VonSven Haubergschließen
Wegen umstrittener Taiwan-Äußerungen der japanischen Premierministerin übt China weiter Druck auf sein Nachbarland aus. Die japanische Wirtschaft bekommt das bereits zu spüren. Eine Analyse.
Eigentlich wollte Wang Ning den Jahreswechsel in Japan feiern. Ein paar Tage in Tokio, dann Skifahren in der Gegend um Nagano, wo 1998 die Olympischen Winterspiele ausgetragen wurden. Jetzt aber hat er die Reise abgesagt, den Flug und die Hotelübernachtungen storniert. „Unter diesen Umständen kann ich mir einfach nicht vorstellen, nach Japan zu fliegen und dort Geld auszugeben“, schreibt Wang Ning in einem Beitrag in dem chinesischen sozialen Netzwerk Weibo. So wie Wang sehen das viele in China. Urlaub in Japan? Nein danke.
Mehr als 900 Flüge von China nach Japan wurden im Dezember aus den Flugplänen gestrichen, berichtete am Wochenende der japanische Wirtschaftsdienst Nikkei. Betroffen seien damit 16 Prozent aller geplanten Flüge, 156.000 Sitzplätze würden wegfallen. Wer doch von China nach Japan will, bekommt Flugtickets derzeit hinterhergeworfen, laut Nikkei sind die Preise für ein Hin- und Rückflugticket von Shanghai nach Osaka um mehr als die Hälfte gefallen.
Wegen Taiwan-Äußerung: China verhängt Reisewarnung für Japan
Begonnen hatte die Stornierungswelle vor gut zwei Wochen, mit einer Reisewarnung der chinesischen Botschaft in Tokio. „Die persönliche Sicherheit und das Leben chinesischer Staatsangehöriger in Japan“ seien derzeit „erheblich gefährdet“, so die Botschaft, Grund seien „provokative Äußerungen“ japanischer Politiker.
Gemeint ist damit vor allem jener Satz, den Japans Premierministerin Sanae Takaichi Anfang November vor dem Parlament gesagt hat und der seitdem für Turbulenzen im Verhältnis der beiden Nachbarländer sorgt. Auf die Frage eines Abgeordneten erklärte Takaichi, Japan könnte sich zu einem militärischen Eingreifen gezwungen sehen, sollte der Konflikt um Taiwan gewaltsam eskalieren. In einem solchen Fall sei nämlich das „Überleben“ Japans gefährdet, so Takaichi. China betrachtet Taiwan als Teil des eigenen Staatsgebiets und droht damit, sich den demokratisch regierten Inselstaat notfalls militärisch einzuverleiben. Äußerungen wie die von Takaichi betrachtet Peking als Einmischung in innere Angelegenheiten.
China und Taiwan: Darum geht es in dem Konflikt




Seitdem vergeht kein Tag, an dem China Takaichis Worte nicht mit viel Gepolter verurteilt. Japans Premierministerin müsse ihre „falschen Äußerungen zurückzunehmen“, forderte am Montag einmal mehr das Pekinger Außenministerium, und das Parteisprachrohr People‘s Daily warf Japan „Realitätsverlust“ vor. Und das sind noch die harmloseren Reaktionen aus China. Der chinesische Konsul in Osaka etwa drohte Takaichi in einem mittlerweile gelöschten Post bei X, ihr den Hals durchzuschneiden. Und in Chinas sozialen Medien hat sich längst die Beschimpfung „böse Hexe“ für Takaichi durchgesetzt.
Seit fast vier Wochen geht das nun schon so. Obwohl Takaichi ihre Worte relativiert hat (sie habe eine altbekannte Position Japans lediglich laut ausgesprochen), dreht Chinas Propagandaapparat weiterhin frei. Noch im Oktober, nach einem Treffen von Takaichi und Chinas Staatschef Xi Jinping, sah es für einen Moment so aus, als würde die ohnehin seit Jahrzehnten schwierigen Beziehungen zwischen Japan und China ruhigere Fahrwasser ansteuern. Mittlerweile ist von dieser vermeintlichen Entspannung nichts mehr zu spüren. Neben der Reisewarnung verhängte Peking auch ein Importverbot für japanische Meeresfrüchte, Auftritte japanischer Künstler in China wurden abgesagt. Vergangene Woche ließ Tokio Kampfjets aufsteigen, nachdem eine angeblich chinesische Drohne nahe der Insel Yonaguni gesichtet wurde.
In China scheint man von Takaichi eine öffentliche Entschuldigung für ihre Äußerungen zu erwarten – wohl wissend, dass das nicht passieren wird. Takaichi gilt als nationalistische Hardlinerin, zudem ist sie erst seit ein paar Wochen im Amt. Die Blöße, vor China einen Kotau zu machen, wird sie sich kaum geben. Die Beziehungen zwischen der zweit- und der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt stecken in einer Sackgasse, ein Ausweg scheint nicht in Sicht.
China nutzt Abhängigkeit anderer Länder aus
China hat schon mehrfach bewiesen, dass es bei solchen Konflikten einen langen Atem hat. Beispiel Kanada: Das Land hatte 2018 auf Bitten der USA eine Managerin des chinesischen Tech-Konzerns Huawei festgenommen, die US-Behörden warfen ihr unter anderem Betrug vor. Offensichtlich aus Vergeltung ließ die chinesische Regierung wenig später zwei kanadische Staatsbürger festnehmen. Erst im Oktober 2025 normalisierten sich die Beziehungen zwischen Peking und Ottawa wieder.
Nun ist es vor allem Japans Tourismusindustrie, die unter dem Konflikt mit Peking leidet. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres kam fast jeder vierte ausländische Besucher in Japan aus China, Tendenz steigend. Tourismus trägt rund sieben Prozent zur japanischen Wirtschaftsleistung bei. China weiß um solche Abhängigkeiten und nutzt seine wirtschaftliche Macht immer wieder, um politischen Druck auf andere Länder auszuüben. Zu spüren bekamen das jüngst etwa die USA, als China im Handelsstreit mit Washington zeitweilig die Ausfuhr seltener Erden beschränkte. Peking kontrolliert rund 90 Prozent des Geschäfts mit den wichtigen Rohstoffen.
Auch im Streit mit Japan hat China seine Dominanz bei den seltenen Erden schon einmal spielen lassen: 2010, nach einem Streit um die von Tokio kontrollierten, aber von Peking beanspruchten Senkaku- beziehungsweise Diaoyu-Inseln, blockierte China den Export der Rohstoffe nach Japan. Als Reaktion reduzierte Japan seine Abhängigkeit von China bei seltenen Erden schrittweise, von mehr als 90 auf heute unter 60 Prozent.
Mit seinen zahlungskräftigen und reisefreudigen Bürgern hat China nun ein neues Druckmittel gefunden. Japanische Ökonomen haben bereits ausgerechnet, dass Pekings Reise-Boykott das ohnehin langsame Wachstum der japanischen Wirtschaft um 0,3 Prozentpunkte verringern könnte. (Quellen: Nikkei, chinesisches Außenministerium, chinesische Botschaft in Japan, People‘s Daily, Kyodo, Wall Street Journal, CNBC, eigene Recherchen)
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