufgabe bleiben.

Zeitfenster im Ukraine-Krieg: Noch gut 30 Tage Zeit für die Gegenoffensive?

Es sei noch zu früh, um die Gegenoffensive als Fehlschlag abzustempeln, sagte Milley der britischen BBC in einem am Sonntag (10. September) veröffentlichten Interview. „Es gibt noch eine vernünftige Zeitspanne, wahrscheinlich 30 bis 45 Tage“, sagte er mit Blick auf verbleibende Zeitfenster des „Kampfwetters“. Einige Kämpfe seien noch nicht ausgefochten. „Sie haben noch nicht den Kampf-Part dessen beendet, was wir erreichen wollen.“

Milley betonte, er habe von Anfang an auf einen zähen Kampf eingestimmt. „Ich habe schon zu Beginn all dessen gesagt, dass das es lang und hart werden und große Verluste produzieren wird“, sagte er. Es gibt allerdings seit Wochen auch Kritik an der Rolle des Westens in der ukrainischen Gegenoffensive. Etwa an der Absenz von Kampfflugzeugen, die für Offensiv-Strategien als unerlässlich angesehen werden. Ein Experte aus Reihen der Ukraine prangerte von der Front aus auch „komische“ Empfehlungen aus dem Westen an.

US-General Mark Milley hofft auf schnelle Durchbrüche der Ukraine - im Hintergrund eine Aufnahme aus der Oblast Donezk.

So oder so bleibt die Lage aber unübersichtlich. Nicht nur wegen der Schwierigkeit, die Darstellungen Russlands und der Ukraine zu verifizieren. Auch die Einschätzungen zu den Chancen der Gegenoffensive fallen teils stark widersprüchlich aus. Das gilt auch für Experten und Insider aus den USA und anderen westlichen Ländern.

Ukraine-Vorstoß in Russlands Linien zu spät? US-Offizielle unken unter Mantel der Anonymität

So räumte Trent Maul, Analysedirektor der US-amerikanischen „Defense Intelligence Agency“ zuletzt ein, auch US-Beamte hätten die beachtliche Tiefe der russischen Verteidigungsanlagen nicht erkannt. Er gab sich dennoch optimistisch. „Ihr Durchbruch auf diesen zweiten Verteidigungsgürtel ist tatsächlich ziemlich beachtlich“, sagte er mit Blick auf das Vorrücken der Ukrainer bei Robotyne. Noch vor zwei Wochen wäre er skeptischer gewesen.

Der renommierte Economist erheischte aber auch wesentlich skeptischere Stimmen aus Reihen der US-Regierung - bezeichnenderweise aus dem Munde eines Experten, der sich lieber nicht namentlich nennen ließ. Auch er verwies auf die begrenzte Zeit angesichts des nahenden, schlammigen Herbstes und Winters. In sechs bis sieben Wochen könne der Höhepunkt der Gegenoffensive erreicht sein, meinte er. Eine optimistischere Einschätzung als die Milleys. Dennoch gab es ein bitteres Fazit: „Wenn Sie in fünf Jahren auf das Schlachtfeld blicken, könnte es sehr ähnlich aussehen“, unkte ein weiterer Informant aus Washingtoner Kreisen.

Ganz anders fallen die Prognosen aus der Ukraine aus: Geheimdienst-Chef Kyrylo Budanow prophezeite am Wochenende demonstrativ ein Kriegsende und eine Rückeroberung der besetzten Gebiete noch 2024 - Russland sei „am Boden“, meint er. Und auch der Verbündete Großbritannien gab sich höchst optimistisch. Allerdings in etwas vieldeutigen Worten. „Die Ukraine gewinnt und Russland verliert“, sagte Generalstabschef Tony Radakin der BBC. Das liege daran, dass es Russlands Ziel sei, die Ukraine zu unterwerfen. „Das ist nicht passiert und wird nie passieren“, betonte er. Damit schien er allerdings einen anderen Erfolgs-Maßstab als etwa Budanow zu benennen.

Druck auf Ukraine-Gegenoffensive: Ist Russlands stärkste Linie tatsächlich überwunden?

Glaubt man Stimmen von der Front, dann haben beide Kriegsparteien mit starken Schwierigkeiten zu kämpfen - was angesichts des zähen Abnutzungskampfes sehr plausibel scheint, auch wenn sich beide Seiten mit Zahlen zu ihren Verlusten zurückhalten. So hatte Russland zuletzt offenbar Reserve- und Elite-Einheiten in die Gefechte schicken müssen. Soldaten der Ukraine schilderten unterdessen erschütternde Szenen von den Schlachtfeldern der Gegenoffensive.

Die Schwierigkeiten der ukrainischen Truppen hängen auch mit den starken Befestigungen der russischen Armee in der Süd-Ukraine zusammen. In Auftrag gegeben hatte sie wohl noch „General Armageddon“, Sergej Surowikin, in seiner Zeit als Putins Oberbefehlshaber für die Ukraine. Kiews Armee musste sich offenbar teils entlang der für die Region typischen Baumreihen vorankämpfen - die Russlands Soldaten wiederum zu verteidigen versuchten.

Offen ist nach Einschätzung Mauls auch noch, ob mit der ersten Verteidigungslinie bei Robotyne tatsächlich der schwerste Teil an dieser Frontstelle überstanden ist - oder Russland nicht doch noch massive Kräfte an der dritten Linie stationiert hat. Klar scheint momentan nur: Das Blutvergießen im Angriffskrieg des Kreml ist noch lange nicht beendet. „Letztendlich geht es in dieser Abnützungskampagne darum, welche Seite über mehr Reserven verfügt“, schrieb der Militäranalyst Franz-Stefan Gady zuletzt auf Twitter.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Ida Marie Odgaard

Kommentare