VonMaria Sterklschließen
Noch immer befinden sich israelische Geiseln nach ihrer Entführung im Gazastreifen. Ein Abkommen zwischen Israel und der Hamas soll kurz vor dem Abschluss stehen.
Frankfurt – Wenn dieser Tage in Israel von „Optimismus“ die Rede ist, ist das für manche fast ein Alarmsignal. Zu oft hieß es in der Vergangenheit, man sei einem Deal zur Freilassung der Geiseln aus Hamas-Gewalt und einer Waffenruhe in Gaza nahe. Quellen für diese Behauptungen waren meist Verhandlerkreise in Doha. Bald nach den Medienberichten zerbröselte stets der Konsens, und alle waren nur noch damit beschäftigt, der Gegenseite die Schuld zuzuweisen: Israel der Hamas, die Hamas Israel. Inzwischen sind 15 Monate vergangen, seit das verheerende Hamas-Massaker vom 7. Oktober die Region in den längsten Krieg seit Israels Staatsgründung stürzte.
33 Geiseln vor Freilassung – Verhandlungen zwischen Israel und Hamas vor Durchbruch
Jetzt könnte aber tatsächlich der Durchbruch gelingen, wenn man den Berichten aus den intensiven Verhandlungen in Katar glaubt. Laut einem Entwurf, der nun Israel und der Hamas vorgelegt wurde, sollen in einem ersten Schritt 33 Geiseln freigelassen werden. Diese erste Phase soll den Menschen in Gaza einen Waffenstillstand von 42 Tagen bringen und der Hamas die Freilassung von mehr als Tausend Gefangenen aus israelischen Gefängnissen.
Vieles ist noch unklar. Niemand weiß, wie viele von den 33 freizulassenden Geiseln noch am Leben sind. Israel drängt auf einen möglichst hohen Anteil an Lebenden, die Hamas weigert sich vehement, alle Lebenden freizulassen. Diese Frage dürfte der hartnäckigste Streitpunkt sein.
Im Tausch gegen Hamas-Geiseln: Israel könnte Tausend Häftlinge freilassen
Zäh verlaufen offenbar auch die Gespräche über die palästinensischen Gefangenen. Dass es mehr als Tausend sind, die Israel verlassen dürfen, ist offenbar unstrittig. Schwieriger gestaltet es sich bei der Frage, welche Namen Israel noch von der Hamas-Liste wegverhandeln kann. Gewichtige Terror-Drahtzieher in die Freiheit zu entlassen, ist nicht nur der israelischen Bevölkerung schwer zu vermitteln. Es birgt auch die Gefahr, dass damit militärische Erfolge im Kampf gegen die Hamas zunichte gemacht werden. Immerhin sollen rund 200 der Tausend Terroristen zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt worden sein.
Die Hamas drängt zudem auf einen weitgehenden Rückzug der israelischen Truppen und eine Rückkehr der Binnenflüchtlinge in den Norden des Gazastreifens. Israel soll zu einem Teilrückzug bereit sein, besteht aber auf anderen Sicherheitsgarantien – etwa einer von Israel kontrollierten Pufferzone entlang der Grenze.
Gaza: Grenznahe Städte unter Militärbesatzung?
Dies würde bedeuten, dass einige grenznahe Städte in Gaza unter permanente israelische Militärbesatzung kommen. Auch den Netzarim-Korridor, eine von Israel geschaffene, stark militärisch gesicherte West-Ost-Achse in Zentralgaza, will die Armee nicht räumen.
Trotz dieser Differenzen soll man einem Deal so nahe sein wie selten zuvor, heißt es. Innerisraelische Hürden könnten diesmal ebenfalls überbrückbar sein.
Widerstand kommt wie üblich aus den rechtsextremen Koalitionsparteien unter Finanzminister Bezalel Smotritsch und Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir, aber auch von ein paar Hardlinern in Benjamin Netanjahus Likud-Partei.
Israels Ministerpräsident selbst soll dieses Mal deutlich weniger zurückhaltend sein, was Zugeständnisse betrifft. Der aktuelle Entwurf deckt sich in weiten Teilen mit dem Biden-Plan vom vergangenen Mai. Was jetzt anders ist: Hamas-Führer Yahya Sinwar ist tot, US-Präsident Joe Biden auf dem Rückzug, und – wohl am wichtigsten – Donald Trump auf dem Weg ins Weiße Haus. In Doha sind Entsandte von Biden und Trump am Verhandlungstisch.
Antrittsgeschenk für Trump? Netanjahu wohl bereit für Zugeständnisse in Gaza
Netanjahu soll, so wird es in Israel kolportiert, seine Regierungsmannschaft aufgerufen haben, im kleinen Gaza Zugeständnisse zu machen und auf das „big picture“ zu achten, für das man Trumps Wohlwollen noch brauche. Gemeint ist damit wohl der Iran, aber nicht nur: Auch Expansionspläne im Westjordanland werden unter Trump eher auf wenig Widerstand stoßen.
So will Netanjahu seine rechtsextremen Koalitionskollegen davon überzeugen, Trump dieses eine Antrittsgeschenk in Form eines Geisel-Deals zu bereiten, um sich die Aussicht auf Gegengeschenke zu eröffnen. Sollten die Rechtsextremen hart bleiben, hat er sich wichtige Stimmen der Opposition schon gesichert: Benny Gantz kündigte an, seine Partei werde dem Deal im Parlament „vollen Rückhalt“ geben.
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert




Von Jubel ist bei den Angehörigen der Geiseln trotz alledem wenig zu bemerken. Er fühle im Moment gar nichts, sagt Yonatan Dekel-Chen, Vater des von der Hamas entführten und festgehaltenen Sagi Dekel-Chen, im Interview mit Ynet. „Ich werde etwas fühlen, wenn die Verschleppten nachhause zurückkehren.“
Die Euphorie, die viele in Israel angesichts der nahenden Trump-Ära empfinden, kann der US-israelische Doppelstaatsbürger nicht teilen. Trumps Drohung, er werde im Falle eines Scheiterns des Deals „die Hölle“ über Gaza bringen, erfüllt ihn mit Angst: Denn in dieser Hölle befinden sich dann auch die Geiseln. „Darum ist es so wichtig, dass Israels Regierung das beendet, bevor Trump ins Amt kommt.“
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