Weltwirtschaftsforum

Treffen in Davos: Wie Trump mit Grönland-Streit und Handelskrieg Europa in die Arme Chinas treibt

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In Davos präsentiert sich China als Verfechter freien Welthandels – und Gegenmodell zu den Trump-USA. Doch Peking bleibt ein schwieriger Partner. Eine Analyse.

Seit Montag läuft in Davos das Weltwirtschaftsforum, aber so richtig spannend wird es eigentlich erst am Mittwochnachmittag, wenn Donald Trump seine mit Bangen erwartete Rede hält. Die Sorge: Trump könnte in der Schweiz weiter eskalieren – in seinem Handelskrieg gegen so ziemlich jedes andere Land der Erde, aber auch im Konflikt um Grönland, das der US-Präsident den USA einverleiben will.

Donald Trump und Xi Jinping 2019 in Osaka.

Während aus den USA also der Präsident anreist, hat der US-Rivale China einen Mann in die Schweizer Berge geschickt, den selbst in der Volksrepublik kaum jemand kennt. Er heißt He Lifeng, seit 2023 ist er einer von vier Vize-Premierministern des Landes. Große Geschütze sehen anders aus. Kurz vor Trumps erstem Amtsantritt 2017 war noch Staats- und Parteichef Xi Jinping persönlich nach Davos geflogen, in einer viel beachteten Rede schwang er sich damals zum Retter der Globalisierung auf.

Chinas Vizepremier kontert Trump in Davos: „Brücken statt Mauern“

Jetzt ist Trump zurück, erratischer und aggressiver als je zuvor. Und China? Muss nicht viel tun, um sich in Davos als Anker der Stabilität zu präsentieren. Das ermöglicht, wenn auch unfreiwillig, Donald Trump. Denn gegen die USA wirkt China in diesen Tagen tatsächlich wie ein verlässlicher Partner. In Peking dürften sie ihr Glück über die Steilvorlagen, die Trump tagtäglich liefert, kaum fassen können.

Am Dienstagvormittag, unmittelbar nach EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, trat also He Lifeng in Davos auf die Bühne. „Zoll- und Handelskriege“, wie sie „gewisse Länder“ derzeit führten, hätten „keine Gewinner“, sagte He. Und sprach viel von „Win-win“, Vertrauen und Kooperation. „Wir setzen uns dafür ein, Brücken zu bauen, keine Mauern“, erklärte der chinesische Vize-Premier. Das Publikum klatschte.

