SPD wackelt beim Verbrenner-Verbot – und plötzlich zweifeln sogar die Grünen
VonStephanie Munk
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Das Verbrenner-Aus der EU ab 2035 spaltet die Koalition unter Merz. Vermehrt ist leiser Zweifel am Verbot zu hören – in der SPD, und sogar bei den Grünen.
Berlin – Beim geplanten Verbrenner-Aus in der EU scheiden sich in der Koalition unter Kanzler Friedrich Merz die Geister: Die SPD will am Verbot von Verbrennern nach 2035 festhalten, die Union will es kippen, und auch die Autobranche geht teils auf Abstand zum Verbrenner-Aus. Heiß diskutiert werden wird das Thema am Donnerstag (9. Oktober) beim Autogipfel im Kanzleramt.
Auch unter den Grünen regt sich nun überraschenderweise Zweifel, ob das alleinige Setzen auf batteriebetriebene E-Autos wirklich der richtige Weg ist. Wichtige Grünen-Politiker aus Baden-Württemberg äußerten sich jetzt kritisch zum Verbrenner-Aus. Das Bundesland im Süden Deutschlands wäre von einem Niedergang der Autoindustrie besonders betroffen.
Özdemir fordert bei Verbrenner-Aus „Bekenntnis“ für Autoindustrie statt Parteipolitik
Grünen-Politiker Cem Özdemir, der bei der baden-württembergischen Landtagswahl 2026 als Spitzenkandidat antritt, forderte jetzt an die Autobauer ein Signal und notfalls eine Verschiebung des Verbrenner-Verbots: „Wenn mehr Flexibilität nötig ist, bekommt ihr mehr Flexibilität“, sagte er zum Spiegel. Statt Beharren auf parteipolitische Standpunkte brauche es jetzt ein „Bündnis aus Industrie und Politik“ und ein „gemeinsames Bekenntnis zum Automobilstandort Deutschland“, so der Grünen-Politiker.
Die CDU in Baden-Württemberg will allerdings noch viel weiter gehen, weshalb es zum Streit in der grün-schwarzen Landesregierung kommen könnte: CDU-Landeschef Manuel Hagel will, dass sich die Grünen einer Initiative anschließen, die für eine Komplett-Aufhebung des Verbrenner-Verbots plädiert. Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) nannte das Verbot neuer Verbrenner gar „politische Realitätsverweigerung“. Kommende Woche will die CDU-Fraktion im Landtag laut SWR darüber abstimmen lassen.
30 Fotos zeigen eine Auswahl der bekanntesten Politiker aus Baden-Württemberg
Grüne im Bund fordern klares Bekenntnis zum Verbrenner-Verbot ab 2035
Die Bundes-Grünen wollen allerdings am EU-weiten Verbrenner-Aus ab 2035 festhalten, zuletzt forderten sie dies in einem Antrag im Bundestag am 12. September 2025. Darin heißt es: „Deutschland muss bis 2045 klimaneutral sein. Ein zentraler Baustein“ dafür sei „das in der EU beschlossene Aus für Neufahrzeuge mit Verbrennungsmotoren ab 2035“. Dies schaffe Planungssicherheit für die Industrie. Zudem: „Der Umstieg in die E-Mobilität macht die Luft besser, die Straßen leiser und führt dazu, dass die laufenden Kosten für ein Auto erschwinglich bleiben.“
Merz will Verbrenner-Verbot ab 2035 kippen – Koalitionspartner SPD ist anderer Meinung
Kanzler Friedrich Merz machte dagegen zuletzt bei ntv deutlich, dass ein Verbot von Verbrennermotoren ab 20235 der Autoindustrie schaden könne. Entwicklung und Forschung zu Diesel- und Benzinmotoren würden dann sofort gestoppt – im Lkw-Bereich sei sie aber nach wie vor geboten. Zudem sieht der Kanzler zukünftig neue Möglichkeiten für emissionsarme Verbrennermotoren und synthetische Kraftstoffe. Deutschland müsse da mithalten können. „Und deswegen ist das Verbot falsch“, so Merz. „Wir sollten Technologien ermöglichen, und das ist mein Ziel.“
Der Kanzler gab aber zu, dass seine Haltung zu Verbrennern mit dem Koalitionspartner SPD „noch nicht ausdiskutiert“ sei. Das ist noch harmlos ausgedrückt: Umweltminister Carsten Schneider (SPD) und SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf wollen am Verbrenner-Aus nicht rütteln. Schneider sagte am Dienstag (7. Oktober) im Sender RBB, eine Abkehr vom Verbrenner-Aus komme nicht infrage. Auch Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) insistierte nach einem Treffen mit Arbeitnehmern aus der Autoindustrie, die Unternehmen wollten am „Pfad der Elektromobilität“ festhalten.
Verbrenner-Aus in der EU: SPD-Position für Deutschland scheint zu wackeln
Es herrscht also dringender Einigungsbedarf in der Regierung zur Haltung zum EU-Verbrenner-Aus. Das zeigte jüngst auch ein Vorfall rund um Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU): Die Ministerin sandte forsch einen Brief an die Europäische Kommission, in dem sie gemeinsam mit ihrem italienischen Amtskollegen einen sofortigen Abschied vom Verbrenner-Aus forderte.
Abgesprochen mit der SPD war dies nicht, wie Politico berichtet. „Von dem Schreiben hatten wir im Vorfeld keine Kenntnis“, wird der SPD-Wirtschaftspolitiker Sebastian Roloff zitiert. Er reagierte verärgert: „Wir erwarten, dass industrie- und klimapolitische Fragen innerhalb der Bundesregierung abgestimmt werden und keine Alleingänge erfolgen.“
Autogipfel im Kanzleramt: Regierung spricht mit Autobranche über Verbrenner-Aus
Am Donnerstag trifft sich die Merz-Regierung mit der Autoindustrie zu einem Gipfel im Kanzleramt. Ob der Dialog Klärung im Verbrenner-Streit bringt, bleibt abzuwarten. Beim Bürgergeld will Kanzler Merz unterdessen schon am Mittwoch den Durchbruch für eine Reform hin zu einer Grundsicherung schaffen. (Quelle: Spiegel, SWR, Politico, ntv, dpa, RBB, NDR) (smu)