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Werden sie für Wladimir Putin wieder zum Problem? Berichten zufolge ziehen sich die Wagner-Söldner angeblich aus Belarus zurück - nach Russland.
München/Minsk/Moskau - Verschiedenen Berichten zufolge verlassen Hunderte Wagner-Söldner Belarus und kehren wieder nach Russland zurück. Das schreiben unter anderem die ukrainische Internet-Zeitung Kyiv Post und die viel zitierte US-amerikanische Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW).
Deal mit Wladimir Putin gescheitert? Wagner-Söldner kehren wohl nach Russland zurück
Die Vereinbarung zwischen Söldner-Chef Jewgeni Prigoschin und Moskau-Machthaber Wladimir Putin, die zur Beilegung des Wagner-Aufstands am 24. Juni geschlossen wurde, könnte damit bereits gescheitert sein, heißt es in den Berichten. Russischen Quellen zufolge zieht sich die Privatarmee (PMC) mit Bussen in Gruppen von 500 bis 600 Mann auf russisches Territorium zurück.
Laut Kyiv Post sollen sie dort auf weitere Anweisungen warten, zum Beispiel für Einsätze in Afrika, wo die PMC Wagner im Auftrag des Kreml in den vergangenen Jahren sehr aktiv war. Eine Rückkehr in den Ukraine-Krieg sei dagegen nicht geplant.
Der Deal sah vor, dass Putin die russischen Aufrührer begnadigt, wenn diese nach Belarus ins Exil gehen, wo sein Verbündeter Alexander Lukaschenko sich als Problemlöser hinstellen konnte. Aber: Hatte sich der Minsker Autokrat durch die Ankunft der brutalen Wagner-Söldner vielmehr ein Problem in seinem Land geschaffen? Weswegen er jetzt die PMC wieder rausschmeißt? Das zumindest meldeten mehrere russische Quellen am 10. August.
Berichte: Wagner-Söldner verlassen Belarus und gehen nach Russland
Die Kyiv Post beruft sich auf einen russischen Militärblogger, der demnach in einem Posting schreibt: „Offiziell wird dies als die Entsendung von Kämpfern in den Urlaub beschrieben. Von einer Rückkehr nach Weißrussland spricht jedoch niemand. Den Kämpfern wird nur befohlen, mit den Wagner-Behörden Kontakt zu halten, um neue Befehle zu erhalten, die jederzeit eingehen können.“
Offiziell wird dies als die Entsendung von Kämpfern in den Urlaub beschrieben. Von einer Rückkehr nach Weißrussland spricht jedoch niemand.
Laut derselben russischen Quelle hat Lukaschenko angeblich erkannt, dass er den Aufenthalt der Söldner in Belarus bezahlen müsse. Und nicht, dass Moskau dafür aufkomme, wie angeblich besprochen. Das ISW schreibt in seiner täglichen Einschätzung vom 9. August: „Spekulationen über den Rückzug der Wagner-Gruppe aus Weißrussland deuten darauf hin, dass Aspekte des Deals im Anschluss an Wagners bewaffneten Aufstand zusammengebrochen sind. Das wahrscheinliche Scheitern von Teilen des Wagner-Putin-Lukaschenko-Deals deutet darauf hin, dass es Putin nicht gelungen ist, die von Prigoschin und Wagner nach Wagners Aufstand vom 24. Juni aufgeworfenen Fragen zu lösen.“
Wagner-Söldner in Belarus: Jewgeni Prigoschins Leute stellen Problem dar
Laut der belarussischen Opposition sollen sich die fragwürdigen Kämpfer in Weißrussland zudem daneben benommen haben. „Unsere Quellen teilen uns mit, dass die Wagner-Söldner mit Waffen in Geschäften herumlaufen und, verzeihen Sie diese Wortwahl, weißrussische Mädchen belästigen“, schilderte der ehemalige Kulturminister Pawel Latuschka kürzlich IPPEN.MEDIA. Seiner Einschätzung nach sehen seine Landsleute „die Risiken für die öffentliche Sicherheit kritisch. Wie wird das bestätigt? Dies wird durch die Tatsache bestätigt, dass Lukaschenko praktisch dazu gezwungen ist, ständig bei jeder öffentlichen Rede den Weißrussen zu erklären, warum die Gruppe Wagner in unserem Land ist“, erzählte Latuschka. Auch Lukaschenkos Sicherheitsapparat sehe in den Wagner-Söldnern „ein Problem, eine Herausforderung für die Sicherheit der Gesellschaft“.
Wer finanziert Wagners Söldner in Weißrussland? Lukaschenko hat dafür kein Geld, er hat es einfach nicht. Es gibt ein riesiges Loch im staatlichen Haushalt.
Lukaschenko sei somit „zwischen zwei Konflikte“ geraten, meinte der Oppositionspolitiker weiter. Und eine Frage sei permanent ungeklärt geblieben, erzählte Latuschka: „Wer finanziert Wagners Söldner in Weißrussland? Lukaschenko hat dafür kein Geld, er hat es einfach nicht. Es gibt ein riesiges Loch im staatlichen Haushalt.“ Für den Minsk-Machthaber bestehe zudem die Gefahr, dass „Wagners Söldner irgendwann zu Putins Werkzeug gegen Lukaschenko selbst werden“. Offen ist jetzt völlig, wie Putin mit den zurückkehrenden Wagner-Kämpfern umgehen wird, unter denen etliche Schwerkriminelle sein sollen. Wird es eng für Prigoschin?
Was wird aus den Wagner-Söldnern? Putin trachtet Prigoschin angeblich nach dem Leben
„Die Wagner-Einrichtungen und die Unternehmen Prigoschins werden jetzt aufgelöst. Prigoschin verliert damit seine ökonomische Machtbasis. Was aus ihm und seinen Kämpfern werden wird, ist aktuell nicht abzusehen. Belarus scheint nur eine Übergangslösung zu sein“, hatte Osteuropa-Experte Prof. Dr. Klaus Gestwa im Interview mit IPPEN.MEDIA vorhergesagt. Der Historiker der Universität Tübingen, der einst in Moskau sowie in Sankt Petersburg studierte und auch heute informelle Kontakte nach Russland hält, meinte: „Wir kennen Putins Rachsucht. Deshalb ist zu vermuten, dass Prigoschin seine Lebenszeit drastisch reduziert hat. Noch ist ein Anschlag auf ihn aber politisch riskant, weil er weiter Fürsprecher in den russischen Sicherheitsapparaten hat. Aber die Zeit, ihm mit geheimdienstlichen Mitteln nach dem Leben zu trachten, wird kommen.“ (pm)
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