Kritik – und Wandel?

Selenskyjs Autorität in der Ukraine bröckelt – Experte benennt zwei „Favoriten“ für zentrales Amt

  • schließen

Wolodymyr Selenskyj hat seinen Strippenzieher hinter den Kulissen eingebüßt – und gerät selbst unter Druck. Verändert sich etwas in der Ukraine? Eine Analyse.

Bislang liefen in der Ukraine alle Fäden bei einem Mann zusammen – mehr noch als bei Präsident Wolodymyr Selenskyj: Präsidialamtschef Andrij Jermak galt als der Strippenzieher, als eigentliches Machtzentrum; er verteilte auch Vertraute an wichtigen Stellen des Apparats. Nun ist Jermak über den ukrainischen Korruptionsskandal gestolpert. Selenskyj musste sich, spät aber doch, von ihm trennen. Und nun? Ukraine-Experte Eduard Klein nennt zwei Nachfolge-Favoriten. Sie könnten eine neue Phase für die ukrainische Politik ermöglichen, theoretisch jedenfalls.

Wolodymyr Selenskyj (Mitte), neben Ex-Präsidialamtschef Andrij Jermak (li.) und dem möglichen Nachfolger Denys Schmyhal (Mitte re.). (Archivbild)

„Was ein neues starkes Machtzentrum anbelangt, so bleibt abzuwarten, ob sein Nachfolger – es werden fünf Kandidaten gehandelt – das Amt wieder so stark ‚ausfüllen‘ kann wie Jermak“, sagt der Wissenschaftler der Forschungsstelle Osteuropa an der Uni Bremen. Jermak galt als autoritärer Faktor. Und ihm wurden höhere politische Ambitionen nachgesagt. Die größten Chancen auf dessen Posten rechnet Klein Mychailo Fedorow und Denys Schmyhal zu.

„Viele Abgeordnete sind amtsmüde“: Selenskyj verliert an Rückhalt in der Ukraine

Der Stellvertretende Ministerpräsident Fedorow und der frühere Ministerpräsident und jetzige Verteidigungsminister Schmyhal hätten eines gemeinsam: Kleins Eindruck nach haben beide „weniger Interesse an der Macht an sich“. Das könnte ein Fenster für einen neuen politischen Stil öffnen. Die Rada – das Parlament – und das Kabinett könnten wieder ein größeres Gegengewicht zu Selenskyj und seinem Präsidialamt schaffen, meint der Bremer Wissenschaftler. Unklar sei aber, ob diese die Gelegenheit auch genutzt werden.

Das politische Machtgefüge ist schon seit 2019 etwas speziell. Aber es ist auch zunehmend fragil. Eigentlich hat die Rada einiges politisches Gewicht, ebenso der von ihr gewählte Ministerpräsident. Er schlägt dem Parlament etwa alle Minister zur Wahl vor – nur die Vorschläge für Außen- und Verteidigungsministerium kommen vom Präsidenten. Bei der Wahl 2019 hatte aber Selenskyjs Partei Diener des Volkes – benannt nach Selenskyjs einstiger TV-Sitcom – eine absolute Mehrheit eingefahren, eine Koalition war nicht nötig. De facto liefen damit alle Fäden der Macht bei Selenskyj zusammen. Oder eben bei seiner rechten Hand Jermak. Die Machtbasis im Parlament bröckelt aber.