Die Geschichte der Volksrepublik China von 1949 bis heute

Am 1. Oktober 1949 ruft Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus.
Am 1. Oktober 1949 ruft Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus. Zuvor hatten sich Maos Kommunisten im chinesischen Bürgerkrieg gegen die Nationalisten durchgesetzt, die nach Taiwan geflohen waren. © Xinhua/Imago
Mit dem „Großen Sprung nach Vorne“ (1958-1961) sollte die Produktion vorangetrieben werden.
Eines der Hauptziele der neuen Regierung war die wirtschaftliche Entwicklung des verarmten Chinas. Mit dem „Großen Sprung nach Vorne“ (1958-1961) sollte die Produktion vorangetrieben werden. Doch Fehler in der Planung und Naturkatastrophen sorgen für eine Hungersnot, der 15 bis 55 Millionen Menschen zum Opfer fielen. © agefotostock/Imago
1959 kam es in Tibet zu einem Aufstand gegen die Besatzer.
Bereits kurz nach der Machtübernahme besetzte die chinesische Volksbefreiungsarmee das bis dahin faktisch unabhängige Tibet. 1959 kam es zu einem Aufstand gegen die Besatzer, woraufhin der Dalai Lama das Land verlassen musste. Heute lebt er im indischen Exil. © United Archives International/Imago
Von 1966 bis 1976 erschütterte die Kulturrevolution China.
Von 1966 bis 1976 erschütterte die Kulturrevolution China. Mit der Kampagne wollte Mao mit den Mitteln des Klassenkampfes die chinesische Gesellschaft von „konterrevolutionären“ Elementen befreien; zudem zementierte er seine Macht an der Spitze des Staates. Der Kulturrevolution fielen Hunderttausende Menschen zum Opfer. © Photos12/Imago
1972 besuchte mit Richard Nixon erstmals ein US-Präsident die Volksrepublik.
Anfang der 70er-Jahre öffnete sich China aber auch nach Westen. 1972 besuchte mit Richard Nixon erstmals ein US-Präsident die Volksrepublik. Im selben Jahr nahm Deutschland diplomatische Beziehungen mit Peking auf. © agefotostock/Imagao
Nach einem parteiinternen Machtkampf setzte sich schließlich Deng Xiaoping als neuer Führer der Volksrepublik durch.
Mao starb 1976. Nach einem parteiinternen Machtkampf setzte sich schließlich Deng Xiaoping als neuer Führer der Volksrepublik durch. Deng leitete die Geschicke Chinas bis zu seinem Tod im Jahr 1997. © Zuma/Keystone/Imago
Deng Xiaoping trieb die Öffnung Chinas voran.
Deng Xiaoping trieb die Öffnung Chinas voran. Demokratische Reformen blieben aus, die Wirtschaft entwickelte sich allerdings rasant. Auch ausländische Unternehmen wie Volkswagen engagierten sich nun in China. © Sepp Spiegl/Imago
Im Frühjahr 1989 kam es in Peking zu Demonstrationen von Studenten, die Reformen und eine Demokratisierung Chinas forderten. In der Nacht auf den 4. Juni 1989 eskalierte die Lage, der Tiananmen-Platz im Herzen Pekings wurde geräumt, die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen. Hunderte Menschen starben.
Im Frühjahr 1989 kam es in Peking zu Demonstrationen von Studenten, die Reformen und eine Demokratisierung Chinas forderten. In der Nacht auf den 4. Juni 1989 eskalierte die Lage, der Tiananmen-Platz im Herzen Pekings wurde geräumt, die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen. Hunderte Menschen starben. © Jeff Widener/dpa
Am 1. Juli 1997 wurde Hongkong, die ehemalige britische Kronkolonie, an China zurückgegeben.
Am 1. Juli 1997 wurde Hongkong, die ehemalige britische Kronkolonie, an China zurückgegeben. Gouverneur Chris Patten erhielt die eingeholte britische Nationalflagge, die chinesische Flagge wurde gehisst.  © UPI Photo/Imago
Heute ist Shanghai das wirtschaftliche Zentrum des Landes, dort befindet sich auch der größte Hafen der Welt.
Chinas Wirtschaft entwickelte sich in den 90er-Jahren, vor allem aber ab dem Beitritt der Volksrepublik zur Welthandelsorganisation 2001, rasant. Heute ist Shanghai das wirtschaftliche Zentrum des Landes, dort befindet sich auch der größte Hafen der Welt. © Ivan Tykhyi/Imago
Unter Xi Jinping, seit 2012 Parteichef und seit 2013 Staatspräsident, wird China immer autoritärer regiert.
Trotz des wirtschaftlichen Erfolgs: Der Handel mit dem Westen brachte China keinen demokratischen Wandel - im Gegenteil. Unter Xi Jinping, seit 2012 Parteichef und seit 2013 Staatspräsident, wird China immer autoritärer regiert. Es entstand ein neuer Personenkult, der an die Mao-Ära erinnert. © UPI Photo/Imago
In der Provinz Xinjiang gingen die Behörden gegen die muslimischen Uiguren vor. Hunderttausende Menschen sollen dort in Umerziehungslagern eingesperrt sein.
China wurde immer mehr zum Polizei- und Überwachungsstaat. In Hongkong wurde die Demokratiebewegung brutal niedergeschlagen, in der Provinz Xinjiang gingen die Behörden gegen die muslimischen Uiguren vor. Hunderttausende Menschen sollen dort in Umerziehungslagern eingesperrt sein. © UPI Photo/Imago

Plötzlich ist nicht mehr China die Gefahr für den Wohlstand und die Sicherheit Europas. Sondern die USA. „Das größte Problem Europas ist vielleicht die Unfähigkeit, Freunde von Feinden zu unterscheiden“, kommentierte am Montag die chinesische Staatszeitung Global Times. Wobei für das Blatt klar ist, in welche Kategorie China fällt und in welche die USA.

