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Probleme beim Nachschub: Die Munitions-Bestände der USA und der Nato schwinden durch den Ukraine-Krieg. Das Hochfahren der Produktion dauert.
Kiew/Washington DC – Anderthalb Jahre nach Beginn des Ukraine-Kriegs hat der Artilleriebeschuss der ukrainischen Streitkräfte auf Russlands Truppen kaum nachgelassen, gleichzeitig nehmen die verbleibenden Munitionsbestände ihrer Unterstützer langsam und stetig ab. Nach Angaben von US-Verteidigungsbeamten gegenüber CNN feuern die ukrainischen Truppen aktuell in der Regel zwischen 2000 und 3000 Artilleriegranaten pro Tag ab.
Vor dem Beginn der Gegenoffensive sei die Rate noch höher gewesen, als die Ukraine sich auf den Vormarsch auf die russisch besetzten Gebiete vorbereitete. Das Problem des mangelnden Nachschubs ist dabei kein neues. Immer wieder forderte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die westlichen Länder dazu auf, seinem Land mit weiteren Waffenlieferungen zu helfen.
Munition für Ukraine-Krieg: Produktion in ausreichender Menge noch „Jahre“ entfernt
Doch die bloße Entscheidung für weitere Lieferungen löst noch nicht das Problem der Produktionsdauer. Es werde noch „Jahre“ dauern, bis die Munition in akzeptablen Mengen hergestellt werden könne, sagte der nationale Sicherheitsberater der USA, Jake Sullivan, am Sonntag (16. Juli) gegenüber CNN.
Man habe ursprünglich gehofft, dass sich die Ukraine zu diesem Zeitpunkt bereits weniger auf die Artillerie und mehr auf kombinierte Waffenmanöver verlassen könnten, erklärten einige US-Beamte laut CNN. Das sei eine effizientere Art des Kampfes, die die USA den ukrainischen Streitkräften beigebracht hätten. Doch dadurch, dass Russland das Zielgebiet der Gegenoffensive weitgehend vermint habe, sei die Ukraine gezwungen, Ziele weiter aus größerer Entfernung mit Artillerie zu zerstören.
Ukraine-Krieg: USA setzen auf umstrittene Notlösung – für den Übergang
In den letzten Wochen ist die Besorgnis der US-Regierung über die Nachschublieferungen an die Ukraine so stark gewachsen, dass Präsident Joe Biden Kiew nun auch Streumunition in das Kriegsgebiet schicken will. Diese Entscheidung war politisch umstritten und barg das Risiko, die europäischen Verbündeten zu verärgern. Diese verbieten den Einsatz solcher Munition großteils – wegen der von ihr ausgehenden Gefahr für die Zivilbevölkerung.
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kommentierte dementsprechend das Vorhaben der Biden-Regierung, Streumunition an die Ukraine zu liefern. Dies sei ein Rückschritt für gemeinsame Ziele, die Zivilbevölkerung während und nach bewaffneten Konflikten vor Gefahren zu schützen. US-Sicherheitsberater Sullivan erklärte am Sonntag (16. Juli) gegenüber CNN, die umstrittene Maßnahme sei allerdings notwendig, da die verbleibenden Munitionsbestände der USA sehr gering seien.
Sorge um Nachschub für Ukraine von Anfang an gegeben: „Das ist ein Warnsignal“
Mehrere Beamte der US-Regierung wiesen laut CNN darauf hin, dass es sich nur um eine Überbrückungsmaßnahme handele, bis mehr Einheitsmunition produziert werden könne. „Dies ist ein artillerieintensiver Kampf“, erklärte Verteidigungsminister Lloyd Austin bereits letzte Woche. „Das belastet die internationale Versorgung mit Munition, Artilleriemunition.“
Die Republikanerin Deb Fischer, Mitglied des Verteidigungs- und Bewilligungsausschusses, erklärte gegenüber CNN, dass die Sorgen um den Nachschub von Anfang an bestehen mussten. Am Beispiel einer Lockheed-Martin-Produktionslinie für Javelin-Panzerabwehrraketen werde das deutlich. Diese könne 2100 Raketen pro Jahr produzieren, während die Ukraine 500 dieser Raketen pro Tag einsetze. „Das ist ein Warnsignal“, so Fischer.
Ukraine-Krieg: USA besorgt angesichts von russischer Kriegsbereitschaft
Sie dränge daher auf größere Investitionen in die Rüstungsproduktion, um der Herausforderung eines kriegsbereiten Russlands in Europa und eines chinesischen Militärs, das seine Präsenz im Pazifik behauptet, zu begegnen. „Das ist eine ernste Sache. Ich will nicht sagen, dass der Himmel einstürzt, aber wir müssen uns darauf konzentrieren“, sagte Fischer. „Wir müssen in der Lage sein, die Produktion hochzufahren.“
Bei den Nato-Partnern besteht offenbar allerorts Nachholbedarf. Eine britische Quelle erklärte gegenüber CNN: „Das Vereinigte Königreich ist wie andere Verbündete ständig auf der Suche nach einer Produktionserweiterung, um unsere Bestände aufzufüllen und die Ukraine weiterhin unterstützen zu können.“ Zudem unterzeichneten Frankreich und die Ukraine bei dem Nato-Gipfel in Vilnius ein Abkommen, das die Schaffung eines Rahmens für die gemeinsame Produktion von Ersatzteilen und die Wartung ausländischer Waffen und Ausrüstungen vorsieht.
Munition für die Ukraine: USA und Nato-Partner müssen „eingeschlafene“ Lieferketten ankurbeln
Auch Berlin hat Maßnahmen ergriffen, um bestehende Lücken in den Munitionsbeständen zu schließen und die Munitionsreserven aufzustocken. So erklärte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) bereits im Frühjahr, dass die Munition für den in der Schweiz hergestellten Gepard-Panzer, der der Ukraine zur Verfügung gestellt wurde, wieder in Deutschland produziert werde. Man habe sich für den Schritt entschieden, um nicht von der Schweiz abhängig zu sein. Die Munition aus dieser neuen Produktionslinie werde voraussichtlich noch in diesem Sommer geliefert, so eine Quelle aus Berliner Regierungskreisen gegenüber CNN.
US-Luftwaffengeneral Charles Q. Brown Jr., sagte, die Nato habe erkannt, wie wichtig es sei, bestimmte wichtige Versorgungsketten nicht brachliegen zu lassen. „Wir alle hatten damit zu kämpfen, unsere Lieferketten anzukurbeln, von denen einige eingeschlafen sind“, sagte er gegenüber CNN. Er fügte hinzu, dass „wir als Bündnis nicht einfach davon ausgehen können“, dass ein anderes Land einspringen werde, um die Lücke zu füllen – wie es die USA nun mit Streumunition getan haben. (na)