Ukraine-Verhandlungen in Washington: Trump-Gipfel mit Merz und Co. in Bildern

Wolodymyr Selenskyj ist zurück im Weißen Haus.
Wolodymyr Selenskyj ist zurück im Weißen Haus. Auf Einladung Donald Trumps verhandelt der ukrainische Präsident dort über einen möglichen Frieden im Krieg mit Russland. © afp
Gipfel im Weißen Haus zum Ukraine-Krieg
Der Gipfel im Weißen Haus zum Ukraine-Krieg wurde in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft. Noch vor wenigen Tagen war nichts über ein Treffen Trumps mit Selenskyj bekannt gewesen. © imago
Trump und Putin in Alaska
Dem Treffen Trumps mit Selenskyj ging der historische Gipfel des US-Präsidenten mit Russlands Machthaber Wladimir Putin in Alaska zuvor. Die beiden Staatsoberhäupter berieten im nördlichsten US-Bundesstaat über den Ukraine-Krieg und einen möglichen Frieden. © afp
Ukraine Gipfel in Washington
Die Erwartungen an den Ukraine-Gipfel sind so hoch wie die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wird. Ursache sind unter anderem Selenskyjs letzter Besuch im Weißen Haus und die Dynamik, die seit Trumps Treffen mit Putin in die Ukraine-Verhandlungen gekommen zu sein scheint. © dpa
Selenskyj bei Trump
Im Gegensatz zum letzten Treffen Trumps mit Selenskyj im Weißen Haus war die Atmosphäre diesmal deutlich besser. Endete der letzte Auftritt noch im hitzigen Wortgefecht und im diplomatischen Debakel, waren beide diesmal um eine freundliche Beziehung bemüht. © afp
Selensky und Trump im Oval Office
Brian Glenn, Journalist beim rechtsextremen Sender Real America, hatte Wolodymyr Selenskyj beim letzten Besuch noch für seine Kleidung kritisiert. Der ukrainische Präsident erschien damals in einem Millitär-Pullover. Diesmal trug Selenskyj Anzug und Hemd. „Sie sehen in diesem Anzug fantastisch aus“, kommentierte Glenn Selenskyjs Outfit. Mit seiner Antwort hatte der ukrainische Präsident die Lacher auf seiner Seite. „Sie tragen denselben Anzug. Ich habe mich umgezogen, Sie offenbar nicht“, so Selenskyj. © afp
Vance im Oval Office
Am Treffen mit Wolodymyr Selenskyj im Oval Office nahmen neben Trump US-Außenminister Marco Rubio (r.) und Vizepräsident JD Vance teil. Der hatte den ukrainischen Präsidenten beim letzten Besuch im Weißen Haus noch attackiert und ihm Undankbarkeit vorgeworfen. © afp
Pete Hegseth
Ein weiterer Vertreter der Regierung Trumps beim Besuch Wolodymyr Selenskyjs: Verteidigungsminister Pete Hegseth. © imago
Limousine von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni am Weißen Haus
Nicht nur Wolodymyr Selenskyj reiste spontan nach Washington, DC. Unterstützung erhielt er beim Treffen mit Donald Trump von einer großen Delegation aus Europa. Hier kommt die Limousine von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni am Weißen Haus an. © imago
Meloni bei Trump
Meloni gilt als politische Verbündete Donald Trumps. Wie der Rechtspopulist in den USA setzt Italiens Ministerpräsidentin und Chefin der rechtsextremen Partei „Fratelli d‘Italia“ auf harte Abschiebepolitik und geschlossene Grenzen. In Sachen Ukraine-Krieg steht Meloni aber fest an der Seite Selenskyjs und ihrer europäischen Begleiter. © afp
Emmanuel Macron in Washington
Donald Trumps Protokollchefin Monica Crowley begrüßt Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron an der Tür des Weißen Hauses. Diese Rolle hat in der Vergangenheit bei solchen Besuchen Melania Trump übernommen. Von der First Lady war beim heutigen Ukraine-Gipfel aber zunächst nichts zu sehen. © afp
Ukraine-Treffen in Washington
Hier begrüßt Crowley Nato-Generalsekretär Mark Rutte am Weißen Haus. © dpa
Alexander Stubb in Washington
Der wohl überraschendste Name auf der Liste der europäischen Delegation bei Trumps Gipfel gehört wohl Alexander Stubb. Finnlands Präsident dürfte aber eine Schlüsselrolle beim Versuch zukommen, Trump von Europas Position im Ukraine-Krieg zu überzeugen. Sein Land teilt sich mehr als 1.300 Kilometer Landgrenze mit Russland. Stubb dürfte die Aufgabe zukommen, Trump davon zu überzeugen, dass bei den Verhandlungen mit Russland nicht nur die Zukunft der Ukraine, sondern die Sicherheit Europas auf dem Spiel steht. © afp
Merz bei Trump