Tatsächlich bringt Donald Trump nicht nur jene zusammen, die unter seinem aggressiven Gebaren leiden. Sondern auch jene, die eigentlich auch China kritisch sehen. Und treibt sie wieder in die Arme Pekings. Ein Beispiel: Mark Carney, der kanadische Premierminister. Der traf Ende vergangener Woche in Peking Xi Jinping und erklärte, sein Land wolle in Zukunft wieder mehr mit China zusammenarbeiten. Es war der erste China-Besuch eines kanadischen Premiers seit neun Jahren. Nachdem Kanada 2018 eine chinesische Managerin festgenommen und Peking daraufhin zwei Kanadier ins Gefängnis geworfen hatte, waren die Beziehungen zwischen beiden Ländern jahrelang eisig.

Am Dienstag sprach Chinas Vize-Premier He Lifeng in Davos.

Davon ist jetzt nicht mehr viel zu spüren. Auch Kanada war schließlich von Trump mit Zöllen ins Visier genommen und mit Annexion („51. Bundesstaat“) bedroht worden. Der „Neufang“ zwischen Peking und Ottawa spiegle „das gemeinsame Interesse wider, den bilateralen Handel vor den von Washington ausgehenden Zollbelastungen zu schützen“, schreibt Jie Gao von der Asia Society, einer US-Denkfabrik, zu dem Treffen.

„Nur weil die USA unzuverlässiger geworden sind, ist China nicht plötzlich verlässlicher geworden“

In den nächsten Wochen werden der britische Premier Keir Starmer sowie etwas später Friedrich Merz in Peking erwartet. „China wird die Zerrüttung der transatlantischen Beziehungen als Chance betrachten“, schreibt der China-Experte Noah Barkin. „Es könnte versuchen, Zugeständnisse von europäischen Politikern wie Merz und Starmer zu erzwingen oder ihnen einen Handelsfrieden zu Chinas Bedingungen anzubieten.“ Am Dienstag gab die britische Regierung nach jahrelangen Diskussionen grünes Licht für den Bau einer riesigen neuen chinesischen Botschaft in London.

China, so scheint es, hat seinen Schrecken verloren. Mehr als die Hälfte der Bürger in den USA glaubt mittlerweile, dass Chinas Einfluss in den nächsten Jahren wachsen wird, wie unlängst eine Umfrage des European Council on Foreign Relations ergab. In den zehn untersuchten EU-Ländern, darunter Deutschland, gleicht sich das Stimmungsbild. „Wie Donald Trump China wieder groß macht“, ist die Studie überschrieben.

China sei der große Gewinner im Konflikt zwischen Trump und dem Rest der Welt, sagt auch der Ökonom Holger Görg vom Kiel Institut für Weltwirtschaft. Viele Länder würden jetzt wieder auf die Volksrepublik zugehen und ihre Strategie überdenken, sich von Peking unabhängiger zu machen. Das berge aber ein Risiko: „Nur weil die USA unzuverlässiger geworden sind, ist China natürlich nicht plötzlich verlässlicher geworden“, sagte Görg dem Münchner Merkur von Ippen.Media.

In der Tat hat sich China nicht verändert: Noch immer droht Xi Jinping mit der gewaltsamen Einnahme Taiwans, und im Südchinesischen Meer, das Peking zu seinem Staatsgebiet erklärt hat, kommt es regelmäßig zu Zusammenstößen mit anderen Anrainerstaaten. Nicht nur Trump kann Imperialismus.

Auch ökonomischen Druck hat China lange vor Trump als wirksames Instrument entdeckt, um seine politischen Ziele durchzusetzen. Zu spüren bekam das zum Beispiel Norwegen, das vor einigen Jahren plötzlich kaum noch Lachs in China verkaufen konnte, nachdem der Dissident Liu Xiaobo mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war. Auch Litauen und zuletzt Japan versuchte China schon mit wirtschaftlichem Druck auf Linie zu bringen. Fast könnte man meinen, Trump habe von China gelernt. (Quellen: Gespräch mit Holger Görg, Weltwirtschaftsforum, Global Times, chinesisches Außenministerium, European Council on Foreign Relations, Asia Society, Noah Barkin)

Rubriklistenbild: © Brendan Smialowski/AFP

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