Berichte aus Assads Heimatstadt: Syrer erzählen von der Schreckensherrschaft
VonJan-Frederik Wendt
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Hafiz al-Assad, Vater des früheren syrischen Diktators Baschar, stammt aus Qardaha. Der dort lebende Scheich versteckte seine Söhne vor dem Tyrannen.
Damaskus - Nachdem die HTS-Rebellen und ihr Chef Abu Mohammed al-Dscholani die Macht übernommen haben, trauen sich immer mehr Syrer über die Schreckensherrschaft des nach Moskau geflohenen Ex-Diktator Baschar al-Assad zu berichten - so wie Scheich Kasir Mohammed Kheir Bek. Der 65-Jährige ist das religiöse Oberhaupt des Ortes Qardaha.
Vor dem Bürgerkrieg in Syrien lebten hier rund 18.000 Menschen. Trotz der wenigen Einwohner ist der Ort in Syrien sehr bekannt. Denn: In Qardaha kam Hafiz al-Assad, der Vater von Baschar, zur Welt.
Assads Schreckensherrschaft in Syrien: Mütter verloren fünf bis sechs Kinder im Krieg
Scheich Kheir Bek versteckte in den vergangenen zwei Jahren seine drei Söhne, berichtete er in einem Spiegel-Interview. Die drei jungen Männer seien einberufen worden, um in Assads Armee zu dienen. Aber der Scheich wollte dem nun gestürzten Machthaber seine Söhne nicht geben. Der Ungehorsam hätte Gefängnis bedeutet, vielleicht Folter.
Laut Kheir Bek hatten viele Männer weniger Glück. Vor dem Sturz hätte Assads Armee, „alle jungen Männer aus der Gegend einbezogen. Mit Gewalt. Sie haben sie gezwungen“, sagte der Scheich. Manche Mütter hätten fünf oder sechs Kinder im Krieg verloren.
„Sie kamen dann zu mir, ich bin ihr Scheich, sie fragten, warum sie ihre Kinder in den Krieg schicken müssen. Doch was sollte ich sagen? Ich konnte ihnen nicht helfen, es waren Befehle der Regierung“, so Kheir Bek. Im Gegenzug für ihre Söhne sollten die Familien Geld vom Regime erhalten. „Aber nichts von dem passierte“, sagte der Scheich. Später hätten sich viele junge Männer vor der Armee versteckt.
Assads Geistermiliz terrorisiert Syrer
Auch die in Syren berüchtigte Schabiha, die Geistermiliz der Assad-Familie, habe nicht vor den eigenen Leuten haltgemacht. Die Schlägertrupps und Killerkommandos betrieben auch in Qardaha ein Schutzgeldsystem, berichteten Betroffene dem Spiegel. „Sie waren wie ein Mafia, wer Geschäfte machen wollte, einen Laden eröffnen, musste sie bezahlen.“
Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels
Der namentlich nicht genannte Bruder von Kheir Bek habe der Shabiha seinen Laden in Qardaha nicht überlassen wollen. Daraufhin hätte die Miliz auf sein Geschäft geschossen und er sei in eine andere Stadt gezogen.
Einige Einwohner in Qardaha waren in einem der grausamsten Foltergefängnisse in Syrien inhaftiert. Ein ehemaliger Insasse berichtete von einer sechs Jahre andauernden Hölle: von Folter, Hinrichtungen und Ratten, die an schlafenden Menschen nagten. Das Assad-Regime habe ihn ins Gefängnis gesteckt, weil er aus der Republikanische Garde desertiert sei - um mehr Geld zu verdienen. Damit seine zehn Geschwister etwas zu Essen haben würden. (Jan Wendt)