Mit von der Partie in Washington, DC ist Friedrich Merz. Dem Bundeskanzler wurde nach seinem letzten Besuch bei Donald Trump ein guter Auftritt attestiert. Diesmal will der CDU-Chef Wolodymyr Selenskyj bei seinen Verhandlungen über Frieden im Ukrainekrieg unterstützen. © afp
Merz bei Trump in Washington
Gegenüber der ARD bezeichnete Merz, hier bei der Ankunft am Weißen Haus, die Entwicklungen nach dem Treffen Trumps und Putins als „Licht und Schatten“. Der Bundeskanzler übte geschickt verpackte Kritik am US-Präsidenten. „Die Presse in Russland jubelt. Ein bisschen weniger wäre auch gut gewesen“, so der CDU-Chef in der Tagesschau. © afp
Ukraine Trump
In ähnlicher Besetzung hatte eine Delegation aus Europa in Sachen Ukraine-Krieg schon einmal Kontakt zu Donald Trump aufgenommen. Damals waren Keir Starmer, Emmanuel Macron, Polens Ministerpräsident Donald Tusk und Friedrich Merz in die Ukraine gefahren. Gemeinsam mit Wolodymyr Selenskyj berieten sie telefonisch mit Trump © imago
Großbritanniens Premierminister Keir Starmer
Großbritanniens Premierminister Keir Starmer scheint frohen Mutes, als er zum Ukraine-Gipfel bei Donald Trump eintrifft. © dpa
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei den Verhandlungen über den Ukraine-Krieg
Die Europäische Union (EU) vertritt Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei den Verhandlungen über den Ukraine-Krieg in Washington, DC. Von der Leyens letzter Besuch bei Trump endete mit einem Handelsabkommen zwischen der EU und den USA. © dpa
Von der Leyen und Selenskyj
Kurz vor dem Ukraine-Gipfel mit Trump in Washington, DC empfing Ursula von der Leyen Wolodymyr Selenskyj in Brüssel. Dort beriet die EU-Kommissionspräsidentin sicherlich auch das gemeinsame Vorgehen mit dem Präsidenten der Ukraine. © imago
Ukraine Gipfel in Washigton
Die große Runde in Washington, DC zum Ukraine-Gipfel versammelt: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, der britische Premier Keir Starmer, die Präsidenten Alexander Stubb (Finnland), Wolodymyr Selenskyj (Ukraine), Donald Trump (USA), Emmanuel Macron (Frankreich) stellen sich mit Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz und Nato-Generalsekretär Mark Rutte (v.l.n.r.) zum Gruppenbild auf. © afp
Macron und Trump in Washington
Bei der ersten gemeinsamen Pressekonferenz verteilte Donald Trump Komplimente in alle Richtungen. Sein Treffen mit Wolodymyr Selenskyj sei wunderbar gewesen. Friedrich Merz als Freund zu haben, sei eine „große Ehre“ für ihn, so der US-Präsident. Über Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (im Bild) sagte Trump: „Ich mag ihn seit dem ersten Tag. Und ich mag ihn immer noch. Das ist ungewöhnlich.“ © afp
Meloni bei Trump in Washington
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nannte Donald Trump „eine großartige Führungspersönlichkeit, die viele inspiriert“. Sie habe „trotz ihres jungen Alters schon viel erreicht“, so Trump über die Rechtspopulistin. „Sie regiert auch schon eine ganze Zeit lang. Andere haben nicht so lange durchgehalten wie sie“, scherzte der US-Präsident über seine Kollegin aus Italien, das berühmt ist für seine häufigen Regierungswechsel. © afp
Vance und Starmer
JD Vance im Gespräch mit dem britischen Premier Keir Starmer. Der Vizepräsident war erst vor kurzem zum Urlaub auf den britischen Inseln. Sein Besuch im südenglischen Cotswolds löste Protest der heimischen Bevölkerung aus. © afp
Merz nach Treffen mit Trump
Nach dem ersten Gespräch mit Donald Trump beim spontanen Ukraine-Gipfel im Weißen Haus zeigte Bundeskanzler Friedrich Merz sich optimistisch. Der Weg sei „offen für komplizierte Verhandlungen“. Vom US-Präsidenten forderte Merz, den Druck auf Wladimir Putin zu erhöhen. Der Kanzler wiederholte außerdem die Forderung der europäischen Vertreter nach einer Waffenruhe. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein weiteres Treffen ohne eine Waffenruhe stattfinden kann“, stellte Merz klar. © dpa
Selenskyj und Trump nach Treffen im Weißen Haus
Wolodymyr Selenskyj bezeichnete den vorangegangenen Austausch mit Donald Trump als „sehr gute Unterhaltung“. Man habe über „viele sensible Dinge“ gesprochen, so der ukrainische Präsident. Trump wiederum kündigte bereits ein Dreiertreffen zwischen ihm, Selenskyj und Russlands Präsidenten Wladimir Putin an. Die Frage sei „nicht, ob, sondern wann“ ein solcher Gipfel stattfinden würde. © afp

