Top-Militärs warnen die NATO: Russland rückt immer weiter „nach Westen“
VonLisa Mahnke
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Zwei Militärs aus Großbritannien und Deutschland rufen zur Aufrüstung in der NATO auf. Sie warnen: Russland verlagere seine Ausrichtung „nach Westen“.
Top-Militärs von Großbritannien und Deutschland fordern Europa zur Handlung auf. In einem Gastbeitrag für The Guardian und die Welt warnen der britische Air Chief Marshall Sir Richard Knighton und der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer: Russland verlagere seine militärische Ausrichtung zunehmend „nach Westen“. Europa müsse sich für einen möglichen Angriff durch Russland rüsten.
„Wir schreiben heute nicht nur als militärische Führer zweier Länder mit den höchsten Verteidigungsausgaben Europas, sondern als Stimmen für ein Europa, das sich nun unbequemen Wahrheiten über seine Sicherheit stellen muss“, so Knighton und Breuer. Nach dem Kalten Krieg hätten viele Staaten Verteidigungsausgaben gesenkt und Mittel in öffentliche Dienstleistungen umgeleitet. Damals sei dies nachvollziehbar gewesen. Heute sei jedoch klar: Die aktuelle Bedrohungslage erfordere eine „grundlegende Veränderung“ der Verteidigungspolitik.
Russland lernt aus dem Ukraine-Krieg – NATO-Staaten verpflichten sich zur Aufrüstung
Die Autoren verwiesen auf aktuelle Entwicklungen Russlands: „Die Streitkräfte rüsten auf, ziehen Lehren aus dem Ukraine-Krieg und reorganisieren sich so, dass das Risiko eines Konflikts mit NATO-Staaten steigen könnte.“ Diese Einschätzung stütze sich sowohl auf Geheimdienstinformationen als auch auf offene Quellen.
Knighton und Breuer verwiesen auf den NATO-Gipfel in Den Haag 2025, auf dem sich Mitgliedsstaaten verpflichtet hatten, bis 2035 fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Verteidigung und Sicherheit zu investieren. Laut den Militärführern erfordere dies Kooperation, schwierige Entscheidungen und klare Prioritäten bei öffentlichen Ausgaben.
Deutschland nicht in den Top 3: Die Nato-Länder mit den größten Truppenstärken
„Wenn Russland Europa als schwach oder gespalten wahrnimmt, könnte es sich ermutigt fühlen, seine Aggression über die Ukraine hinaus auszuweiten“, warnten Knighton und Breuer. Abschreckung funktioniere nur, wenn Gegner Uneinigkeit und Schwäche nicht wahrnehmen könnten. „Die gute Nachricht ist: Europa ist stark“, besonders wegen der NATO, betonen die Militärs.
Aufrüsten habe moralische Gründe: „Gemeinsame Verantwortung“ für Schutz der Bevölkerung
Als Positivbeispiel hoben die Autoren das 2024 geschlossene Trinity-House-Abkommen hervor. Es sei ein Schritt hin zu beispielloser Kooperation, die sowohl die Sicherheit als auch die Volkswirtschaften beider Länder stärke. Großbritannien baue bis zu sechs Munitionsfabriken, während Deutschland dauerhaft eine Kampfbrigade an der Ostflanke stationiere und die Verfassung angepasst habe, um Mittel für die Verteidigung im Prinzip unbegrenzt zur Verfügung zu stellen.
Knighton und Breuer schreiben: „Unsere Industrien müssen in der Lage sein, nachhaltig zu produzieren – und zwar in dem Tempo, das moderne Konflikte erfordern, um die Munition, Systeme und Plattformen herzustellen, die unsere Streitkräfte benötigen.“
Die beiden Militärführer betonten eine moralische Dimension, die hinter dem Vorgehen stehe: Aufrüstung sei kein Kriegstreiben, sondern eine verantwortungsvolle Maßnahme zum Schutz der Bevölkerung. Laut dem Gastbeitrag sei ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz notwendig, bei dem Forschung, Infrastruktur und zivile Vorbereitung Hand in Hand mit den militärischen Kräften gingen. „Die Sicherheit Europas liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung – und wir sind entschlossen, ihr gemeinsam gerecht zu werden“, schließen Knighton und Breuer ihren Beitrag.
Russland droht immer wieder mit direkter Konfrontation – doch NATO-Chef ist selbstbewusst
Russland hatte erst wegen des europäischen Vorgehens gegen die sogenannte Schattenflotte mit einem Einsatz der Kriegsmarine gedroht. Der Vorsitzende des russischen Marinerats, Nikolai Patruschew, hat Reuters zufolgeder NATO vorgeworfen, die russische Exklave Kaliningrad an der Ostsee blockieren zu wollen. Vorwürfe zur Existenz einer Schattenflotte wies er zurück.
„Falls eine friedliche Lösung dieser Lage scheitert, wird die Blockade von der Kriegsmarine gebrochen und vernichtet werden“, so Patruschew. Auch in russischen Talkshows werden immer wieder extreme Vorgehensvorschläge zur direkten Konfrontation laut. Hybride Angriffe werden schon jetzt zur dauerhaften Realität für die NATO.
Gleichzeitig werfen immer wieder Berichte von hohen Verlusten Russlands im Ukraine-Krieg die Frage auf, ob ein möglicher umfassender Krieg gegen die NATO für Russland überhaupt tragfähig wäre. Nicht alle glauben an einen direkten Krieg zwischen der NATO und Russland. „Wir werden jeden Kampf gegen Russland gewinnen, wenn sie uns jetzt angreifen“, sagte NATO-Generalsekretär Rutte am Samstag (14. Februar). Daher werde Russland einen Angriff nicht wagen. Man müsse allerdings sicherstellen, dass dies auch in einigen Jahren noch der Fall sei. (Quellen: Welt, The Guardian, Reuters, eigene Recherche)