„Viele Abgeordnete sind amtsmüde, müssen aber weitermachen, solange es keine Neuwahlen gibt – die unter Kriegsrecht ja verboten sind“, erläutert Klein unserer Redaktion. Bei einer Aussprache zum Korruptionsskandal habe sich viel Unmut gezeigt. Sogar die Verabschiedung des – löchrigen – Haushaltes 2026 habe Anfang Dezember gewackelt. Letztlich passierte das Budget das Parlament. Der Experte meint aber, es werde zunehmend heikel werden, schwierige Gesetzesvorhaben durchzubringen.

Selenskyjs rechte Hand tritt ab – Jermak stutzte „zu einflussreiche Akteure“ zurecht

Auch zwei Minister waren zuletzt über den Korruptionsskandal, „Minditsch-Gate“, gestolpert: Justizminister Herman Haluschtschenko und Energieministerin Switlana Hryntschuk. Das dürfte kaum Auswirkungen auf die Arbeit der Regierung haben, meint Klein. Beide seien „nicht unbedingt durch ein starkes Profil aufgefallen“. Indirekt wirft aber auch das nochmal ein Schlaglicht auf das Wirken von Selenskyjs Präsidialbüro durch Jermak.

So war im Sommer ein durchaus bekannter und auch international profilierter Ressortchef entlassen worden: Außenminister Dmytro Kuleba. Damals urteilte Klein, Jermaks Präsidialbüro versuche, „zu unabhängige oder einflussreiche Akteure“ einzuschränken. Ein weiteres Beispiel ist der in der Ukraine beliebte Ex-Armeechef Walerij Saluschnyj. Auch er musste gehen. Laut einer Umfrage des Instituts InfoSapiens aus dem November wäre Saluschnyj bei einer hypothetischen Präsidentschaftswahl nun Selenskyjs stärkster Konkurrent. Selenskyj liegt in dieser Sonntagsfrage bei 20,3 Prozent, Saluschnyj bei 19,1 Prozent.

Zuletzt hatte Selenskyj überraschend Wahlen für möglich erklärt – womöglich aber eher, um den Spieß umzudrehen und indirekt Donald Trumps USA unter Druck zu setzen. Der ukrainische Präsident forderte dafür zumindest temporäre Sicherheitsgarantien. Klein blickt indes insgesamt skeptisch auf Selenskyjs Handeln im Korruptionsskandal. „Selenskyj hat meines Erachtens zu halbherzig reagiert, einen wirklichen Aufbruch, das Ruder jetzt umzureißen – das sehe ich nicht. Stattdessen ging es ihm um Schadensbegrenzung“, sagt er.

Der Experte hätte sich „schnelleres, entschlosseneres“ Vorgehen gewünscht. Szenarien dafür wurden in der Ukraine diskutiert. „Die Opposition forderte eine neue ‚Regierung der Einheit‘, andere wie der ehemalige Generalstaatsanwalt gar eine technokratische Regierung“, so Klein. Wahlen unter Kriegsrecht sind in der Ukraine de facto durch die Verfassung untersagt. Aber ein neuer Arbeitsmodus wäre mit solchen Mitteln möglich: Dann würden nicht vom Präsidialamt mehr oder minder allein bestimmte Minister durch Selenskyjs Parlamentsmehrheit durchgewunken, sondern ein Konsens gesucht. Ob es mit Jermaks Nachfolger doch noch so kommen könnte – es bleibt abzuwarten. (Quellen: Dr. Eduard Klein, eigene Recherchen)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Ukraine Presidency

Kommentare